Lokales

„Wir haben uns lieb“

Paar wegen Hausunterrichts vor dem Richter

Alle wirkten im Gerichtssaal wie ein Fremdkörper, die brav und still in einer Reihe sitzenden Kinder wie die zwei Elternpaare. Selbst dem Tonfall des Richters, Amtsgerichtsdirektor Jens Gruhl, war anzumerken, dass er aus dem Fall keine Staatsaffäre machen wollte. Beide Familien verstoßen gegen die Schulpflicht. Wer seine Kinder nicht in die Schule schickt, wird bestraft.

Anzeige

Nürtingen. Eines der angeklagten Elternpaare hatte die größeren seiner sieben Kinder mitgebracht. „Das ist für sie Sachunterricht“, sagte die Mutter. Nicht dass die Eltern etwas gegen Bildung hätten. Sie sind nur statt der Schulpflicht für eine Bildungspflicht. Sie vertreten die Auffassung, dass sie ihre Kinder mit Hausunterricht, der wesentlich auf Einzelunterricht hinausläuft, besser auf das Leben vorbereiten können, als dies in einem der üblichen Klassenverbände einer staatlichen Schule möglich ist. Das Ehepaar aus einer Gemeinde im Lenninger Tal hatte zum dritten Mal auf der Anklagebank des Nürtinger Amtsgerichts Platz zu nehmen. Es zeichnet sich wohl eine unendliche Geschichte ab.

„Uns liegt nur das Wohl der Kinder am Herzen“, sagt die Mutter. Sie findet die Bestimmungen zur Schulpflicht nicht logisch und ganz durchdacht. Einerseits stelle der Staat fest, dass er nur das Wohl der Kinder im Auge habe, andererseits bestrafe er jeden Hausunterricht, der nachweislich bessere Erfolge zeitige. Das Regierungspräsidium hat sich bei der Familie bereits gemeldet. Es verweist auf die Möglichkeit der Zwangseinschulung, eines Zwangsgeldes und dem möglichen Entzug des Sorgerechts. Im Zweifelsfall kämen die Kinder dann in ein Heim. „Dann fragt niemand mehr, wie es den Kindern geht“, stellt die Mutter fest.

Die Mittel der neunköpfigen Familie sind keineswegs unbegrenzt. Vom Verdienst des Vaters sind monatliche Raten für das Haus zu überweisen. Gegenwärtig unterrichtet die Mutter, eine Akademikerin mit abgeschlossenem Musikstudium, drei Buben im Alter von sechs, sieben und acht Jahren. Vor Gericht geht es einstweilen nur um den achtjährigen Sohn. Erfolgte eine Anzeige wegen der anderen Buben, würden auch sie in einer Anklage auftauchen. Die Mutter hat sie bei der Schule ab- und bei der Philadelphiaschule in Siegen angemeldet. Der Achtjährige, der Missionsarzt werden will, hatte bei der jüngsten Prüfung mit einer Ausnahme nur die Noten „gut“ und „sehr gut“.

Amtsgerichtsdirektor Gruhl machte an einem Beispiel die Gesetzeslage deutlich. So gebe es Menschen, die Autofahren können, aber es nicht dürfen, weil sie keinen Führerschein haben. Eine Befreiung von der Schulpflicht sei nur möglich, wenn dem Kind ein Schulbesuch nicht möglich sei, etwa aus Gesundheitsgründen, und die Voraussetzungen dafür seien im vorliegenden Fall nicht gegeben. Ebenso enthebe fehlendes Vertrauen in die Normalschule nicht von der Schulpflicht. Wegen Verstoßes gegen das Schulgesetz belegte der Richter das Ehepaar mit einer Geldbuße von 100 Euro und den Kosten des Verfahrens. Ratenzahlung wurde eingeräumt.

Gleichzeitig verwies der Vorsitzende auf die Möglichkeit einer Rechtsbeschwerde. Das Ehepaar will davon keinen Gebrauch machen. „Das käme uns zu teuer“, sagte die Mutter. Auf keinen Fall will das Ehepaar vom Hausunterricht Abstand nehmen. Mit Schrecken denken sie allerdings an einen Fall, bei dem die Kinder den Eltern entzogen und in ein Heim gebracht wurden. Er würde gerne mit den Behörden zusammenarbeiten, sagt der Vater, auch im Blick auf die natürlich notwendigen Kontrollen, aber bei den Behörden stoße man damit nur auf taube Ohren. Dabei spiele sich in der Schule alles in der Gruppe ab und erfahre der einzelne Schüler nicht die notwendige Aufmerksamkeit. Von Regierungsseite sei alles darauf ausgerichtet, die Kinder möglichst ganztägig in Obhut zu geben, damit beiden Elternteilen die Chance einer Karriere gewahrt bleibe. Sie seien da anderer Ansicht. „Wir haben uns lieb“, sagte die Mutter, „wir haben die Kinder gewollt.“

In vielen Nachbarländern bestehen andere Gesetze. In Österreich etwa gibt es keine Schulpflicht, sondern eine Bildungspflicht. Eltern können ihre Kinder selbst unterrichten, und ob sie es erfolgreich tun oder nicht, prüft der Staat in regelmäßigen Abständen. Scheitern die Eltern an ihrer Aufgabe, müssen die Kinder zur Schule. Ähnlich läuft es in Frankreich, in Italien oder in Belgien. In Kanada bekommen solche Familien sogar einen Zuschuss vom Staat, weil sie der öffentlichen Hand Ausgaben ersparen. So wird in der neunköpfigen Familie neuerdings öfters über das Auswandern gesprochen.

„Wir können“, sagt die Mutter, „unsere Kinder nicht Menschen überlassen, die von Jesus Christus und der Bibel nichts halten.“ Für ihre Kinder sei die Rückkehr in die staatliche Schule ausgeschlossen. itt