Lokales

"Wie die neugeborenen Kinder"

Ostern ist vorbei und der kommende Sonntag des Kirchenjahres heißt "Quasimodigeniti" " "Wie die neugeborenen Kinder." Schön wäre es, wenn wir durch die Auferstehung Jesu "neu" würden wir Kinder, die eben erst das Licht der Welt erblickt haben, die noch nichts falsch gemacht haben und denen noch nichts Schlimmes widerfahren ist, vor denen das Leben noch offen und unverbraucht liegt, voller Geheimnisse und Möglichkeiten. Schön wär's . . . aber das Leben lehrt uns oft etwas anderes nämlich dass das Neue so neu gar nicht ist und das Alte, von dem wir meinen, wir hätten es hinter uns, schon wieder hinter der nächsten Ecke steht und sich in unser Leben drängen will.

Ich habe in den Tagen nach Ostern ein mich faszinierendes Buch gelesen, das auf den ersten Blick mit diesem Thema gar nichts zu tun hat. "Zusammen ist man weniger allein" von Anna Gavalda. Es erzählt die Geschichte von vier Menschen, alle vom Schicksal eher mehr als weniger gebeutelt. Da ist Camille, 26 Jahre alt, stark untergewichtig, die wundervoll zeichnen kann, aber durch die Wirren des Lebens in einer Putzkolonne gelandet ist und in einem schrecklichen Dachzimmer mit Duschklo auf dem Flur haust. Da ist Philibert (36 Jahre) aus adligem Hause, der im selben Haus eine riesige Wohnung bewohnt, sehr zum Missfallen seiner Eltern Postkarten verkauft und keinen Satz herausbringt ohne zu stottern. Da ist Franck (34 Jahre), begabter, völlig überarbeiteter Koch, der sich in seiner Freizeit, das heißt immer montags, für Motorräder und Frauen interessiert. Und schließlich gibt es noch Paulette (83), Francks Großmutter, die nach einem Oberschenkelhalsbruch ins Altenheim muss, sich dort wie verrückt nach ihrem Häuschen, ihrem Garten und ihrer Katze sehnt und von ihrem Enkel an seinem freien Tag besucht wird, zähneknirschend, weil dieser eigentlich ganz andere Neigungen hat, aber seine Oma, die er mag, nicht im Stich lassen möchte.

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Mit unserem Thema hat dieses Buch nun insofern zu tun, als sich diese vier Menschen danach sehnen, ihr Leben zu verändern; sie wissen nur nicht, wie sie das anpacken sollen, weil sie alleine schon zu oft gescheitert sind.

Irgendwann landen zuerst Franck, dann Camille und schließlich auch Paulette in Philiberts großer Wohnung und leben dort als verrückte, liebenswerte Wohngemeinschaft, die ihnen den Mut fürs und die Freude am Leben zurückgibt. Die Autorin hat Stil genug, um das Zusammenleben der Vier nicht rosarot weichzuzeichnen, Schwierigkeiten gibt es genug und fast nimmt das Ganze ein trauriges Ende . . . Aber gemeinsam schaffen diese Menschen, ihr altes Leben hinter sich zu lassen. Und das gelingt ihnen, indem sie sich selbst und den anderen immer wieder die Chance geben, sich zu ändern und neu anzufangen. Nicht gerade wie die neugeborenen Kinder, aber wie Menschen, die wissen, dass jeder Tag ein Stück neues Leben in sich birgt. Ute Stolz Pfarrerin in Hepsisau