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Wie der Reußenstein über die Grenze nach Neidlingen kam

NEIDLINGEN Neidlingen und der Reußenstein sind untrennbar miteinander verbunden: Die Ruine sorgt nicht nur für einen markanten

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ANDREAS VOLZ

Talabschluss, der weithin sichtbar ist, sie ist auch ein beliebtes Ausflugsziel. Heerscharen von Wanderern suchen sie meist im "Doppelpack" mit dem Neidlinger Wasserfall auf. Außerdem gibt es eine "Reußensteinhalle" in dem Ort, der grundsätzlich als "Reußensteingemeinde" bezeichnet wird, sobald sich aus stilistischen Gründen eine wiederholte Nennung des Ortsnamens verbietet. Gewisses Erstaunen dürfte deshalb die Tatsache hervorrufen, dass nur ein Teil des Reußensteins auf Neidlinger Markung und damit innerhalb des Landkreises Esslingen liegt. Der größere Teil im Osten der Burgruine gehört nämlich zur Markung Wiesensteig und liegt im Landkreis Göppingen.

Dem einstigen Nürtinger Landrat Dr. Ernst Schaude war diese Tatsache schon im Frühsommer 1945 bewusst geworden. In zwei Schriftstücken, die der Redaktion des Teckboten vorliegen, berichtete er fast 50 Jahre später, wie er damals als Assessor zum Landratsamt Nürtingen kam und der Grenzziehung sogar noch einen Vorteil abzugewinnen wusste: Kurz nach Kriegsende war eine Beschwerde beim Landratsamt eingegangen, weil der Reußenstein mit nationalsozialistischen Symbolen und Parolen verunziert war. "Ausgerüstet mit einer Karte, in der die Kreisgrenze genau festgehalten war", sei er damals auf steinigen Feld- und Waldwegen zur Ruine gefahren, erinnerte sich Ernst Schaude viele Jahre später. Den Grund der Beschwerde hatte er ebenso rasch entdeckt wie die besondere Schwierigkeit, die es bereiten würde, wenn die Schmierereien entfernt werden sollten: "Es war mir sofort klar, daß es ohne Feuerwehrleitern nicht möglich war, in dieser Höhe die Aufschrift zu entfernen, und daß dies eine recht mühselige Arbeit sein würde."

Eine eingehende Prüfung des Kartenmaterials ergab dann aber, dass die verbotenen Wandbeschmutzungen im Kreis Göppingen liegen mussten. Für den damaligen Assessor, der nur kurze Zeit später Landrat wurde, war der Fall somit erledigt: "Erleichtert zog ich von dannen und gab die ,Entnazifizierung des Reußensteins' zuständigkeitshalber an das Landratsamt Göppingen ab. Der Antragsteller erhielt ordnungsgemäß Abgabenachricht. Irgendwann müssen die Relikte aus dem 3. Reich entfernt worden sein, denn als ich Jahre später wieder mal auf den Reußenstein kam, waren die Erinnerungen an das 3. Reich verschwunden."

Auch wenn die Burgruine auf der Grenze von Landkreisen liegt für den einstigen Landrat stand immer fest, "daß der Reußenstein eindeutig zur Landschaft des Neidlinger Tals gehört". Deshalb habe er 1965 auch keine Hemmungen gehabt, "den im Kreis Göppingen liegenden Teil für den Landkreis Nürtingen zu erwerben". Dieser Teil hatte zuvor der Württembergischen Hofkammer gehört. Der Neidlinger Teil des Reußensteins war im Besitz der Staatsforstverwaltung gewesen. Das gesamte Eigentum hat der Kreis damals den beiden Vorbesitzern abgekauft. "Der Kaufpreis schlug nicht sonderlich zu Buch, da die jeweiligen Eigentümer froh waren, eine Unterhaltungslast los zu haben", schrieb Schaude rund 30 Jahre später. Seit der Landkreis Nürtingen im Kreis Esslingen aufgegangen ist, befindet sich die Burgruine Reußenstein nun im Besitz des Landkreises Esslingen, der somit eine Teilimmobilie im Kreis Göppingen sein Eigen nennen kann.

