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"Wir dürfen uns nicht nur um Tarife kümmern"

Die Würde des Menschen ist nicht nur unantastbar, sie steht auch im zweiten Jahr hintereinander im Mittelpunkt des DGB-Mottos zu den Maikundgebungen. Bundesweit diskutieren die Gewerkschaftsmitglieder am 1. Mai dieses Mal unter dem Slogan "Deine Würde ist unser Maß" über die politischen Forderungen der Arbeitnehmerorganisationen.

ANDREAS VOLZ

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ESSLINGEN "Wir mischen uns in die Wertediskussion ein und machen deutlich, was wir unter Menschenwürde verstehen", sagte Wolfgang Brach gestern in Esslingen bei einem Pressegespräch über die bevorstehenden Maifeiern im Landkreis. Der Vorsitzende der DGB-Region Stuttgart versteht darunter unter anderem soziale Gerechtigkeit und eine gerechte Verteilung. Die Würde zu thematisieren, hält Wolfgang Brach nach wie vor für gerechtfertigt: Bei den letzten beiden Tarifrunden habe es Bereiche gegeben, die sich sehr gut mit der Menschenwürde in Verbindung bringen lassen. So hätten Angriffe auf die Streikenden im öffentlichen Dienst teilweise nichts mehr mit deren Würde zu tun gehabt. Andererseits gehe es bei der "Steinkühlerpause" eben auch darum, dass Menschen, die am Fließband im Akkord arbeiten, "würdig pinkeln gehen" können.

Als weitere Themen der Kundgebungen zum 1. Mai, bei denen es ebenfalls um die Menschenwürde geht, nannte der Gewerkschaftsfunktionär die Rente ab 67, die Gesundheitsvorsorge, den Kündigungsschutz, Mindestlöhne und Tarifrunden. Die jüngsten Ergebnisse im öffentlichen Dienst und bei den Metallern bezeichnete er als sehr erfolgreich. Der 1. Mai diene deshalb auch dazu, diese Erfolge einer breiteren Öffentlichkeit vorzustellen.

Bei der Bilanz des zurückliegenden Gewerkschaftsjahres ging Wolfgang Brach auf die Entwicklung der Mitgliederzahlen ein. Die Region liege mit einem Rückgang um drei Prozent immer noch unter dem Bundesdurchschnitt von 3,3 Prozent. "Aber der Abstand zum Durchschnitt verringert sich: Die Struktur- und Wirtschaftsprobleme, die wir bundesweit haben, sind auch in der Region Stuttgart angekommen."

Man könne jedoch keinesfalls behaupten, dass den Gewerkschaften die Mitglieder davonlaufen. Die Verluste seien vielmehr darauf zurückzuführen, dass es an Ausbildungs- und Arbeitsplätzen für Jugendliche fehlt. Und ohne Arbeitsplatz gebe es für viele keinen Grund, in die Gewerkschaft einzutreten. Hinzu komme, dass die Zahl der Hartz IV-Bedarfsgemeinschaften zunehme und dass Überschuldete in der Schuldnerberatung die Empfehlung bekämen, alle beitragspflichtigen Mitgliedschaften zu kündigen.

Hartz IV bezeichnete Wolfgang Brach gestern in Esslingen als ein weiteres wichtiges Thema für den 1. Mai: "Wir dürfen uns nicht nur um Tarife kümmern. Wir müssen auch unseren Mehrwert als Gewerkschaft deutlich machen und uns gesellschaftlich engagieren." Zum gesellschaftlichen Engagement und zur Menschenwürde äußerte sich auch der Esslinger DGB-Regionssekretär Bernd Köster, im Blick auf die jüngsten Ereignisse in Potsdam: "Jeder Mensch darf über die Straße gehen, ohne dass er angegriffen wird. Auch diese Würde des Menschen sollte unser Maß sein." In diesem Zusammenhang findet es der Kirchheimer DGB-Ortsverbandsvorsitzende Wolfgang Scholz besonders erfreulich, "dass es bei der Landtagswahl eine Absage an die rechten Parteien gab" auch wenn er das Wahlergebnis und die Wahlbeteiligung ingesamt als "erschreckend" beurteilt.

Für den 1. Mai wünscht sich Wolfgang Scholz in Kirchheim vor allem gutes Wetter für die Kundgebung, die um 13.30 Uhr vor dem Rathaus beginnt. Anschließend führt der Demonstrationszug zur Konrad-Widerholt-Halle, wo von 15 bis 18 Uhr "Fini and Friends" für musikalische Unterhaltung beim Maifest sorgen. Besonders wichtig ist für Scholz die rege Beteiligung an den Aktivitäten zum 1. Mai in einer Zeit, "in der Auseinandersetzungen härter werden und Arbeitnehmer verstärkt für ihre Interessen eintreten müssen".