Lokales

Wie wenn sich der Teufel persönlich ins Tal stürzt

Zum 62. Mal seit 1928 rief der Teufel die "verrücktesten" Skifahrer aus aller Welt zu seiner inoffiziellen alpinen Langstrecken-Weltmeisterschaft ins Berner Oberland: Das Inferno-Rennen stand an. Fünf Mutige aus dem Lind-achtal nahmen daran teil.

MÜRREN Im Angesicht von Eiger, Mönch und Jungfrau wird auf dem 2970 Meter hoch gelegenen Schilthorn das legendäre Inferno-Rennen gestartet. Das Inferno gilt heute als das größte Amateurrennen des weltweiten Skisports und hat hierfür einen Eintrag ins Guinness-Buch bekommen. Wenn der Teufel skifahren würde, wäre das Inferno-Rennen in Mürren wohl seine erste Wahl.

Anzeige

Einiges hat sich verändert seit diesem denkwürdigen ersten Start mit acht Teilnehmern am 29. Jänner 1928. 72 Minuten benötigte der damalige Sieger stockreitend und mit Holzbrettern an den Füßen vom Schilthorn über auch damals völlig unpräparierte, bucklige Steilhänge, quälende kilometerlange Ziehwege, das Selbstbewusstsein zerfressende Anstiege und durch das teuflich vereiste Kanonenrohr schließlich durch mörderisch steiles Gehölz bis hinunter auf 800 Meter ins Lauterbrunnental. Nicht genug: Der Sieger hatte auch noch die Aufgabe, seinen Verfolgern die Zeit zu stoppen, für Bier zu sorgen und die fröhliche Rückkehr ins heimatliche Mürren zu organisieren.

Wer damals am Inferno teilnehmen wollte, musste lange vor jeder anständigen Alpenkrähe aufstehen und mit Skiern, Rucksack, Essen und Kleidern und allem Drum und Dran etwa fünf Stunden aufsteigen.

Heutzutage gondeln die mittlerweile 1800 Teilnehmer auf bequemste Art und Weise mit Zahnrad und Seilbahnen hoch zum Piz-Gloria-Drehrestaurant, wo einst auch James Bond mit Skiern unterwegs war und im Geheimdienst Ihrer Majestät den Schurken dieser Welt das Fürchten lehrte. Die Teilnehmer stürzen sich in hautengen und weltcup-erprobten Rennanzügen auf die Strecke. An ihren Füßen kleben taillierte, überlange Rennmaschinen, mit denen sie sich im 12-Sekunden-Takt aus dem Starthaus katapultieren.Trotz 77 Jahren Fortschritt fühlte sich in diesem Jahr so mancher Teilnehmer in die gute alte Zeit zurückversetzt. Auf Grund eines technischen Defekts an der Seilbahn musste der letzte Kilometer bis zum Start zu Fuß zurückgelegt werden. Freitags haderten die Organisatoren noch mit Schneemangel und am Tag des Rennens gab es der weißen Pracht zu viel. Kurzfristig musste die Streckenführung wegen akuter Lawinengefahr geändert werden. In der Kürze der verbleibenden Zeit war es nicht mehr möglich, die Strecke zu präparieren.

Traditionell wurden als erstes 50 ausgeloste "Frischlinge" als Sternlesfahrer auf die Strecke geschickt. Diese bewegten sich bei schlechter Sicht und einem Meter Tiefschnee mehr tastend als fahrend, auf der Suche nach der richtigen Route, in Richtung Tal. Diese mussten bei ihrem ersten Inferno-Einsatz mit zahlreichen Stürzen dem Hang seinen Tribut zollen. Im Laufe des Tages wurde aus der Tiefschneepiste eine holprige Berg- und Talbahn, welche so manchen Inferno-Gladiatoren unsanft in den Schnee zwang.

Mit großer Euphorie und voller Tatendrang begaben sich auch in diesem Jahr wieder fünf junge Burschen aus dem Lindachtal an den Start des längsten Abfahrtsrennens der Welt. Der Anblick der völlig ramponierten so genannten Abfahrtspiste erhöhte Herzfrequenz und Blutdruck auf einen Schlag. Als Erster griff Reiner Dosch mit Startnummer 98 ins Geschehen ein und erreichte nach einem couragierten Lauf als 99. das Ziel. Als Bester aus dem Lindachteam erreichte Bernd Holl einen bemerkenswerten 88. Rang. Den Lauf seines Lebens zelebrierte Alexander Amiri: Nach wochenlanger intensiver Trainingsvorbereitung steigerte er sich bei seinem fünften Inferno-Einsatz auf einen nahezu sensationellen 107. Rang, was eine Verbesserung gegenüber dem Vorjahr um über 100 Plätze bedeutete. Ebenfalls steigerte sich Thomas Nußbaumer (188.). Die Tücken der Strecke bekam Michael Fauser zu spüren, dem es am Ende nur zu einem enttäuschenden 212. Rang reichte.

Bei der aus den Disziplinen Langlauf, Riesenslalom und Abfahrt bestehenden Inferno-Kombination konnte sich Bernd Holl als drittbester Deutscher über den 35. Platz unter den über 340 Startern freuen. Ebenfalls ordentlich platzierten sich Thomas Nußbaumer (59.) und Alexander Amiri (53.). Beim Rennen reichte es nicht ganz auf das Stockerl, dafür wurden beim Ausklang im Hotel Schützen, beim 4-maligen Inferno-Sieger und guten Freund des Lindachteams Urs von Allmen beim Feiern die vordersten Plätze belegt...

pm