Lokales

Wie aus Wolken Spiegeleier werden

Mit einer Demenzkampagne möchte die Stadt für Toleranz im Umgang mit Erkrankten werben

Die Stadt Kirchheim startet eine Demenzkampagne. Damit soll verhindert werden, dass Menschen, die von Alzheimer oder anderen Demenzerkrankungen betroffen sind, nicht an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden. Auftakt der Kampagne war die Ausstellungseröffnung mit Bildern des Werbegrafikers und Malers Carolus Horn im Kirchheimer Klinikum.

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Antje Dörr

Kirchheim. Als die Alzheimer-Krankheit vom Geist des Werbegrafikers und Malers Carolus Horn Besitz ergreift, werden Wolken zu Spiegeleiern. Kinder bekommen Greisengesichter, Hunde schauen dem Betrachter aus menschlichen Antlitzen entgegen. Die Perspektiven stimmen nicht mehr, die Tiefe geht verloren, die Bilder verflachen. Je mehr die Krankheit fortschreitet, desto weniger kann man die Bilder des einst so erfolgreichen Werbegrafikers, der einige der bekanntesten Kampagnen des deutschen Wirtschaftswunders entwarf, von denen eines Kleinkinds unterscheiden. „Die Bilder nach Ausbruch der Krankheit sind ein bedrückender Indikator, wie sich seine Wahrnehmung durch die Demenz immer mehr verändert hat“, sagte der Pflegedirektor des Klinikums Kirchheim-Nürtingen Norbert Nadler bei der Ausstellungseröffnung. Dr. Ernst Bühler, der die Ausstellung organisiert hat, sieht die Bilder als „Fenster in die Lebenswelt eines Demenzkranken“, die man wohl mit medizinischen Begriffen nicht besser vermitteln könnte.

„Miteinander leben – Mit Demenz dazugehören“: So hat die Stadt Kirchheim die Demenzkampagne überschrieben. Kooperationspartner sind unter anderem die Esslinger Kreiskliniken, die Kirchheimer Pflegeheime, der Sozialpsychiatrische Dienst für alte Menschen (SOFA), die Sanwald-Stiftung und der Verein buefet. Der erste Teil der Kampagne besteht aus der Carolus-Horn-Ausstellung sowie aus vier Vorträgen, in denen es um medizinische und rechtliche Aspekte bei der Versorgung demenzkranker Menschen geht (siehe Infokasten). Im zweiten Teil, der nach den Sommerferien startet, soll die Bürgerschaft mobilisiert werden. Mit einer Info-Tour durch die Stadtteile möchte die Stadtverwaltung darauf aufmerksam machen, wie wichtig intakte Nachbarschaften sind, wenn demenzkranke Menschen möglichst lange in ihrer gewohnten Umgebung wohnen bleiben sollen. Personen des öffentlichen Lebens wie Verkäufer, Polizeibeamte oder Behördenmitarbeiter sollen für den Umgang mit Demenzkranken geschult werden.

„600 Menschen in Kirchheim sind aktuell dement, und es werden immer mehr“, sagte Kirchheims Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker beim Pressegespräch zum Auftakt der Demenzkampagne. Dazu kämen jeweils zwei bis drei Menschen, die als Angehörige ebenfalls mit Demenz zu tun hätten. Aufgabe der Stadt sei es, Netzwerke aufzubauen, um Menschen so lange wie möglich Teilhabe am öffentlichen Leben zu ermöglichen, so die Oberbürgermeisterin. Angelika Matt-Heidecker betonte die Bedeutung „guter Nachbarschaft“ für die Integration demenzkranker Menschen. Zunächst müssten aber Berührungsängste abgebaut werden. Auch Roland Böhringer, Leiter des Amts für Familie und Soziales, bezeichnete das Thema als „immer noch tabubehaftet.“ Ziel der Kampagne sei es, langfristig eine Veränderung des Denkens zu erreichen. „Wir wollen, dass sich die Menschen in der Stadt bewegen können, ohne Angst zu haben.“ Wenn Menschen hilflos werden, dürfe ihnen ihre Würde nicht abhanden kommen.

Die Ausstellung der Bilder des Werbegrafikers und Malers Carolus Horn, die den Titel „Wie aus Wolken Spiegeleier werden“ trägt, ist bis zum Samstag, 10. Juli, auf der vierten Ebene der Klinik Kirchheim zu sehen.