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"Wir haben in den 60 Jahren viel erlebt"

KIRCHHEIM Schon als Kinder lernten sich Eduard und Frieda Schulz kennen. Damals lebten sie im heutigen Polen. Doch der Zweite Weltkrieg trennte die beiden. Eduard

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REBEKKA BROX

Schulz war zunächst bei der Bahnpolizei und wurde später zum Volkssturm eingezogen. Seine spätere Ehefrau musste zum Landdienst.

"Wir haben uns durch Zufall nach dem Krieg wiedergetroffen", erzählt Frieda Schulz. 1946 verlobten sie sich an deren 18. Geburtstag. Am 1. April des folgenden Jahres heiratete das Paar.

60 Jahre liegt das nun schon zurück und die beiden können auf eine turbulente Zeit zurückblicken. Da sie aus den polnischen Gebieten vertrieben wurden, lebten sie zunächst in Flöha bei Chemnitz. Er verdingte sich in der Landwirtschaft, während sie in einer Baumwollspinnerei arbeitete. "Uns ging es verhältnismäßig gut. Wir mussten nie hungern", sagt Eduard Schulz.

Später zogen sie nach Heidenau bei Dresden, wo sie ein Haus mit großem Garten besaßen. 1950 kam ihr erster Sohn Peter zur Welt. Eineinhalb Jahre später erblickte Tochter Helga das Licht der Welt, die sich Frieda Schulz so sehr gewünscht hatte. "Eigentlich sollte es bei zwei Kindern bleiben, doch 1956 kam dann noch ungeplant ein drittes Kind", erzählt Frieda Schulz. Der Nachzügler ist ein Junge und heißt Gunter.

28 Jahre lebten sie in Heidenau. Doch 1989 beschlossen sie, ihrem Sohn Peter in den Westen zu folgen. Sie bekamen auch tatsächlich eine Ausreisegenehmigung, welche auf den 9. November 1989 datiert ist. "Als wir am Bahnhof ankamen, war dort die Hölle los. Wir hatten nichts von den offenen Grenzen mitbekommen", erinnert sich Frieda Schulz.

Sohn Peter erwartete sie in Gießen, von wo aus die Menschen aus dem Osten in die verschiedenen Teile der Republik zugeteilt wurden.

Sie gaben an, dass ihr Sohn in Stuttgart wohnt und wurden daraufhin nach Göppingen geschickt. Kaum beim Sohn angekommen, erreichte sie ein Telegramm: Dank der offenen Grenzen würde auch der Rest der Familie bald nach Süddeutschland kommen.

Zu der Freude über das Wiedersehen mischte sich aber auch Enttäuschung. Denn die DDR zu verlassen bedeutete für sie auch ihren Grundbesitz zurückzulassen. "Hätten wir noch eine Weile gewartet, hätten wir unser Haus verkaufen können", sagt Eduard Schulz.

Heute lebt das Paar in Kirchheim. Am Sonntag feiern sie die diamantene Hochzeit mit einem großen Fest. Dafür haben sie extra ein Gemeindehaus gemietet. Denn Eduard und Frieda Schulz haben zehn Enkel und elf Urenkel. Zusammen mit den Kindern und den anderen Gästen reicht der Platz in der eigenen Wohnung nicht aus.