Lokales

Wespenwaben weckten zahlreiche Ideen

Vor 165 Jahren erfand Friedrich Gottlob Keller das Holzschliffverfahren

Die Natur macht klug. Seit jeher inspiriert sie Erfinder und Künstler gleichermaßen. Auch bei den Wespen haben sie sich einiges abgeschaut.

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Erika Hillegaart

Lenningen. Wenn die Frühlingswärme die Wespenkönigin weckt und diese ihre Waben webt und klebt, lässt sich folgende Geschichte erzählen: Vor 165 Jahren erfand Friedrich Gottlob Keller das Holzschliffverfahren zur Papierherstellung. Er hatte Wespen beobachtet, wie sie ihr Nest aus eingespeichelten feinsten Holzfasern bauen – eine geradezu bestechende Idee. Dieser Erfinder erschloss eine neue Rohstoffbasis für eine preiswertere Papierproduktion und trug damit zur Wissens-und Informationsverbreitung bei.

Aus Wellpappe und Bienenwachs schuf die Künstlerin Katharina Grindler zwei ineinander gesetzte halboffene Schalen für einen Kellerraum des 1989/92 renovierten Oberlenninger Schlössle. Der Volksmund hatte flugs dieser großformatigen Installation im Eingangsbereich zum Museum für Papier -und Buchkunst den Namen „Wespennest“ gegeben. Es ist zum Symbol geworden für das Museum, für den ganzen Renaissancebau mit der Bücherei und den Papierkreationen und schließlich auch für das Lenninger Papiermachertal. Diese künstlerische Arbeit erinnert intuitiv an die Erfindung der modernen Zellstoff- und Papierherstellung.

Es ist nun 235 Jahre her, dass in Oberlenningen Papier geschöpft wurde in der Papiermühle des Johann Christian Illig mit der herzoglichen Konzession zum Lumpensammeln im gesamten Oberamt Kirchheim. Haderlumpen waren jahrhunderte- lang der Rohstoff für die Papierherstellung, in den 15 Mühlen von Württemberg genau so wie überall anderswo. Der Mangel an Leinenlumpen für die Papierherstellung hatte schon vor 300 Jahren zum Experimentieren mit Pflanzenfasern und Holz angeregt, das jedoch kein qualitativ brauchbares Papier ergab. Der französische Physiker Ferchault de Reaumur war ebenfalls von der Kunst des stockwerkartigen Wespenbaus fasziniert und schrieb 1719 der französischen Akademie der Wissenschaften in Paris: „Die amerikanischen Wespen bilden ein sehr feines Papier, ähnlich dem unsrigen. Sie lehren uns, dass es möglich ist, Papier aus Pflanzenfasern herzustellen, ohne Hadern oder Leinen zu brauchen. Sie scheinen uns geradezu aufzufordern, zu versuchen, ebenfalls ein feines und gutes Papier aus gewissen Hölzern herzustellen . . .“.

Nicht nur Schwaben sind Tüftler und Sinnierer. Der findige Sachse Friedrich Gottlob Keller aus Hainichen war ein rastloser Geist, den technisch-mechanische Vorgänge faszinierten und zu Verbesserungen anregten. 1843 entwickelte er das Holzschliffverfahren aufgrund seiner Betrachtung der Wespennester mit ihrer papierähnlichen Hülle. Bei der Entwicklung des praktischen Verfahrens, durch mechanisches Schleifen feinste Holzfasern zu gewinnen, half ihm auch eine Kindheitserinnerung an löchrig geschliffene Kirschkerne. „Dies nachzuahmen war kein Problem und ging rasch. Die ersten Papierfetzchen entstanden durch Kleckse der gekochten, eingedickten Holzfaserpampe auf der Tischdecke. Das am Ofen getrocknete groschengroße reine Holzpapier war noch vor dem Abendessen fertig“, heißt es in seinen Erinnerungen.

Auf seinem neuen Papier druckte man ab 1845 das Frankenberger Kreisblatt. Er habe mit dem vergleichsweise billigen Papier den Grundstein des modernen Zeitungswesens gelegt, wird seine Erfindung gewürdigt. Dazu kam die Entwicklung der Rotationsdruckmaschine vor 150 Jahren durch den Amerikaner William Bullock.

