Lokales

"Wichtige Wegmarke" auch für eine Kirche

Die evangelische Kreuzkirchengemeinde in Kirchheim hat am Wochenende Jubiläum gefeiert. Vor genau 50 Jahren war die Kirche in der Limburgstraße eingeweiht worden. Besondere Gäste des jetzigen Festwochenendes waren Landesbischof Frank Otfried July und Werner Dierlamm, der "Gründungspfarrer" der Kreuzkirche.

ANDREAS VOLZKIRCHHEIM "Die Teilnehmer des Einweihungsgottesdiensts saßen vor 50 Jahren auf denselben Bänken, vor derselben Kanzel, demselben Kreuz und demselben Taufstein als ob sich nichts geändert hätte", sinnierte Günther Erb, der Vorsitzende des Kirchengemeinderats, in seiner Begrüßung zum Beginn des Jubiläumsabends am Samstag. Tatsächlich habe sich aber sehr viel getan, was Günther Erb in Zahlen belegte: "Inzwischen haben mehr als 2 600 Gottesdienste stattgefunden. Über 100 000 Menschen dürften daran teilgenommen haben."

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Dass sich im November 1956 sogar in relativ kurzer Zeit sehr viel getan haben musste, berichtete der damalige Pfarrer Werner Dierlamm, indem er zwei Bilder aus dem Fotoalbum beschrieb. Das erste zeige den Innenraum der Kreuzkirche ohne Bänke und die Empore ohne Brüstung. Darunter sei zu lesen: "In einer halben Woche soll die Kirche eingeweiht werden." Dass schließlich doch alles rechtzeitig fertig wurde, belege das zweite Foto, auf dem die Kirche am Einweihungstag zu sehen sei ohne Baugerüst, dafür aber mit blumengeschmückten Säulen vor dem Haupteingang.

Außer dem Austausch von Erinnerungen sollte der samstägliche Festabend Pfarrer Bernd Küster zufolge auch dazu dienen, dass sich die gegenwärtigen Gruppen der Gemeinde vorstellen konnten. Diese Gelegenheit nahm das Frohe Alter ebenso wahr wie die meditative Tanzgruppe, der Kirchenchor, der Kindernachmittag, der aktuelle Konfirmandenjahrgang und der Kirchengemeinderat. Darüber hinaus sorgten an beiden Jubiläumstagen der Posaunenchor, das Vocal-Ensemble und der Kinderkirchenchor durch ihre musikalischen Beiträge für den passenden festlichen Rahmen.

Dass 50 Jahre im Leben eines Menschen eine "wichtige Wegmarke" seien, betonte Landesbischof July in seiner gestrigen Predigt. Die Kirche allerdings denke in Traditionen und verlasse sich auf Worte, "die über 2000 Jahre alt sind". Weil die Kirche aber dennoch mit ihrer jeweiligen Zeit verbunden sei, kam der ranghöchste Geistliche der Württembergischen Landeskirche gestern in der Kreuzkirche zu folgendem Schluss: "50 Jahre sind eine Spanne, die man auch als Kirche feiern darf."

Dass er sich mit der Festschrift der Kreuzkirchengemeinde befasst hatte, belegte Frank Otfried July gleich zu Beginn seiner Predigt, indem er mit lokalem Fachwissen glänzte: Die Kanzel der Kreuzkirche werde wegen ihrer Kacheln auch "Backofen" genannt, wusste der Landesbischof zu berichten und fügte launig hinzu: "Das ist das erste Mal, dass ich in einem Backofen predige." Dabei stellte July dann zwei verschiedene Bedeutungen des Wortes "Kirche" heraus, zum einen das Gebäude und zum anderen die Mitglieder. So gab es in der Limburgstraße ja nicht nur das 50-jährige Bestehen der Kreuzkirche zu feiern, sondern auch das 50-jährige Bestehen der Kreuzkirchengemeinde.

Gerade auf die Gemeinde richtete der württembergische Landesbischof in seiner Predigt ein besonderes Augenmerk: Wenn er nämlich nach der Zukunft der Kirche gefragt werde, nach seinen Visionen, dann verweise er gerne auf die Worte des gestrigen Predigttexts: "Dienet einander, ein jeder mit der Gabe, die er empfangen hat, als die guten Haushalter der mancherlei Gnade Gottes." Frank Otfried July legte diese Worte gestern folgendermaßen aus: "Natürlich haben wir Fragen, Probleme, Herausforderungen. Aber wenn wir spüren, dass wir miteinander Kirche sind, dann hat sie auch Zukunft, und dann braucht uns nicht bange zu sein."

Diese Position vertrat auch Dekan Hartmut Ellinger in seinem Grußwort an die Gemeinde: "Nur miteinander können wir unseren Aufgaben als Kirche wirklich nachkommen." Die Kreuzkirche habe diese Aufgabe durch ihren Namen sogar immer vor Augen: "das Wort vom Kreuz weiterzutragen" auch wenn es andere als Ärgernis, als Torheit oder mit Achselzucken abtun.

Dass die Kirchen in der heutigen Zeit nicht mehr so wie einst im Mittelpunkt stehen, bedauerte Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker als Vertreterin der weltlichen Gemeinde ausdrücklich. Die biblischen Geschichten seien vielen Menschen nicht mehr präsent, und auch die kirchlichen Feiertage hätten ihre gesellschaftliche Bedeutung weitgehend verloren. Dabei komme den Aktivitäten der kirchlichen Gemeinde eine wichtige Funktion in der weltlichen Gemeinde zu: "Die Kirche bringt zum Ausdruck, dass es auch noch andere Werte gibt als nur eine Kosten-Nutzen-Analyse."

Wie wichtig die kirchliche Jugendarbeit auch für die Schule ist, betonte Rektor Gerhard Klinger von der benachbarten Raunerschule: "Mit ihrer offenen Jugendarbeit leistet die Kreuzkirche Vorbildliches." Die gute Nachbarschaft mit der Kreuzkirche lobten auch Pfarrerin Anna-Christina Fischer von der "Tochtergemeinde" an der evangelischen Thomaskirche sowie Pfarrer Winfried Hierlemann von der Kirche Maria Königin im Namen der beiden katholischen Kirchengemeinden Kirchheims.

"Gründungspfarrer" Werner Dierlamm erinnerte schließlich noch daran, dass am gestrigen zweiten Jubiläumstag der Kreuzkirche die "Friedensdekade" begonnen habe, die noch bis zum Buß- und Bettag am 22. November daure. 1956, als die Kirche eingeweiht wurde, sei es erst elf Jahre her gewesen, dass der Zweite Weltkrieg zu Ende gegangen war. Die damaligen Gemeindeglieder auch er selbst als Pfarrer seien allesamt mehr oder weniger von den Kriegsereignissen betroffen gewesen, hätten Angehörige verloren, äußere wie innere Verletzungen davongetragen oder seien aus ihrer angestammten Heimat vertrieben worden.

Aus dieser Erinnerung heraus hätten er und sein Nachfolger Hans Hermann sich stets für Frieden und Gerechtigkeit eingesetzt und frühzeitig damit begonnen, Kriegsdienstverweigerer zu beraten. Immerhin ist die Gemeinde durch das Jahr ihrer Einweihungsfeier historisch auch eng mit der Einführung der Wehrpflicht in der Bundesrepublik verbunden: 1956 waren die ersten Wehrdienstleistenden eingezogen worden. Von Anfang an setzte die Kreuzkirchengemeinde also ein Zeichen für das Recht auf Verweigerung, und seit 1973 haben bereits zwei Dutzend Zivildienstleistende ihren Dienst in der Gemeinde absolviert.