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"Wiedlöcher" zeugen von der Logistik des Holzhandels

OWEN Über "Bauforschung in Owen" hielt der Mittelalterarchäologe Tilmann Marstaller im Rahmen der Mitgliederversammlung des "Alt Owen"-Förderkreises einen Vortrag, der wesentlich spannender und

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ANDREAS VOLZ

kurzweiliger war, als der Titel vermuten ließe. Von der Bauforschung leitete er nämlich immer wieder andere kulturgeschichtlich wie wirtschaftlich bedeutende Themen ab etwa den Rauchabzug durch das "Eulenloch", der gleichzeitig zur Imprägnierung des Dachgebälks diente, oder die Geschichte des Holzes allgemein, angefangen von der Dendrochronologie über die Holzknappheit vom ausgehenden 15. Jahrhundert an bis hin zur logistischen Herausforderung des Holzhandels. Auch Owener Befunde scheinen dabei Marstallers These vom boomenden Tübingen in der Zeit der Universitätsgründung zu stützen.

"Brandheiße Forschung", die noch nicht publiziert, ja noch nicht einmal bekannt sei, kündigte Tilmann Marstaller den "Alt-Owenern" im Gasthaus Adler an. Zunächst erläuterte er dabei die wichtigste Methode seiner Zunft: die Dendrochronologie. Der "Klimaspeicher" Baum dokumentiere sein jährliches Wachstum durch zweigeteilte Jahresringe. Ein dunkler Ring markiert den "blatttragenden Zeitraum" des Jahres, ein hellerer Ring den Winter. Weil das Wetter den Haupteinfluss auf das Wachstum der Bäume ausübt, weisen alle Hölzer aus einer bestimmten Region und aus derselben Zeit auch dieselben dicken Ringe für ein gutes Jahr auf und dieselben dünnen Ringe für ein weniger günstiges Jahr.

Für Hölzer aus hiesigen Breiten liegen wissenschaftliche Daten vor, durch die sich das Fälldatum innerhalb eines Zeitraums von 10 000 Jahren exakt ermitteln lässt, und das "nicht nur jahrgenau, sondern jahreszeitgenau". Aus dem Fälldatum schließen die Bauforscher auf des Baudatum. Um den möglichen Einwand vorwegzunehmen, das Holz könne ja über Jahre hinweg gelagert worden sein, verwies Tilmann Marstaller auf die Praxis der Holzverarbeitung, speziell bei der Eiche: "Aus werkzeugtechnischen Gründen ist es sinnvoll, sie sofort saftfrisch zu verarbeiten."

Weil der Baustoff Holz aber häufig recycelt wurde, benötige die wissenschaftliche Analyse Proben mehrerer Balken, die aus derselben Bauphase stammen. Das wiederum lasse sich für Fachleute aus der Struktur eines Hauses erkennen. Eine von mehreren "Bomben", die Tilmann Marstaller bei seinem Vortrag in Owen platzen ließ, war die dendrochronologische Altersbestimmung der Beginenklause: Das Holz stamme aus dem Jahr 1497, womit sich die bislang angenommene Datierung des Baujahrs auf 1430 nicht mehr halten lasse.

Den Schwerpunkt von Tilmann Marstallers Vortrag bildeten Häuser aus der Teckstraße und der Marktstraße. Die Gebäude im Ensemble Teckstraße 15 bis 19 bezeichnete er als typische "Ackerbürgerhäuser" städtische Bauten, die aber dennoch landwirtschaftlich geprägt sind. Besonders das Gebäude Teckstraße 17 hat es dem Mittelalterarchäologen angetan. Die Balken stammen von 1445/46, weshalb Marstaller das Haus als das "älteste derzeit bekannte Holzgebäude in Owen" einstuft. Im Kern hat er allerdings einen Steinbau ausfindig gemacht, "der nichts mit der ländlichen Tradition zu tun hat". Mit dem Begriff "Wohnturm" war der Forscher vorsichtig, sprach sich aber zumindest für den Sitz eines wichtigen Owener Bürgers aus, der dem Stadtadel angehörte. Das Steingebäude "könnte zurückreichen bis mindestens ins 14. Jahrhundert, wahrscheinlich sogar in die zweite Hälfte des 13. Jahrhunderts."

