Lokales

WG der Kunstschaffenden

Sven Falk, Michael Mayer und Jürgen Roesner leben und arbeiten in der Stelle 21 im Dettinger Berger-Areal

Dettingen. In dem alt-ehrwürdigen Gebäude in Dettingen war früher die Verwaltung der Tuchfabrik Berger untergebracht, heute leben und

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heike allmendinger

arbeiten dort ein Künstler, ein Handwerker und ein Fotograf in einer Art „Künstler-WG“ zusammen: Die Stelle 21 im Dettinger Berger-Areal ist mittlerweile fest in den Händen der Kunstschaffenden Michael Mayer, Sven Falk und Jürgen Roesner.

Zwar legt Michael Mayer, der Handtaschen und unterschiedliche Accessoires aus Leder herstellt, Wert darauf, nicht als Künstler, sondern vielmehr als Handwerker bezeichnet zu werden – dennoch stellen seine Kreationen wahrhafte Kunstwerke dar: So produziert der 43-Jährige in seiner Ledermanufaktur hauptsächlich Handtaschen, aber auch Schreibtischsets, Gürtel und Geldbeutel aus Leder, das er von regionalen Gerbereien bezieht. „Ich will das Leder nicht überdecken, weil es sehr hochwertig ist. Deshalb sind an den Taschen so wenig Schnörkel wie möglich zu finden“, betont der gelernte Schuhmacher. „Das ist zwar völlig konträr zur derzeitigen Taschenmode“, räumt Michael Mayer ein. Dennoch setzt er auf schlichte Eleganz und zum Teil ausgefallene, aber dennoch zurückhaltende Details: So hat er zum Beispiel in eine Tasche einen recycelten Autosicherheitsgurt eingearbeitet, den man vielleicht erst auf den zweiten Blick als solchen erkennt, an einer weiteren entdeckt man Teile von gebrauchten Fahrradreifen.

Vor 18 Jahren hatte Michael Mayer gemeinsam mit anderen Handwerkern, Künstlern, Fotografen, Bildhauern, Malern und Musikern die WG in der Stelle 21 gegründet. Während sich seine Mitbewohner im Lauf der Zeit andere Orte für ihre Ateliers gesucht haben und stattdessen „Nicht-Kunstschaffende“ eingezogen sind, hält der „Handtaschen-Kreateur“ dem ehemaligen Industriegebäude, das 1874 erbaut wurde, bis heute die Treue. Im Jahr 2001 wurde schließlich der Fotograf Sven Falk auf die WG aufmerksam, zwei Jahre später kam der Künstler Jürgen Roesner hinzu.

Die Handtaschen von Michael Mayer jedenfalls lassen nicht nur die Herzen der Damenwelt höher schlagen – sie sind auch begehrte Objekte seines Mitbewohners Sven Falk, der die Lederprodukte aus interessanten Blickwinkeln ablichtet. Einige der Fotografien sind an den Wänden im Treppenhaus der Stelle 21 zu bewundern.

In den vergangenen Wochen war der Fotograf außerdem dabei, anlässlich des 1 050-Jahr-Jubiläums der Stadt Kirchheim Porträtbilder von ehrenamtlich tätigen Menschen aus der Tecktadt aufzunehmen. „Geplant sind insgesamt 1 050 Porträts von unterschiedlichen Fotografen, die in den Kirchheimer Geschäften ausgestellt werden. Ich selbst habe etwa 200 Bilder gemacht“, informiert der 38-Jährige, der am liebsten Menschen fotografiert. Hoch im Kurs stehen aber auch Landschaften und Objekte – wie zum Beispiel die Werke des Künstlers Jürgen Roesner, der sich unter anderem der Brezel verschrieben hat. Auch diese Fotografien hängen im Treppenhaus der Stelle 21.

„Die Brezeln sind ein wichtiger Teil meiner Arbeiten“, unterstreicht der 54-jährige Jürgen Roesner. Etwa 50 verfremdete, edle, aber auch skurrile, bunt bemalte und lustige Brezeln hat der Künstler schon geschaffen. In seinem Sortiment entdeckt man zum Beispiel eine mit Birkenrinde verkleidete Brezel, eine „Teddybär-Brezel“ aus Plüsch, ein mit Tannenzapfenschuppen beklebtes Exemplar, eine Weihnachts-Brezel umhüllt mit der Verpackung eines Schoko-Nikolauses und eine Brezel mit Litschi- und Orangenschalen umhüllt. „Meine erste Brezel ist zufällig entstanden. Vor einigen Jahren hatte ich an Ostern die Idee für ein buntes Exemplar“, erzählt der Vorsitzende des Kirchheimer Kunstvereins. Nach und nach hat er dann seine Brezel-Kunstwerke weiterentwickelt. Entschieden hatte er sich für das Gebäck, weil „die Brezel einer liegenden Acht gleicht, die für Unendlichkeit steht“. Außerdem bedeutet sie für den Künstler „ein Bekenntnis zur Heimat.“ Für seine Experimente verwendet Jürgen Roesner selbstredend stets altbackene Ware.

„Die Brezel ist ein Gag mit großem Wiedererkennungswert, obwohl sie entfremdet ist“, sagt Jürgen Roesner. Genauso wichtig sind dem Künstler aber auch seine anderen Werke. „Hier müssen sich die Menschen mehr Gedanken darüber machen, was dahintersteckt.“ So hat der Künstler eine Vorliebe für Figürliches und dafür, mit Naturmaterialien wie Wurzeln, Hölzern oder Früchten zu arbeiten. In einer seiner Collagen hat er zum Beispiel Mais-, Sellerie- und Lauchwurzeln integriert. „Ich will damit zeigen, dass es viele unterschiedliche Kulturen gibt, die aber alle ihre Wurzeln haben und deshalb zusammen-gehören.“

„Die Ideen eines Künstlers werden durch das genährt, womit er sich beschäftigt“, weiß der Landschaftsgärtner und Baubiologe, der sich darüber hinaus für Philosophie und Spiritualität interessiert. Aber auch das Thema Klimawandel spielt in einem seiner Werke eine Rolle. Jürgen Roesner begreift seine Arbeit als „eine meditative Angelegenheit“. So lässt er sich zum Beispiel bei den Bildern, die er mithilfe eines Bügeleisens herstellt, „einfach treiben“. Dabei streicht der Künstler das heiße Eisen mit Wachsfarben ein und führt es übers Papier. „Dann lasse ich mich überraschen, was herauskommt“, beschreibt Jürgen Roesner. Das Ergebnis der Bügeleisenmalerei sind verschwommen wirkende, in allen Farben leuchtende Bilder, die ineinan­der verwobene Gestalten oder Landschaften zeigen. Bei jedem Blick entdeckt der Betrachter etwas Neues und wird dazu eingeladen, seine eigene Geschichte „zwischen den Zeilen“ herauszulesen.