Die Besitzverhältnisse des Reußensteins waren immer schon komplizierten Wandlungen unterworfen: Ende des 13. Jahrhunderts erbaut, gehörte der Reußenstein von der Mitte des 14. Jahrhunderts an zu Wiesensteig, das heißt zu den dort ansässigen Helfensteinern. Als 1627 der letzte Graf von Helfenstein starb, ohne männliche Nachkommen zu hinterlassen, gelangte die Herrschaft Wiesensteig auf Erbwegen und durch Verkauf zu zwei Dritteln an Kurbayern. Die dritte Helfensteiner-Tochter dagegen vermachte ihren Anteil dem Haus Fürstenberg, in das sie eingeheiratet hatte. Erst 1752 kam die gesamte Herrschaft endgültig in kurbayerischen Besitz, wie der Neidlinger Heimatforscher Paul Stierle vor 50 Jahren im Teckboten schrieb.

Anlass für Stierles damaligen Rückblick war die Erinnerung an das Jahr 1806, als sich die süddeutsche Landkarte durch Napoleons Eingreifen gewaltig verändert hatte. Augenblicklich befasst sich die viel beachtete Landesausstellung im Alten Schloss in Stuttgart mit der Erhebung Württembergs zum Königreich vor 200 Jahren und der damit einhergehenden Gebietserweiterung von ungeheurem Ausmaß. Im Zuge dieser Maßnahmen, durch die Friedrich I. einst Herzog und Kurfürst, ab 1806 dann der erste König von Württemberg von seiner Loyalität zu Napoleon profitierte, kam eben auch die bayerisch-katholische Herrschaft Wiesensteig und mit ihr der Reußenstein vor 200 Jahren zum Staatsgebiet des protestantischen Alt-Württemberg.

"Als Württemberg im Jahre 1806 in den Besitz des Reußensteins kam, war das ehemalige Grafenschloß eine Ruine, aus der alles, was nicht niet- und nagelfest war, den Weg in die benachbarten Höfe und Dörfer gefunden hatte", schrieb Paul Stierle 1956. Am Zustand der zerstörten Burganlage hatte sich in der Zeit zwischen den napoleonischen Kriegen und dem Zweiten Weltkrieg nicht viel geändert, sodass es im August 1965 nachdem der Landkreis Nürtingen den Reußenstein gekauft hatte im Teckboten hieß: "Will man die Ruine Reußenstein vor dem Ruin retten, muß einiges getan werden. Das Notwendige ist dort oben auf dem majestätischen Felsen über dem Neidlinger Tal gar nicht so einfach; denn man hat heute keinen ,Riesen Heim', der die Bauleute einfach hinausheben könnte, um sie in die Lage zu versetzen, das alte Gemäuer zu konservieren."

Eine besondere Herausforderung stellte bereits das letzte Wegestück des Materialtransports dar, bevor überhaupt an Baumaßnahmen zur Erhaltung des Gemäuers zu denken war. Die Bundeswehr war es, die damals die entscheidende Hilfestellung für das "Unternehmen Reußenstein" leistete. Statt einer Grundsteinlegung war ein Brückenschlag gefordert, für den die Panzer-Pionier-Kompanie 360 aus Bad Mergentheim sorgte. Über diese provisorische Brücke, die nach Abschluss der Arbeiten wieder abgerissen wurde, war einerseits das Material für den weiteren Ausbau der Burgruine zu transportieren. Andererseits räumten zahllose freiwillige Helfer Unmengen an Schutt vom Reußenstein weg. "Besonders in der Unterburg" hatte sich der Schutt angesammelt, wie der Chronist des Teckboten zum Einweihungstag im Sommer 1966 rückblickend bemerkte. Von 2 800 Arbeitsstunden berichtet er weiter, die Freiwillige an 35 Samstagen geleistet haben.

