Lokales

Wie geht‘s weiter am Alleenring?

Tempo 30 ja – provisorische Umbauten für über eine halbe Million Euro umstritten

Am Kirchheimer Alleenring soll durchgehend Tempo 30 eingeführt werden. So viel steht fest. Welche Baumaßnahmen dazu notwendig sind, darüber herrscht allerdings noch keine Einigkeit. Die Planung der Verwaltung riss die Stadträte nicht so weit mit, dass sie 572 000 Euro locker machen wollten.

Bei der Insel um den Alten Teckboten im nördlichen Teil des Alleenrings trennen sich die Fahrspuren über ein kurzes Stück. Der B
Bei der Insel um den Alten Teckboten im nördlichen Teil des Alleenrings trennen sich die Fahrspuren über ein kurzes Stück. Der Bereich, in dem jetzt schon eine Reihe von Lokalen angesiedelt ist, könnte schon bald zur Fußgängerzone werden und Möglichkeiten zur Außenbewirtschaftung bieten.Foto: Jean-Luc Jacques

Kirchheim. „Große Veränderungen“ verhieß Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker im stadträtlichen Ausschuss für Technik und Umwelt für den Alleenring. – Veränderungen, die auch große Chancen für die Innenstadt bergen durch Ampelabbau, Temporeduzierung und mehr Platz für Gastronomie und städtisches Leben.

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Martin Zimmert, Leiter des Geschäftskreises Hoch- und Tiefbau, fasste die übergeordneten Ziele für die Neugestaltung des Rings ums Herz der Stadt zusammen: Der Verkehr soll dank Tempo 30 gleichmäßiger fluten, Fußgänger sollen die Straße besser queren können, Radler werden künftig gemeinsam mit den Autos die Straße nutzen, und frei werdende Straßenflächen können teils zu Parkplätzen werden, teils zu Biergärten, Terrassen und Freiflächen.

Zimmert skizzierte kurz die wesentlichen baulichen Änderungen, die die Verwaltung im Dreiviertelsrund zwischen Minikreisel am Schweinemarkt und Einmündung der Hindenburgstraße ins Auge gefasst hat. Der übrige Bereich, auf dem der Verkehr dichter ist, wird unabhängig geplant. Dort soll es am Amtsgericht einen Kreisverkehr geben, die Ampel an der Einmündung der Hindenburgstraße bleibt als einzige am Alleenring erhalten.

Große Neuerungen stehen vor allem rund um die Verkehrsinsel beim Alten Teckboten im nördlichen Bereich des Alleenrings an. Bisher teilt sich dort die Straße in zwei Einbahnstraßen. Nach entsprechendem Umbau soll der Verkehr komplett nur noch auf dem südlichen Arm fließen. Der nördliche Bereich, an dem sich bereits eine Reihe von Lokalen angesiedelt hat, wird Fußgängerzone und kann sich zu einer Art gastronomischen Meile entwickeln. Zwar fallen hier ein paar Parkplätze weg, jedoch kommen 19 neue entlang der Mauer am Rollschuhplatz hinzu.

Bei der Querung der Max-Eyth-Straße über den Ring soll die Ampel zugunsten eines weiteren Plateaus mit Zebrastreifen entfallen, entsprechend der Lösung am Alten Haus. Die Linksabbiegespur zum Krautmarkt wird im weiteren Verlauf auch entfallen, eine weitere im Süden, bei der Rossmarkt-Einfahrt, wird verkürzt. Fußgängern soll die Querung beim Schloss in die Schülestraße erleichtert werden. Der Verzicht auf Busbuchten schafft weiteren Freiraum.

Die Stadträte zeigten sich angesichts der Planung zwiegespalten. Tempo 30 rundum mache Sinn, dies sei jedoch in erster Linie eine verkehrsrechtliche Anordnung, argumentierte CDU-Fraktionschef Dr. Thilo Rose und hinterfragte die geplanten Umbauten kritisch. Ulrich Kübler von den Freien Wählern prob­lematisierte die abschreckende Wirkung der Verkehrsberuhigung für motorisierte Stadtbesucher: „Da wird keiner mehr fahren, der nicht unbedingt hingehört“, befürchtet er. „Die Planung vertreibt unsere Kunden“, knüpfte Albert Kahle (FDP/KiBü) an. Der einstige Befürworter eines Einbahnverkehrs um den Alleenring setzte zu einer Generalabrechnung mit der Verwaltung an. „Mauert doch die Stadt vollends ein!“ schimpfte er und sprach von „hausgemachten Problemen“ als Folge entsprechender Gutachterberatung. Nicht nur ihm drängte sich die Überlegung auf, dass eine derart bedeutsame Planung im gesamten Gemeinderat behandelt werden müsse.

