Lokales

Wernau im "Drei-Wörter-Takt"

Die äußeren Bedingungen hätten besser nicht sein können. Blauer Himmel und strahlender Sonnenschein sorgten dafür, dass es am Samstag trotz nicht eben frühlingshafter Temperaturen entlang der gesperrten Wernauer Ortsdurchfahrt von Menschen nur so wimmelte. Verwunderlich war dabei für Neulinge wohl nur, dass sich offensichtlich alle auf die zu erwartenden Niederschläge freuten . . .

WOLF-DIETER TRUPPAT

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WERNAU Schon lange vor Beginn des ungemein viele Menschen aus nah und fern anlockenden Umzugs war die Stimmung entlang der zweifellos nicht das ganze Jahr über sich solch überschäumender Begeisterung erfreuenden Ortsdurchfahrt kaum zu überbieten. Erfahrene Umzugsbesucher stellten ihr Vehikel schon kurz nach Erreichen des Ortsschildes ab und legten die restliche lange Wegstrecke zu Fuß zurück. Frühzeitig anreisende Fremde kamen dadurch problemlos bis zum im Herzen der Stadt noch überraschend viele freie Parkflächen anbietenden zentralen Punkt Tiefgarage.

Der Zeitpunkt der Anreise war tatsächlich entscheidend, denn fast in Sekundenschnelle wurden die Straßenränder immer breiter und zielgerichtetes Vorankommen bald nur noch im Bereich des für die vielen Narren dann doch nicht in der Straßenmitte ausgerollten roten Teppichs möglich. Der hätte freilich vieles zu ertragen gehabt, denn schon die Füße der weit über 3 500 Hästräger, die einmal mehr die Wernauer Stadtmitte durchschritten, hätten wohl deutliche Laufspuren hinterlassen. Dazu kamen unterschiedlichste Fahrzeuge, denn Prinzenpaare oder beispielsweise auch ganz besonders viel süße Gaben unters Volk werfende Stadträte müssen sich ja doch etwas unterscheiden vom frei laufenden sonstigen Faschingspersonal.

Höchst interessant und amüsant mutete aber tatsächlich an, was schon lange vor Beginn des eigentlichen Ereignisses am Wegesrand alles zu entdecken war. Abenteuerlichste Verkleidungen waren da zu sehen, obwohl zuweilen auch berechtigte Zweifel aufkommen konnten, ob das tatsächlich alles Verkleidung war oder zuweilen doch auch nur ernst gemeinter samstäglicher Freizeitchic . . .

Dass insgesamt auf korrekte Kleidung Wert gelegt und vor allem da-rauf geachtet wird, dass möglichst niemand ohne "Krawatte" den Umzug abnimmt, der in diesem Jahr aus über 90 Gruppen mit über 3 500 Hästrägern bestand, wurde vor Ort schnell deutlich. "Bezahlt" stand schließlich groß und deutlich auf dem wie eine Krawatte wirkenden Teil, das nicht nur Eintrittskarte und Programm, sondern auch wichtige Orientierungshilfe war. Die dort gewissenhaft aufgelisteten Narrenrufe, die beim Vorbeidefilieren der jeweiligen Hästrägergruppe fröhlich und laut jeweils drei Mal zu wiederholen waren, öffneten schließlich auch völligen Neulingen in der Szene etwas den Zugang zu der wundersamen Welt der bekanntermaßen in Wernau jedes Jahr aufs Neue wieder zur Höchstform auflaufenden schwäbisch-alemannischen Fastnacht.

Fröhlich, ausgelassen und einfach mitreißend ging es schon vor Beginn des äußerst gut organisierten und dann auch noch von strahlender Sonne verwöhnten Umzugs der Hästräger zu. Alles sang mit, tanzte und lachte, während unter dem entfesselnden Einfluss von "Waterloo" und "Knallroten Gummibooten" noch schnell Flaschen entkorkt und vorbeidefilierende Bekannte ganz besonders heftig umarmt und geherzt wurden, weil man sie wegen der roten Nase oder der grünen Haare, der passend zum schwarzen Umhang übergestülpten Totenmaske oder dem lustigen Piraten- oder Meeresjungfrauen-Outfit nicht sofort erkannt hatte.

Dann aber läutete die unbarmherzige mikrofonische Stimmungsprobe mit einem dreifach geschmetterten "Hecka-Heala, hoi, hoi, hoi" mit schrillem Ernst den Beginn der munteren Parade ein, deren Teilnehmer mit dem jeweils dreifach lautstarken Wiederholen der von der umgehängten "Krawatte" abzulesenden und vom Moderatorenduo markdurchdringend "soufflierten" Schlachtrufe gebührend zu begrüßen waren.

"Halli Galli", "Goischter hui", "Erlen Wölf", "Lokäs-Träppler" oder auch nur "hui dä dä" lauteten etwa die Vorgabe jeweils dreifach zu skandierender Narrenrufe des Anfangsteils, der aber auch schon mit deutlich schwierigeren Aufgaben wie "Hexafries und Muckenschiss Bitsche, Batsche heul, heul, heul" oder "Kaschber Hepp, Kaschber Hepp, Kaschber Hepp, Hepp, Hepp" aufwartete.

Besonders sperrig kamen dann zunächst die direkt dem Wernauer Ski- und Snowboardverein mit dem inzwischen längst schon leicht über die Lippen gehenden "Hecka-Heala hoi, hoi, hoi" folgenden Mitglieder der Narrenzunft Stafflangen daher, die dem Publikum mit "Zia it so s'isch it so" nicht eben wenig abverlangten. Ganz besonders elitär wollten aber die Mitglieder des Besigheimer Narrenvereins begrüßt werden. "Schalkstein-Narren, Vierteles-Schlotzer, in vino veritas" das war wirklich fast etwas zu viel "großes Latinum" für die sich immer breiter machende gute Laune.

Der ausgelassenen Stimmung am Straßenrand konnten aber auch solche ganz besonderen Herausforderungen keinen Abbruch tun, wohl schon eher die beiden unterschiedlich lauten und nicht nur ein Mikrofon, sondern oft auch einen doch recht kurzen Narrenruf noch gewissenhaft untereinander aufteilenden Moderatorinnenstimmen . . .

Nach dem samstagabendlichen Fasnetsball mit dem "Dampfhammer unter den Partybands" geht es in der Fasnetshochburg Wernau heute Abend ab 19.30 Uhr weiter mit der in der Rathausgarage und anderen Wernauer Lokalitäten zelebrierten "Fasnet in der Hölle". Am morgigen Dienstag steht dann ab 14 Uhr ein Kinderfest in der Stadthalle im Wernauer Quadrium und um 20 Uhr dann im Narrendorf das "Fasnetsbegräbnis" auf dem Programm, das einen endgültigen Schlusspunkt unter das muntere Treiben setzt.

Die Flaniermeile der Narren wird dann schnell wieder zu dem, was sie außerhalb der Träume verwirklichenden fünften Jahreszeit tatsächlich ist: eine stark frequentierte Ortsdurchfahrt die mit ihren Anliegern allerdings schon darauf wartet, im nächsten Jahr wieder zum Quell überbordender und ungetrübter Fasnetsfreuden zu werden . . . Fotos: Jörg Bächle