Lokales

Wider die „Sinnstiftung durch Action“

Zum Angebot der Gesamtkirchengemeinde im „Jahr der Stille“ gehört auch ein großer Würfel

Verschiedene christliche Kirchen und Organisationen haben das Jahr 2010 zum „Jahr der Stille“ erklärt. Das heißt nicht, dass es 2010 wirklich stiller zugehen wird als in anderen Jahren. Aber die Menschen sollen aufgefordert werden, nachzudenken, zur Ruhe zu kommen, sich zu besinnen, ihren Alltag zu unterbrechen und zu „entschleunigen“. Im Chor der Kirchheimer Martinskirche gibt es dazu ein eigenes architektonisches Angebot: den „Würfel der Stille“.

Andreas Volz

Kirchheim. Jedes Jahr sucht sich Pfarrer Jochen Maier ein anderes Kunstprojekt für seine Konfirmanden aus. Dieses Mal musste es mit dem „Jahr der Stille“ zu tun haben. Also hat er die Idee mit dem Würfel entwickelt, und ein ehrenamtlicher Mitarbeiter der Martinskirche hat sie in die Tat umgesetzt. Nun könnte die berechtigte Frage auftauchen, was das alles mit den Konfirmanden zu tun hat – abgesehen von der vermeintlich modernen und jugendlichen Namensgebung: „cube of si­lence“. Die Konfirmanden hatten zwar mit der „Hardware“ nichts zu tun, dafür aber umso mehr mit der „Software“. Im „Würfel der Stille“ gibt es nämlich außer einem Tisch und einer Sitzgelegenheit nichts weiter als Karten. Auf diesen Karten sind entweder Bilder zu sehen oder einzelne Wörter. Beides – Bilder und Wörter – lässt sich beliebig miteinander verbinden und soll zum Nachdenken anregen, zur Meditation.

Die Konfirmanden haben Bilder und Wörter ausgewählt. Die Wörter sind völlig unterschiedlich in ihrer Form und Bedeutung. Auf den Karten steht beispielsweise: „Geburt“, „Finsternis“, „Licht“, „selig“, „Luft“, „Zeit“, „verwundert“, „Friede“ oder „Wasser“. Die Reihe ließe sich noch beliebig fortsetzen. Jochen Maier erklärt, wie die Jugendlichen gerade auf diese Wörter gekommen sind: „Sie haben Texte bekommen, und sie mussten die Wörter im Text so lange durchstreichen, bis nur noch das eine, das wichtige Wort übrig war. Sie haben den Text also ,leergelesen‘“.

Nun liegt es an den Kirchenbesuchern, im Würfel Platz zu nehmen und sich von Wörtern und Bildern ins­pirieren zu lassen zu einem Moment der Kontemplation. Den Würfel beschreibt Jochen Maier als einen „abgeschlossenen Raum, der aber trotzdem transparent ist“. Manche Besucher freilich trauen sich nicht ins Innere des Würfels. Aber viele kommen von vornherein in die Kirche, um dort Ruhe und Stille zu finden, fernab vom hektischen Alltag. Pfarrer Maier ist grundsätzlich erstaunt, „wie viele Menschen kurz in die Kirche kommen und sich hinsetzen“. Bedingt durch den S-Bahn-Anschluss betreten sogar noch wesentlich mehr Leute als zuvor die Martinskirche.

Ein Motiv für das Jahr der Stille sieht Jochen Maier darin, einmal ein ganzes Jahr lang das Innehalten, die Sammlung, die Unterbrechung zu thematisieren wie auch „die Lebensgeschwindigkeit, der wir immer ausgesetzt sind“. Er spricht auch von einem Bedürfnis in der Gesellschaft, dem ständigen Druck, der Pflicht und der Zeitnot entfliehen zu können. Dies anzubieten, gehöre zur kirchlichen Tradition, sei aber über lange Zeit hinweg vernachlässigt worden. Die Unterbrechung und Entschleunigung solle dazu führen, auch wieder neue Möglichkeiten in den Blick zu kriegen und wieder mehr auf Qualität als auf Quantität zu achten.

Jochen Maier spricht aber auch die größte Herausforderung der Stille unumwunden an: „Wenn‘s still wird, werde ich ein Stück weit auf mich selbst zurückgeworfen. Dann muss ich mich auch selbst aushalten.“ Gerade Jugendliche hätten damit immer größere Schwierigkeiten, weil sie immer weniger lernen, etwas mit sich selbst anzufangen. Pfarrer Maier nennt das „Sinnstiftung durch Action: Es muss was los sein, damit ich fühle, dass ich lebe“. Was als Unterhaltung verkauft werde, sei meistens nichts als Zerstreuung. Er beobachtet das auch auf dem PC-Spielemarkt: „Das ist nicht alles an und für sich schon gefährlich. Aber es gefährdet die jungen Menschen insofern, als es verhindert, dass mehr Lebenserfahrungen gemacht werden.“ Ein weiterer wichtiger Aspekt für Jochen Maier ist die Erfahrung, dass nicht alles schnell und einfach geht, dass vieles auch sehr viel Zeit und Raum für Entwicklung braucht. Außer zur Ruhe und zu sich selbst müssten die Menschen auch wieder zu mehr Geduld finden.

Die Möglichkeit dazu besteht im „Würfel der Stille“ noch bis zu den Pfingstferien. Weitere Angebote zum „Jahr der Stille“ sind im Internet unter www.evangelische-kirche-kirchheim-teck.de zu finden: Stichwort „Gesamtkirchengemeinde“ und anschließend „Jahresthema ,Jahr der Stille 2010‘“.

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