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Wie handeln Menschen in Zeiten des Umbruchs?

KIRCHHEIM Mit ihrem Kunstgriff, das Drama des Götz von Berlichingen mit der eisernen Hand von Johann Wolfgang von Goethe als Montage mit radikalen Schnitten

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RENATE SCHATTEL

und abrupten Brüchen zu inszenieren, gelang der Regisseurin Bettina Jahnke und der Dramaturgin Katrin Enders eine ausgesprochen spannende Aufführung, die das Kirchheimer Theaterpublikum vom 16-jährigen Schüler bis zur ergrauten Mitsiebzigerin einhellig in ihren Bann zog.

Auf Einladung des vhs-Kulturrings gastierte die Württembergische Landesbühne Esslingen mit ihrem Ensemble in der Kirchheimer Stadthalle und bestach durch die Konzentration auf das Wesentliche. Hatte Goethe mit seinem Götz den als gekünstelt empfundenen französischen Klassizismus hinter sich gelassen, indem er die bis dahin geltenden Regeln der Einheit von Ort, Zeit und Handlung missachtete, so ließen in der gegenwärtigen Inszenierung die beiden Regisseurinnen sowohl die übliche Psychologisierung der Figuren als auch den politischen Aspekt weg zu Gunsten der streng durchgezogenen Handlung.

"Wie handeln Menschen in Zeiten des Umbruchs?" war denn auch das Hauptthema dieser Inszenierung. Der Charakter der Antagonisten sollte durch ihre Tätigkeiten deutlich werden. Aufgeregte Musik zwischen den Akten nahm das Thema des Sturm und Drang auf, die Spielorte wurden über Band angesagt. Die von Susanne Uhl entworfene, an ein Amphitheater erinnernde Holzbühne wurde ausschließlich mit einfachem weißen Licht ausgeleuchtet. Farbig waren einzig die moderat nachempfundenen historischen Kostüme. So wurde die Bühne zum Spielraum für ein Personal, das auch auf die wesentlichen Figuren ausgedünnt war. Kurze Szenen betonten das Sprunghafte, den Umbruch.

Im Mittelpunkt dieser Inszenierung stehen die beiden Kontrahenten Götz von Berlichingen und Adelbert von Weislingen. Und der personifizierte Stürmer und Dränger Götz von Berlichingen (wunderbar verkörpert von Matthias Herrmann) bekämpft von seiner Burg Jagsthausen aus vehement den korrupten Hofstaat des Kaisers, strebt geschäftig, tatendurstig und geradlinig seinem Ideal, der Freiheit, nach. Die Schwäche seines Gegenspielers Weislingen (schön undurchsichtig gespielt von Peter Anders), bisher Parteigänger des Bischofs von Bamberg, ist die Verführbarkeit.

Als Götz Weislingen gefangen setzt, kann er ihn für sich und die freie Ritterschaft einnehmen. Weislingen verlobt sich mit Götz Schwester Marie (schwärmerisch Eva Geiler), doch in Bamberg verfällt er der schönen Adelheit von Walldorf (intrigant und verführerisch gut Christina-Bettina Pfannkuch), die ihn mit einem Heiratsversprechen zu ihrem und des Bischofs Handlanger macht. Der Kaiser verhängt auf Weislingens Wirken die Reichsexekution gegen Götz. Als daraufhin Jagsthausen durch die Reichstruppen belagert und Götz zur Übergabe gezwungen wird, antwortet dieser mit dem sprichwörtlichen Zitat.

Götz kann seine Burg nicht halten, er wird gefangen genommen und muss sich in Heilbronn vor den kaiserlichen Räten verantworten. Franz von Sickingen (Philipp Alfons Heitmann), der Marie geheiratet hat, befreit ihn und Götz will in Jagsthausen Frieden halten. Weislingen hat inzwischen Adelheid geheiratet, die allerdings nun Karl, den Sohn des Kaisers, als ihren nächsten Mann auserkoren hat. Sie nutzt die verzweifelte Liebe von Weislingens Knappen Franz (Robert Eder herrlich als stürmischer Liebender) aus und lässt durch ihn Weislingen vergiften. Götz wird dazu überredet, Hauptmann der aufständischen Bauern zu werden, schon weil er nicht untätig herumsitzen kann. Der Aufstand wird aber niedergeschlagen, Götz schwer verwundet und gefangengenommen. Sterbend lässt sich Weislingen von Maria erweichen, das Todesurteil gegen Götz zu zerreißen. Im Heilbronner Gefängnis stirbt Götz dennoch an Verzweiflung, betreut von seiner duldsamen Ehefrau Elisabeth (angenehm ruhig Marie Bues) mit den Worten "Freiheit Freiheit".

Wie handeln Menschen in Zeiten des Umbruchs? Götz und Weislingen wollten beide den Staat so erhalten wie er war, beide sind gescheitert. Scheinbar gesiegt hat Adelheid mit ihren intriganten Machenschaft.