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"Wir haben die Wahl zwischen Pest und Cholera"

In jüngster Sitzung entschied sich eine Ratsmehrheit für den UMTS-Antennenstandort am "nördlichen Kleinspielfeld" beim Sportplatz. Im Vergleich zum Standort "Am Linsenbach" weist dieser nach den Berechnungen des Umweltstress-Analytikers, Diplomingenieur Norbert Honisch, eine geringere Strahlungsdichte auf.

RICHARD UMSTADT

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BISSINGEN In der Seegemeinde wird derzeit der Ausbau des UMTS-Mobilfunknetzes geplant. An den im Gewerbegebiet zwischen Fabrik- und Stahlbrunnstraße bereits bestehenden GSM-Standorten wollen alle dort präsenten Betreiber T-Mobile, Vodafone, E-Plus und O2 jeweils auch UMTS-Antennen installieren. Durch Verhandlungen mit den vier Mobilfunkanbietern erreichte die Gemeinde Bissingen, dass T-Mobile, Vodafone und E-Plus technische Änderungen an den GSM-Antennen vornahmen. Norbert Honisch: "Dadurch sind die Strahlenwerte, vor allem bei unserem ,Sorgenkind' in der Fabrikstraße, deutlich zurückgegangen." Insgesamt sei eine Reduktion von über 60 Prozent erreicht worden. "Und wenn O2 noch hinzukommt, werden wir die vormals gemessenen Werte um über 70 Prozent unterschreiten", erklärte der Umweltstress-Analytiker, der dieses Ergebnis als "schönen Erfolg" bezeichnete: "Unsere Hartnäckigkeit hat sich gelohnt."

Da die UMTS-Mobilfunktechnik gegenüber GSM eine deutlich geringere Reichweite aufweist, kann der südliche Ortsbereich von Bissingen nicht durch die UMTS-Sendeanlagen im Gewerbegebiet mitversorgt werden. Deshalb klopfte T-Mobile bereits 2003 bei der Gemeinde an. Bekanntlich wollte der Betreiber im Bereich Bauhof an der Kelter einen UMTS-Standort errichten. Wegen der Lage inmitten der Seegemeinde wurde dieser Standort damals von den Bürgervertretern sowie der Verwaltung abgelehnt. Als Alternative fasste T-Mobile dann den westlichen Bereich des Sportgeländes ins Auge.

2004 informierten Vodafone und O2 die Bissinger, dass auch sie im südlichen Ortsbereich UMTS-Anlagen installieren wollen. Die entsprechenden Standortwünsche lagen wieder im Bereich der alten Kelter. Dagegen hielt sich E-Plus zurück und interessanterweise nahm zwischenzeitlich auch T-Mobile von einem UMTS-Ausbau Abstand. Umweltstress-Analytiker Honisch vermutete, dass der Netzbetreiber auf die Ausgabenbremse treten müsse.

"Die Situation hier bestimmen O2 und Vodafone." Beide planen, Ende 2005/Anfang 2006 einen UMTS-Standort im südlichen Ortsteil zu installieren. Norbert Honisch untersuchte daher im Auftrag der Gemeinde Alternativen im östlichen Bereich des Sportplatzes und im Gebiet "Hinter der Mühle" in einem Abstand zu den Wohnhäusern von etwa 200 Metern. Beide Standorte wurden von den Betreibern abgelehnt. In weiteren Verhandlungen schlugen die Bissinger daher als weitere Alternative ein Areal am Linsenbach vor, das sowohl O2 als auch Vodafone als geeignet erachteten.

Aktuell standen deshalb in der jüngsten Gemeinderatssitzung die beiden Gebiete "Am Linsenbach" und "nördliches Kleinspielfeld" zur Diskussion. Dort wäre jeweils ein 25 Meter hoher Mast als Antennenträger zu errichten.

Auf Grund von Berechnungen und Simulationen mit den teilweise von O2 und Vodafone zur Verfügung gestellten Daten kam Norbert Honisch zu dem im Ratsgremium vorgetragenen Ergebnis, dass der Bereich "Nördliches Kleinspielfeld" gegenüber dem Standort "Am Linsenbach" eine geringere Strahlungsdichte aufweist. Honisch wies darauf hin, dass die berechneten Werte von 240 Mikrowatt pro Quadratmeter beziehungsweise 340 Mikrowatt pro Quadratmeter gelten, wenn Vodafone und O2 den Standort nutzen. Er ging allerdings davon aus, dass mittelfristig T-Mobile und E-Plus hinzukommen. "Dann würden sich die maximalen Strahlungsdichten in etwa verdoppeln."

"Die Betreiber erwarten, dass sich jetzt die Gemeinde zum Standort äußert", forcierte Bürgermeister Wolfgang Kümmerle die Diskussion: "Wir sollten zu Potte kommen." Zuvor interessierte Gemeinderat Uli Berger jedoch die Antwort des Fachmanns auf die Frage nach der Gefährdung von Kindern auf dem Standort Kleinspielfeld. "Wir haben immer das Problem, dass Kinder erreicht werden. Auch in den Häusern der Umgebung." Nachts dämpfe allerdings die Haushülle die Strahlung. Die ganze Diskussion um die Gefährdung durch den Mobilfunk werde seit Jahren kontrovers geführt. "Probleme sehen Experten bei Schwachen, Kindern, Alten und Kranken", so Norbert Honisch. Die Wirkungsmechanismen auf den menschlichen Körper kenne man noch nicht genau.

"Wir haben die Wahl zwischen Pest und Cholera", meinte Gemeinderat Siegfried Nägele und plädierte für den UMTS-Standort "nördliches Kleinspielfeld". Dort liege die Strahlungsdichte auch bei einer Verdoppelung unter den Werten der Salzburger Resolution (1 000 Mikrowatt). Im Übrigen sei für ihn in der gesamten Diskussion um die Auswirkungen der Mobilfunktechnik die beeindruckendste Aussage die gewesen, dass die Strahlungswerte eines schnurlosen Telefons tausend Mal so hoch sind wie bei einem Handy.

Um das optische Erscheinungsbild machte sich der Bürgermeister Sorgen. "Am Linsenbach wirkt der Mast nicht so hoch", meinte er, und schlug diesen Standort dem Ratsgremium vor. "Sollte der Naturschutz dagegen sein, könnten wir das Kleinspielfeld ins Auge fassen." Zwar sprach sich der Gemeinderat grundsätzlich dafür aus, die Sendeanlagen aller vier Betreiber auf einem Masten zu vereinigen. Doch eine Mehrheit von acht zu sechs Stimmen lehnte den Verwaltungsvorschlag und damit den Standort "Am Linsenbach" ab und favorisierte das nördliche Kleinspielfeld. Jetzt will die Gemeinde den TV Bissingen davon in Kenntnis setzen.