Lokales

"Wir haben doch auch einen Wald"

Das Kindertagesbetreuungsgesetz sorgte in der jüngsten Sitzung des Notzinger Gemeinderats bei einigen Räten für ungläubiges Kopfschütteln. Auslöser waren zwei Anträge auf Förderung von Einrichtungen in Boll und Kirchheim.

IRIS HÄFNER

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NOTZINGEN Über 3000 Euro im Jahr muss die Gemeinde Notzingen an eine Kleinkindgruppe in Boll bezahlen, da ein Mädchen aus der Bodenbachgemeinde dort den Waldorfkindergarten besucht. Wie viel Kosten für ein weiteres Kind in der "Rasselbande" in Kirchheim anfallen, ist noch nicht bekannt. "Für ein Angebot, das wir nicht abdecken, müssen wir wegen der neuen Rechtsverordnung bezahlen. Dazu gehören Kleinkindergruppen, aber auch Waldkindergarten, Waldorf- und Montessori-Kindergärten", erläuterte Bürgermeister Flogaus. Das bedeutet, dass Notzingen 10 000 bis 20 000 Euro im Jahr dafür im Haushalt einstellen wird. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf war Grundlage für den Gesetzesentwurf.

"Für uns könnte ein Riesenproblem entstehen. Wir haben unsere eigenen Kindergärten und Erzieherinnen, aber möglicherweise immer weniger Kinder", gab Jochen Flogaus zu bedenken. Die Idee der Vereinbarkeit von Familie und Beruf findet Emiliana Montero-Rodriguez gut. "Es ist aber eine reine Privatangelegenheit, sein Kind in den Waldorfkindergarten zu schicken. Man kann doch vom Staat nicht verlangen, dass er Überzeugungen finanziert", sprach sie sich klar gegen die Finanzierung für derartige Einrichtungen aus. Die muss Notzingen jedoch trotzdem bezahlen. "Wer bestellt, der bezahlt auch diese Aussage gilt schon lange nicht mehr", bedauerte der Schultes, denn Bundesgesetz und Landesverordnung verpflichten die Kommunen dazu, sich anteilsmäßig an den Kindergartengebühren zu beteiligen. "Uns bleibt nichts anderes übrig", so Jochen Flogaus.

"Wir sind eine pluralistische Gesellschaft und was die Betreuung von Kindern anbelangt ist Baden-Württemberg hintendran. In Notzingen werden die Zahlen der Kinder nicht hoch sein, die auswärts Angebote wahrnehmen", beschwichtigte Helga Merz, die diese Vorschrift begrüßt. Da sich Notzingen keine Kindertagesstätte leisten kann, müsse eben im Bedarfsfall dafür bezahlt werden.

"Beim Thema Ganztageskindergarten und -schule stehen wir erst am Anfang. Wenn das Schule macht, müssen wir eben eine Kindergartengruppe schließen ob dies im Sinne des Erfinders ist, sei dahingestellt", so die Überzeugung von Herbert Hiller. Dass neue Wege gegangen werden müssen, ist für ihn klar. "Wir können uns dieser Entwicklung nicht verschließen", sagte er weiter. Völlig anderer Ansicht ist Erhard Reichle: "Da stimmt doch was hinten und vorne nicht. Wenn es unbedingt ein Montessori-Kindergarten sein muss, dann sollen die Leute doch dort hinziehen, wo das angeboten wird." Für ihn ist es inkonsequent, die billigen Bauplätze auf dem Land zu nutzen, um dann die Kinder in anderen Städten oder Gemeinden erziehen zu lassen, was zur Folge hätte, dass Kindergartengruppen am Ort geschlossen werden müssten.

Eine Lanze für die Eltern brach Rudolf Kiltz. "Viele sind sich nicht bewusst, dass ihre Kindergartenwahl in einem anderen Ort zusätzliche Kosten für Notzingen bedeuten", erklärte er. Die Idee an sich hält er für gut, die Unkalkulierbarkeit für die Kommune jedoch weniger. Für eine "gute Geschichte" hält auch Hans-Joachim Heberling das Kindertagesbetreuungsgesetz. "Wenn wir das in Notzingen nicht anbieten können und Eltern dies in anderen Kommunen in Anspruch nehmen, sollten wir dafür auch bezahlen. Wir sparen dabei Geld, wenn wir die Kindergärten nicht den ganzen Tag aufmachen", erklärte er.

"Wenn jemand etwas möchte, was über den Standard hinausgeht, dann soll er dafür auch mehr bezahlen", sagte Günter Barz. Notzingen baue Kindergärten und immer weniger Kinder besuchen diese. "Wir haben doch auch einen Wald dann bieten wir das einfach für eine Gruppe an", schlug er vor.

Auf kleinerer Flamme wollte dagegen Herbert Hiller die ganze Angelegenheit kochen. "Die überwiegende Mehrzahl der Kinder wird auch weiterhin in Notzingen die Kindergärten besuchen. Lassen wir es einfach auf uns zukommen", beschwichtigte er.