Dem gelernten Weber und Buchbinder Friedrich Gottlob Keller fehlten die finanziellen und technischen Mittel, seine Erfindung industriell umzusetzen. Er bot sie vergeblich verschiedenen Papierfabriken an. Der in Heidenheim geborene Heinrich Voelter, der zur Zeit der Keller-Erfindung in Bautzen Direktor einer Papierfabrik war, erkannte jedoch sofort die Tragweite dieser Erfindung. Er erinnerte sich an den väterlichen Betrieb im Brenztal, wo man Erfahrungen mit Stroh- und Hanfzusätzen bei Pack- und Postpapieren hatte. Er kaufte die Erfindung für ganze 700 Taler und begann 1846 in seinem Heimatort mit dem Schlosser Johann Matthäus Voith, eine Holzstoffmaschine zu entwickeln. Wenige Jahre lief an zwei Maschinen in der Voel­terschen Papierfabrik die Produktion erfolgreich an. Das Holzpapier wurde 1854 auf der Deutschen Industrieausstellung in München bekannt und ausgezeichnet. Der Heidenheimer stellte 1867 seine Holzschleifmaschine auf der Weltausstellung in Paris aus. Er errang hohe Auszeichnungen und verkaufte seine Patente in ganz Europa und Amerika.

Der Schlosser Johann Matthäus Voith begann damals mit dem Bau von Papiermaschinen. Seit rund 200 Jahren haben zahlreiche Erfindungen, etwa des Holländers, der Längssiebmaschine und Streichmaschinen die maschinelle Fabrikation unterschiedlicher Papiersorten ermöglicht. Papiermaschinen von Voith sind heute in allen Kontinenten. Über 5000 Patente sichern den Welterfolg. Voith-Maschinen produzieren auch in der Papierfabrik Scheufelen die hochwertigen Papiere. Die Heidenheimer Weltfirma pflegt seit Generationen bis heute auch auf personeller Ebene – etwa bei der Lehrlingsausbildung – ihre Verbundenheit mit Oberlenningen.

Mit rund tausend Museen und Sammlungen bietet Baden-Württemberg eine vielfältige Museumslandschaft. Eine gute Museumspädagogik macht Geschichte lebendig. Auch das Museum für Papier- und Buchkunst im Oberlenninger Schlössle vermittelt – neben dem kleinen Hausmuseum mit Zufallsfunden aus vier Jahrhunderten – lokale Geschichte, überregionale Kunst und internationalen

Künstlerisch verwertete Teebeutel

Erfindergeist: Wie geschickt manche Kunstobjekte Papiergeschichten erzählen. Sie feiern die Meisterin Natur: Die mit Gräsern und Blättern strukturierten Papiere und Schalen erinnern an die chinesische Herstellung des Stoffs durch Zerstampfen, Kochen und Wässern sowie Entstehen des Vlieses über einem Sieb. Das Objekt „Linien und Flächen“ weist auf die ursprünglichen Rohstoffe Leinen und Hadern. Das Kunstobjekt „Buchholz“ spielt mit der Wortherkunft von Buchstaben und Buch. Bei dem Regalwerk „Medien in Bewegung“ ist Zeitungs- und Buchpapier recycelt, also ein Hinweis auf den Rohstoff Altpapier. Teebeutel, just vor hundert Jahren erfunden, sind künstlerisch verwertet zu einem transparenten Kinderkleidchen. Die raumfüllende Installation „Sequenz“ in einer Dachkammer schließlich bringt die moderne Papierflut zur visuellen Sprache.

So ist das exquisite Lenninger Museum ein Ort der gemeinsamen Erinnerung und der lebendigen Gegenwart an den universellen Kulturträger Papier. Zudem ist noch bis zum 30. Mai im Foyer des Landratsamts in Esslingen die Ausstellung „Papierwende – zukunftsfähig mit Papier“ zu den üblichen Öffnungszeiten zu sehen.