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Willkommen in einer neuen Welt

KIRCHHEIM Die Stadtkapelle Kirchheim wird 175. Ein stolzes Alter. Ein junges Ensemble. Erfrischende Musik. Eine neue Welt. An diesem Wochenende begannen als Jubiläumsauftakt die Festlichkeiten mit einer Ausstellung im Kornhaus und

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PATRICK TRÖSTER

dem "Concerto", dem großen Konzert der Stammkapelle im Frühjahr. Das Programm war ganz auf die "neue Welt" ausgerichtet. Harry D. Bath, Stadtmusikdirektor, führte sein sinfonisches Blasorchester musikalisch von Höhepunkt zu Höhepunkt.

Mit vierzig Jahren wandte sich der französische und 2005 verstorbene Komponist Serge Lancen der sinfonischen Blasmusik zu und schuf mit der fünfsätzigen "Manhatten Symphony" in dieser Gattung 1962 sein erstes Hauptwerk. Sie ist pure Programmmusik und beschreibt nach der Ankunft in New York diese für die Musik so bedeutende Weltstadt. Und Programmmusik hat in der Blasmusik eine große Tradition. Sie gibt ihr die Chance, zeitgemäß und -genössisch zu komponieren, ohne den Boden des Verständlichen zu verlassen. Ein schriller Anfang im hohen Holz, der Schrei der ersten Möwen, verkünden trotz Nebenbänke "Land in Sicht", der Ozeandampfer landet am New Yorker Gestade. Und dann beginnt eine groß angelegte musikalische Erzählung, die verschiedene Orte beschreibt: den Central Park, das Schwarzenviertel Harlem, den berühmten Broadway und zum Schluss das Rockefeller Building. Dank eines liebevoll gestalteten Programmheftes konnte der Hörer dieses Tongemälde mühelos vor seinen Augen entstehen lassen.

Doch dahinter verbirgt sich mehr, und an diesem Punkt setzte die Interpretation Harry Baths an. Er lässt diese Musik durch sich selber sprechen. Er reizt die Instrumentenfarben aus, er schichtet die rhythmischen Pattern klar aufeinander, er gibt den solistisch eingesetzten Instrumenten die nötigen Freiheiten, er fasst die Gegensätze mit gewaltiger Spannkraft zusammen. So entsteht am Schluss des Klangbildes mit der erhabenen Wolkenkratzerapotheose nach 9/11 ein Sprung im Herzen westlicher Zeitgenossen, der auch durch den postwagnerischen Klangrausch hindurch spürbar bleibt.

Der 1910 im Bundesstaat Missouri geborene Amerikaner Herbert Owen Reed wendet musikalisch sein Ohr der neuen Welt einer der ältesten Kulturen, den mexikanischen Azteken, zu und beschreibt in "La Fiesta Mexikana" anhand von drei Bildern Prelude and Aztec Dance, Mass und Carnival die Vermengung der Urreligion mit der christlichen.

Auch diese Partitur besitzt eine große Bildhaftigkeit und beschreibt riesige Szenen des frommen Festlebens dieser Indios wie ein Historiengemälde mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln, die ein so groß besetztes Orchester wie die Stadtkapelle Kirchheim bietet. Aber die Mise en Scène wechselt, und dadurch verändern sich die Stilmittel. Das Festtreiben findet wie in Strawinskys Petruschka auf verschiedenen Ebenen und Bühnen statt, die Harry Bath mit seinem Dirigat fest im Auge behält. Er flicht die vielen kontrastierenden Fäden zu einem schillernden Klanggewebe, das einerseits das Ganze zeigt und das andererseits jede melodische Nuance herausschält.

Und was ist das Programm der "Sinfonie aus der Neuen Welt" Antonin Dvoraks? Auch da verbirgt sich einiges dahinter, aber dieser Komponist gibt es trotz manchem Nachhakens seiner Zeitgenossen nicht preis. Er lässt seinen Hörern die ganze Freiheit, diese Töne in einem eigenen Gemälde zu deuten. Außerdem ist es kompliziert angelegt: Durch alle vier Sätze hindurch gibt es stets motivische Querverweise, die diese Kom-position wie ein Hologramm erleben lassen. Auch mit dieser Komposition greift der Stadtmusikdirektor neueste Strömungen auf: Immer mehr Werke der klassischen Weltliteratur werden anspruchsvoll für sinfonische Blasmusik arrangiert. Und das hat seinen besonderen Reiz, wenn erst einmal der gewohnte Streicherklang nicht länger vermisst wird und man sich auf die neuen, nur bläsererzeugten Klangfarben einlässt.

Denn durch die Setzweise für Blasinstrumente erfährt das Werk kompositorisch eine Klarheit, wie sie durch das Gewölk eines satten Streichersounds kaum wahrnehmbar ist.

Doch das ist Hardware. Harry Bath führt sein Orchester in eine neue Welt. Er breitet die Sinfonie eloquent aus, lässt jedes Thema, von hervorragenden Solisten vorgetragen, den fabulierenden Ton und fasst alles im wörtlichen Sinn symphonisch zusammen. Parallel dazu baut er über die Themen und Sätze hinweg weit gespannte Brücken. Und da diese Musik nicht programmatisch ablenkt, konzentriert er sich ganz auf die innewohnende Kraft der Tonverkettungen selbst. Und im letzten Satz dieser "Sinfonie aus der neuen Welt" berührt er so ungeahnte Welten. Eine ewig wähnend empfundene kurze, aber ergreifende, sprachlose Stille herrschte nach dem sanftem Nachleben des Grundakkordes in den Holzbläsern. Erst dann prasselte der Beifall los.