Lokales

"Wir benötigen das Potenzial der Einzelnen"

Im Rahmen einer Feierstunde wurden im Kirchheimer Kornhaus 14 frisch ausgebildete Bürgermentorinnen und Bürgermentoren mit einem Zertifikat ausgezeichnet. Sie hatten einen 40-stündigen Qualifizierungskurs, der sie auf ihr Engagement in der Stadt vorbereitete, erfolgreich absolviert.

RENATE SCHATTEL

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KIRCHHEIM In der Mentorenausbildung, die in Kirchheim bereits seit zwei Jahren in Zusammenarbeit mit der Stadtverwaltung, Fachstelle Bürgerengagement, läuft, werden Bürger durch geschulte Bürger zum gesellschaftlichen Engagement animiert, begleitet und beraten.

Als Kirchheimer Mentorentrainer für den Jahrgang 2005/2006 standen Barbara Kenner, Anja Mayer und Joachim Diefenbach, allesamt aus dem Klosterviertel, zur Verfügung. Die "offizielle" Seite repräsentierte Helga Weis, Sozialpädagogin beim Sozialen Dienst. Ausgezeichnet wurden Joachim Blessing, Sabine Burghard, Marianne und Karl-Heinz Grünberger, Iris Günther, Nadja Hahnfeld, Ingrid Hepp, Dorothee Krebs, Hannerose Lempp, Sergej Maisner, Elli Reichel, Margret Russ, Nadine Soeffing und Nikolaus Steinhauer. Von der Fachstelle Bürgerengagement begrüßte Heike Kunz die Gäste und gab ihrer Freude darüber Ausdruck, dass sich viele Menschen für das Bürgermentorat interessieren. Schon zum zweiten Mal seien nun 14 Mentoren in einem 40-stündigen Qualifizierungskurs vorbereitet worden, um sich in der Stadt zu engagieren.

Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker machte in ihrer Rede deutlich, dass sich die Qualität einer Gesellschaft unter anderem daran bemisst, in welchem Ausmaß sich die Bürgerinnen und Bürger an öffentlichen Aktivitäten beteiligen und inwiefern sie zu freiwilligem Engagement bereit sind. Je höher dieses sei, desto gefestigter sei die Zivilgesellschaft als Kern einer modernen Bürgergesellschaft. Sie vermerkte, dass die Bereitschaft, sich zu engagieren, in den vergangenen Jahren wesentlich gestiegen sei, sodass sich mittlerweile 70 Prozent der Bevölkerung über ihren privaten und erwerbsbezogenen Zweck hinaus in Vereinen, Organisationen, Gruppen und Einrichtungen am öffentlichen Leben beteiligten.

Auffallend sei, so Matt-Heidecker, dass der Grad der individuellen Einbindung in freiwilliges Engagement in engem Zusammenhang mit der sozialen Integration einer Person stehe, dass Personen mit einem großen Freundes- und Bekanntenkreis am häufigsten in gemeinschaftlichen Aktivitäten vertreten seien. Untersuchungen hätten aber auch ergeben, dass die Bereitschaft, sich freiwillig zu engagieren, in direktem Zusammenhang mit der Werteorientierung stehe. Intensiv Engagierte vertreten vermehrt Werte, die das Verhalten auf eine kreative und öffentlich-engagierte Lebensführung lenkten. Auch die Haushaltsgröße spiele eine wichtige Rolle. Personen, die in größeren Haushalten lebten, seien eher zum freiwilligen Engagement bereit. Interessant sei auch, dass die Menschen in schwierigeren Zeiten mehr bereit seien, sich für das Gelingen der Allgemeinheit und für den Nächsten einzubringen als in guten Zeiten.

Die Kirchheimer Oberbürgermeisterin ist sich aber bewusst, dass freiwilliges Engagement öffentliche Anerkennung und Unterstützung benötige. Vor mehr als zehn Jahren wurde deshalb in Kirchheim mit der Sozialplanung "Älterwerden in Kirchheim" der Startschuss für einen neuen Weg des bürgerschaftlichen Engagements gegeben. "Damals befanden wir uns in einer Vorreiterrolle, die vom Land gefördert wurde", berichtete sie. Damit sei es gelungen, wie nur wenigen Städten im Lande, eine Bewegung in Gang zu setzen, die nachhaltig in der Stadt verankert werden konnte und das Zusammenleben positiv beeinflusst hat. "Ohne bürgerschaftliches Engagement ist das Funktionieren unserer Stadt nicht denkbar", appellierte Angelika Matt-Heidecker an die Zuhörer, "wir benötigen das Potenzial der Einzelnen zur Erfüllung des Gedeihens unserer Gesellschaft."

Den Bürgern müsse auf vielfältige Weise der Zugang zum Tätigwerden, zum Engagement ermöglicht werden und die Stadt sowie Verbände und Vereine müssten eine Motorfunktion übernehmen. Das Mentorenmodell sei hier ein ganz eigener Weg und sie erhoffe sich mit der Zertifikationsverleihung einen Schneeball-Effekt für des Gemeinwesen.

Feierlich überreichte sie nach ihrer Rede den Mentorinnen und Mentoren ihre Zertifizierungsurkunden. Die Mentoren stellten danach ihre Arbeit vor. Margret Rust konnte in einem Telefonsketch das Publikum zum Nachdenken darüber anregen, was es heißt, für andere Menschen tätig zu sein. Ein Teil der Mentoren lief mit Plakaten durch den Raum, auch um kritische Aspekte des Mentor-Daseins bewusst zu machen. So sollten sie sich nicht als unbezahlte Arbeitskräfte verstanden wissen, die zeitlich unbegrenzt für ihre Nächsten tätig sind. Die letzte Gruppe stellte die anvisierten Projekte anhand eines Riesenrades dar. Deutschkurs für Migranten, Besuchsdienst für Ältere oder Integration für Spätaussiedler sind nur einige der kreativen Projekte, die sich der Mentorenkurs zur Aufgabe gemacht hat.

Die Feierstunde wurde musikalisch von der Musikschule Kirchheim umrahmt. Aus der Gesangsklasse Astrid Savilla sangen Anni Einiger, Julia Rothschink, Christina Kirschbauer, Liliana Rindle und Miriam Groß Songs aus Musicals und der Opernwelt. Am Keyboard begleitet wurden die Sängerinnen von Salome Seitz, Leonie Müller und Thomas Arnold.