Lokales

Wichtige Antriebsachse im Stadtteil

Zwölf Jahre lang wirkte der evangelische Pfarrer Wilhelm Keller an der Ötlinger Johanneskirche. Gestern wurde der "Netzwerker" unter großer Beteiligung der Bevölkerung verabschiedet. Wie tief der Seelsorger in dem Stadtteil verwurzelt und wie gut sein Draht zu den anderen Institutionen war, beweisen die Auftritte von Musikverein und Schlepperfreunden.

ANKE KIRSAMMER

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KIRCHHEIM Erinnerungen an das Ötlinger Hägelesfest wurden wach, als gestern am Spätnachmittag vor der Kirche Traktorenlärm ertönte und dicke Rußwolken die Besucherreihen einnebelten. "Aufsitzen" und eine Runde auf dem Schlepper gedreht, hieß es für Pfarrer Wilhelm Keller, nachdem er den Talar abgestreift hatte.

Kirchengemeinderat Fritz Birkenmaier hatte zuvor in der aus allen Nähten platzenden Johanneskirche von einer "reichen, bewegten Zeit" mit Wilhelm Keller gesprochen, in der viel auf den Weg gebracht worden sei. "Gottesdienste für alle Alters- und Zielgruppen haben bei ihm immer im Mittelpunkt gestanden." Eine Ahnung davon bekamen die Gäste am Sonntag. Neben Kirchenchor und Organist sorgte auch eine Band mit fetzigen Rhythmen für die musikalische Umrahmung.

"Altes bewahren und Neues angehen", zwischen diesen beiden Polen bewegte sich Wilhelm Keller in Ötlingen. "Arbeiten musste ich hier ganz ordentlich", sagte er. Dank vieler engagierter Menschen sei er dabei aber nie allein gewesen. Der Pfarrer lobte die gute Zusammenarbeit mit altem und neuem Kirchengemeinderat, den Hauptamtlichen, in der Ökumene, mit den Vereinen, den sozialen Diensten der Stadt und dem Brückenhaus in der Stadtteilarbeit.

"Viel Herzblut" entdeckte Dekanin Renate Kath im Wirken Wilhelm Kellers. Beispielhaft zog sie den "Eckpunkt" in Kirchheim heran und nannte den Ötlinger Pfarrer einen der Väter dieses Hauses der Diakonie. Im Namen des Kirchenbezirks wünschte Renate Kath dem 53-Jährigen zusammen mit seiner Frau Amanda einen guten Start in Bad Urach. Dort wird Wilhelm Keller in zwei Wochen eine Pfarrstelle an der Amanduskirche übernehmen.

Während des anschließenden Ständerlings im katholischen Gemeindezentrum Peter und Paul beschrieb Werner Dohrn, frischgebackener Erster Vorsitzender des Gesamtkirchengemeinderats Kirchheim und des Ötlinger Kirchengemeinderats, Wilhelm Keller als Pfarrer "mit unbändiger Energie". Er habe die Gabe zu motivieren und zu inspirieren. Statt zu reden, sei es ihm stets um die Suche nach konkreter Hilfe gegangen. "Wichtigster Arbeitsplatz war für Sie nicht das Pfarrhaus, vielmehr waren es die Wohnungen der Menschen." Als roter Faden zog sich durch die Redebeiträge die Jugendarbeit als das große Thema Wilhelm Kellers nicht nur während seiner Zeit als Jugendpfarrer. "Er lud ein zu bedachter Grenzüberschreitung, als hätte er die behäbige Kirche auf diesem Gebiet wachrütteln wollen", so Dohrn. Bei aller Eigenständigkeit habe die Jugendarbeit aber nie den Bezug zur Gemeinde verloren. Bester Beweis seien die vielen jungen Leute im Kirchengemeinderat, der momentan ein Durchschnittsalter von 42 Jahren habe. Das von Dohrn zitierte "Sündenregister" Kellers sorgte indes für Schmunzeln unter den zahlreichen Gästen: Das vorübergehende Hissen der VfB-Fahne am Pfarrhaus gehörte ebenso dazu wie der Eintritt in den Ötlinger Fußballverein und die Teilnahme am Frühschoppen.

An legendäre Fußballspiele zwischen Gemeinderäten und Pfarrern, bei denen auch Wilhelm Keller gegen das runde Leder trat, erinnerte Kirchheims Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker. Er sei weit mehr als "nur" evangelischer Pfarrer gewesen. Sie bezeichnete ihn als "Netzwerker" und "Gemeinwesenarbeiter", der ein feines Gespür dafür habe, was eine Gemeinde brauche. "Sie waren eine wichtige Antriebsachse im Stadtteil", so die Rathauschefin. Der "Pfarrer zum Anfassen" habe nicht nur die Öffnung der Kirche vorangetrieben, sondern auch die Kooperation mit der Stadt gesucht. Zahlreiche Berührungen habe es mit der offenen Jugendarbeit gegeben. Beispielhaft griff Angelika Matt-Heidecker die gelebte Nachbarschaft zwischen Kirche und Brückenhaus in Ötlingen heraus. Nicht zuletzt sei auf Kellers Betreiben hin das Drogenpräventivprogramm in Ötlingen auf die Beine gestellt worden.

Aufgelockert von zahlreichen Musikstücken und Darbietungen verschiedener Gruppen, nutzten Vertreter anderer Kirchen, der Diakonie, der Schulen und der Ortschaftsverwaltung das Forum, um Wilhelm Keller ihre Anerkennung auszusprechen und ihm für sein Wirken in Bad Urach alles Gute zu wünschen.