Die halbe Million Euro lieber ganz sparen will Siegfried Pöschl (FDP/KiBü): „Warum machen wir das überhaupt?“ fragte er, schließlich funktioniere doch alles. Auch Funktionierendes gelte es weiterzuentwickeln, gab CIK-Vertreter Hans Kiefer zu bedenken und sprach von einer „Riesenchance“. Birgit Müller von der Frauenliste unterstrich ebenfalls die besseren Möglichkeiten für Fußgänger und freute sich darüber, dass der Alleenring insgesamt einen neuen Charakter erhalten werde. Ob die zweifellos vorhandenen Entwicklungsmöglichkeiten die Ausgabe rechtfertigten, davon zeigte sich SPD-Chef Walter Aeugle hingegen nicht gänzlich überzeugt.

Seitens der örtlichen Wirtschaft sind die Bedenken offensichtlich geringer. Bettina Schmauder vom BDS und Karl Bantlin vom City Ring, die als Wirtschaftsfachleute an der Sitzung teilnahmen, sahen bei allem Diskussionsbedarf viele Vorteile der Planung. Unter Naturschutzaspekten sprach Umweltfachmann Schühle von einer klaren Verbesserung gegenüber dem Status quo.

Die Baufachleute in der Verwaltung verwiesen abschließend auf diverse Probleme der jetzigen Verkehrsregelung und unterstrichen die Chancen der Neuplanung beispielsweise für das Wollmarktviertel. Stadtplaner Pohl sprach gar von einem „dörflichen Kleinod“, das hier am Rand der Innenstadt wachsen könne. Bürgermeister Günter Riemer warb um Vertrauen, indem er auf die kontinuierlichen Verbesserungen hinwies. Vor zehn Jahren habe Kirchheim noch das Image einer Ampelstadt mit chaotischer Verkehrsführung gehabt.

Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker erkannte in der Diskussion weiteren Erläuterungsbedarf. Sie schlug vor, die Verwaltung werde die einzelnen Planungsteile nochmals durchleuchten und detailliert darstellen. Im Herbst wird sich dann der gesamte Gemeinderat in neuer Besetzung mit der Ringstraße im Herzen der Stadt befassen.

Nächste RundeKommentar

Am Kirchheimer Alleenring geht‘s fast immer rund: Frisch Verheiratete drehen regelmäßig hupend ihre Runden, Fußballfans leben derzeit zu später Stunde ihre Begeisterung Runde um Runde aus. Doch nicht nur die Fans drehen sich mitunter im Kreis, das gilt auch für verkehrstechnische Neuplanungen. Dahinter steckt die Bedeutung der Straße: Der Alleenring ist nun mal die Hauptschlagader der Innenstadt. Bei Operationen am offenen Herzen darf nichts schiefgehen. Deshalb ist es verständlich, wenn die Räte zaudern und sich die Entscheidung nicht leicht machen.

Doch Herzchirurgen brauchen auch Mut. Sicher ist: Mit minimalinvasiven Eingriffen ist es im Ring rund um die Altstadt nicht getan: Rein technisch ist es zwar möglich, Tempo 30 ohne Umbau einzuführen, wie Stadtplaner Pohl auf Nachfrage von Stadtrat Andreas Banzhaf von den Freien Wählern bestätigte. Doch dies wäre halbherzig. Wer nur ein paar Schilder aufstellt, der beraubt sich der Chancen, die charmante Innenstadt weiterzuentwickeln.

Hinter den Bedenken steckt die große Angst, Gäste zu vergraulen – eine durch und durch ernst zu nehmende Befürchtung, die sich aber bei anderen verkehrsberuhigenden Maßnahmen in der Innenstadt bislang zum Glück nie erfüllt hat, siehe untere Max-Eyth-Straße. Es spricht Bände, dass sich bei City Ring und BDS die Kritik am geplanten Umbau des Alleenrings in Grenzen hält und eher die Chancen gesehen werden. Das hängt nicht zuletzt damit zusammen, dass die Planung eine Forderung der Händler aufgreift: Sie erhöht die Zahl der oberirdischen Parkplätze in der Innenstadt.

Die Verwaltung tut nun zweifellos gut daran, die bevorstehende OP am Alleenring sehr gründlich zu planen, damit sich die zwiegespaltenen Räte im zweiten Anlauf von den Erfolgsaussichten mitreißen lassen. Die langfristigen Chancen, die sich für die Kirchheimer Innenstadt bieten, sind durch und durch verlockend.

Bleibt also zu hoffen, dass sich die Planungen nach der nächsten Diskussionsrunde nicht weiter im Kreis drehen. – Und dass es am Montag wieder Anlass gibt für Jubelrunden auf dem Ring!IRENE STRIFLER