Lokales

Wildes Geschmuse in der Zirkusmanege

KIRCHHEIM Wie bei einer Schnitzeljagd schienen sich die Kirchheimer von den Plakaten des Zirkus "Probst" zum Ziegelwasen leiten zu lassen: Menschenmassen ist der Parkplatz durch den "Märzen-" oder "Gallusmarkt" gewöhnt, doch

Anzeige

ALEXANDRA BOGER am gestrigen Nachmittag zog sich die Schlange von der Kasse des Zirkuszeltes bis zu den Maltesern, als drinnen schon beinahe alle der 1200 Plätze belegt waren. Bis Sonntag müssen Autos weichen einem rot-gelben Zirkuszelt, 90 Tieren aus allen Kontinenten und den Wägen der rund 80 Zirkus-Leute.

Trotz wolkenverhangenem Himmel heizte bereits vor Beginn die Combo im angenehm warmen Zelt den klatschenden Zuschauern gehörig ein. Der Clown persönlich baute noch dem ein oder anderen kleinen Zirkusfan in der hinteren Reihe den Stuhl höher bevor es schließlich losging.

Zirkus-Tochter Stephanie Probst dirigierte mit kaum merklichen Kommandos "Friesen" und "Araber". Ein sonst kulturell eher ungleiches Gespann ergab in der Manege eine Pferdedressur voll Harmonie. Ein schwarz-weißes "Pferdebalett" war zu sehen, das Pirouetten drehte, majestätische Zirkel lief, temperamentvolle Kapriolen schlug oder aber auch Kopf und Vorderhufe in die Luft erhob.

Am schrägen Metallgerüst jonglierte "Beatrice". Mit Bällen, Keulen, Ringen oder goldenen Kugeln teils auch kombiniert verlangte sie den Zuschaueraugen einiges an Aufmerksamkeit ab. In der dunklen Manege schließlich war die Akteurin nur noch durch die Bewegung der fluoreszierenden Ringe zu erahnen, deren Zahl sich am Ende bis auf acht erhöhte doch hätte die Band nicht akustisch mitgezählt, so wäre dem angestrengten Blick des Betrachters wohl nur der wirbelnde weiße Schein geblieben.

"Drei Säulen hat der Zirkus, die hier zu gleichen Teilen vereint werden", meinte Laurens Thoen von der Tourneeleitung des Zirkusses: "Artistik, Tierdressur und Clownerie". So kamen mit den maskierten Spaßmachern denn auch die Zuschauer voll und ganz auf ihre Kosten. Selbst Klassiker, wie die berühmte Torte im Gesicht des anderen brachten immer noch schadenfrohes Lachen hervor. Vor allem, wenn sich die sahnige Leckerei zunächst auf einen der amüsierten Zuschauer richtete und dann doch die Nase des Umbaupersonals zierte.

"Zirkus ist Atmosphäre, es ist Theater und Musik, man muss inszenieren", meint der niederlänische Zirkusfan. Und somit treffen in der Manege auch Stimmungen vieler Qualitäten aufeinander.

Eben noch im Reich des Humors, fanden sich die Zuschauer plötzlich in einem Raum fast ohne Gravitation wieder: An zwei Gurten hangelte, drehte und schraubte sich ein muskulöser Männerkörper wie schwerelos in alle Himmelsrichtungen, ließ los und landete im Handstand. So atmeten nicht nur die Kleinen auf, sondern auch die Mamas.

Zwei der "Zirkus-Säulen" verband der Trampolin-Clown "Jim Bim", der die Manege mit einer Flasche des ähnlich lautenden Getränks betrat. Nach dem ersten Sturz wusste dann zumindest die erste Reihe, dass sie nicht von Hochprozentigem getroffen worden war. Die Illusion erhielt der Artist aufrecht. Auch bei perfekten Salti und halsbrecherischen Aktionen rückwärts und vorwärts die Leiter runter, hatten die Zuschauer den Eindruck, hier gehe ein Betrunkener schwimmen. Doch statt ihn zu verschlucken, warf ihn die Wasseroberfläche immer wieder zurrück auf Sprungbrett und Leiter. Nach einem kleinen Striptease, bei dem auf "leave your head on" eine Einlage kam, wurde das Badevergnügen doch zum Erfolg.

Das Publikum hielt sich kaum mehr auf den Sitzen, vielleicht auch ob der Dirigentin mit Lockenwicklern, die die Zuschauer in einem Klatschkanon zum "Wiener Walzer" vereinte und auf ihren Wink hin auf- und niedersitzen ließ.

Vor der Pause wurde es dann allmählich wild, als Zirkuschef Reinhard Probst seine Tierdressur aus allen Kontineten präsentierte. Lamas, Kamele und Rinder stellten sich auf den Manegenrand, liefen im Kreis und sprangen übereinander hinweg.

Nach der Pause dann schließlich wurde es zudem auch noch ziemlich gefährlich, beherrschten doch Löwen und Tiger die Szenerie. Doch letztlich wirkte es für den Zuschauer hinter Gittern dann doch wie eine freundliche Schmuseshow, als Dompteur Tommy Dieck seinem Tiger einen Kuss abverlangte während die drei Löwen irgendwie eifersüchtig zuschauten.

An diesem Wochenende haben alle Interessierten noch jede Menge Gelegenheit, Zirkusluft zu schnuppern: Der Zirkus Probst lädt große und kleine Zuschauer am heutigen Samstag um 16 und 19.30 Uhr in die Manege ein, am morgigen Sonntag um 11 und um 16 Uhr.

Alle Fotos: Gerald Prießnitz