Einer alten Ansicht des Hauses aus der Zeit um 1900 hat Tilmann Marstaller einen noch älteren Anstrich verpasst und das Gebäude kurzerhand mit einem Krüppelwalmdach versehen, das er anhand des Gebälks belegen kann. Der größte Vorteil dieser Dachform bestand in einem kleinen dreieckigen Loch, direkt unterhalb des Firsts. Diesen "mittelalterlichen Kamin" bezeichne der Volksmund als "Eulenloch". Der Rauch von Herd und Ofen sei über das Treppenhaus bis unters Dach gezogen und habe durch das "Eulenloch" seinen Weg ins Freie gefunden. "Die ganzen Hölzer im Dachbereich sind rußgeschwärzt. Das ist ideal zum Imprägnieren, weil da kein Wurm mehr reingeht." Außerdem habe der Rauch die Lebensmittel auf dem Dachboden konserviert und zusätzlich gegen die herben Gerüche des Landlebens geholfen.

Für die Zeit um 1600 hat Marstaller in der Teckstraße 17 eine Umgestaltung des Dachwerks nachgewiesen, wobei plötzlich Nadelhölzer auftauchen statt der altbewährten Eiche. Die Nadelhölzer wiesen zudem "merkwürdige dreieckförmige Durchbohrungen" auf, die der Wissenschaftler als "Wiedlöcher" bezeichnete. Seine einfache Erklärung für diese Löcher lautet: "Damit kann man Hölzer zuammenbinden. Das Holz stammt aus dem Schwarzwald und wurde den Neckar nach unten geflößt."

Die Balken der Beginenklause (1497/98) seien noch zu hundert Prozent Eichenholz. "20 Jahre später war das ganz anders, da hat es einen historischen Bruch gegeben." Die Eichenbestände müssen ziemlich abgeholzt gewesen sein, und der Mangel an Bauholz wurde durch Nadelholz kompensiert. Dazu passt ein Flößereivertrag aus dem Jahr 1476, der den Flößern Zollfreiheit gewährte. Im Jahr darauf gründete Graf Eberhard im Barte die Universität Tübingen, was Tilmann Marstaller zufolge in der Stadt am Neckar einen ungeheuren Bauboom auslöste mit Nadelholz aus dem Schwarzwald.

Das Nadelholz, das in Owen noch bis ins 18. Jahrhundert verbaut wurde, trieb allerdings an Tübingen vorbei, bis Nürtingen oder Wendlingen, von wo aus es auf dem Landweg ins Lenninger Tal transportiert wurde. Owens "historisches Urgestein" Fritz Nuffer ergänzte den Fachvortrag an dieser Stelle, indem er eine Rechnungsabschrift vorlas, die aus dem Jahr der Kirchturmaufstockung stammt: Am 12. Mai 1745 hatten die Owener zu diesem Zweck in Wendlingen Floßholz erstanden. Außerdem ist der Lohn aufgelistet, den einige Wendlinger Helfer dafür erhielten, dass sie das Holz aus dem Wasser zogen.

Tilmann Marstaller beendete seine Ausführungen mit der bohrenden Frage des Forschers: "Wo sind die allerältesten Wohngebäude Owens?" Eine vorsichtige Antwort gab er mit dem Tipp "Marktstraße 13". Ähnliche traufständige Häuser mit hohem Obergeschoss und starken Vorkragen gebe es in Esslingen, Tübingen oder Reutlingen. Dort gehörten sie zu den ältesten Gebäuden, die bis ins 14. Jahrhundert zurückreichen. "Wenn wir weiterbohren wollten, hier hätten wir noch etwas Futter", kündigte der Fachmann weitere Taten in Owen an und nahm potenziell interessierten Hausbesitzern zugleich die mögliche Angst vor gefährlichen Löchern im Gebälk: "Wenn das ein statisches Problem wäre, dann gäbe es in Baden-Württemberg nicht mehr viele Baudenkmäler."