Es scheint, als habe die Bevölkerung vor allem die aus Neidlingen, aber auch aus anderen Umlandgemeinden so etwas wie eine späte Wiedergutmachung leisten wollen, nachdem der Reußenstein einst, wie viele andere Burgen auch, als Steinbruch hatte herhalten müssen. Durch die gemeinsame Arbeit an einer großen Sache war vor 40 Jahren auch ein besonderes Wir-Gefühl entstanden. So heißt es in dem nämlichen Zeitungsbericht von Karl Kutteruf: "Und wäre diese Bereitwilligkeit nicht vorhanden gewesen, wir hätten es wirklich nicht geschafft. Vor allen Dingen hätte manches nicht so gemacht werden können, wie wir es jetzt sehen, sind doch die finanziellen Mittel für derartige Arbeiten beschränkt."

Natürlich waren auch die Arbeiter einer Baufirma am Reußenstein beschäftigt, denn zu tun gab es mehr als genug: Innerhalb eines Jahres erhielt die Burgruine ein völlig verändertes Aussehen. Auch wenn man heutzutage ganz anders vorgehen würde, wurden damals nach bestem Wissen und Gewissen Mauern abgetragen, wieder hochgeführt, eine Stahlbetondecke eingezogen. Steinbrüstungen wurden ebenso errichtet wie neue Treppen und Aussichtsplattformen. Eines der Ziele bestand ja darin, die Burg als Ausflugsziel für Wanderer sicherer und attraktiver zu machen, obwohl es die eigentliche Aufgabe war, das Gemäuer vor weiterem Verfall zu schützen.

Wie die Wasserversorgung der früheren Burgbewohner funktionierte, konnten die freiwilligen Helfer vor 40 Jahren ebenfalls nachweisen. "Die Freude war groß, als ein Verein an einem Samstagnachmittag die Zisterne in der Unterburg fand. Die Zisterne war noch voll Wasser, dank des Lehmschlags, der noch gut erhalten ist", hieß es damals im Teckboten. Auch diese Entdeckung steigerte also das allgemeine Wir-Gefühl, das heutzutage erst wieder im Zuge von Fußball-Großereignissen neu entdeckt wird.

Damals jedenfalls ließen sich Tausende von Menschen von den mehrtägigen Festveranstaltungen begeistern, die im Rahmen eines großen "Reußenstein- und Kirschenfests" den Abschluss der "Aktion Reußenstein" darstellten. Der Fußball machte zwar auch diesen Veranstaltungen Konkurrenz, aber zurecht stand damals in der Zeitung: "Wer trotz Fußballspielübertragung der Einladung zu den Einweihungsfeierlichkeiten am Reußenstein gefolgt ist, wird dies sicherlich nicht bereut haben." Nach 40 Jahren sind die Erinnerungen an das Fest auf dem Reußenstein sicher wesentlich lebendiger als die an ein torloses Unentschieden im Vorrundenspiel gegen Argentinien bei der WM in England.

Einer, der sich noch ganz genau an die Einzelheiten des 16. Juli 1966 erinnern kann, ist der Weilheimer Wilhelm Braun. Beim fantasievollen Ritterspiel "Die Heimkehr des letzten Reußensteiners" unter der Leitung von Dr. Julius Knieriem vom Hepsisauer Michaelshof hatte Wilhelm Braun die Rolle des Herolds übertragen bekommen. Unter Fanfarenklängen begrüßte er in wohlgefügten Reimen die Gäste, die hergekommen waren, "die alte, neue Burg zu sehn". Auch vier Jahrzehnte später kann der Weilheimer seinen Prolog fehlerlos und ohne Stocken aufsagen.

Ob das Stück eines Tages wieder ausgegraben wird, ist fraglich. Auch der Wunsch von damals, "hier oben wieder einmal ein Freilichtspiel aufzuführen", wird nicht so einfach in die Tat umzusetzen sein. Aber die entscheidende Tat ist damals ja von den vielen Bauarbeitern, Bundeswehr-Pionieren und freiwilligen Helfern ausgeführt worden, angeregt durch Dr. Ernst Schaude. "Er hat einfach ein Faible dafür gehabt, und da muss man heute noch dankbar sein", zollt der einstige "Herold" Wilhelm Braun dem früheren Landrat auch 40 Jahre später noch Respekt.