Lokales

"Wir haben uns schließlich einfach nichts mehr gewünscht"

Derzeit läuft die "Woche der Überschuldeten". Mit der Veröffentlichung einzelner Schicksale wollen die Schuldnerberaterinnen im Kreis aufmerksam machen auf den Menschen hinter den Schulden. Heute erzählt eine vierköpfige Familie von ihrem Schicksal.

KIRCHHEIM Frau T. berichtet: "Wir leben in Kirchheim. Mit zu unserer Familie gehören unsere beiden 14 und 12 Jahre alten Töchter. Wir haben uns Mitte der 90er-Jahre ein älteres Bauernhaus gekauft. Damals war die Welt für uns noch in Ordnung. Ich hatte eine gute Anstellung bei einem großen Unternehmen. Der Firma ging es gut. Wir alle, die dort beschäftigt waren, sind davon ausgegangen, dass wir eine sichere Anstellung haben. Sonst hätten wir uns nie darauf eingelassen ein eigenes Haus zu kaufen. Aber es kam anders. Die Firma wurde ein paar mal hin und her verkauft und letzten Endes hat die Firmenleitung entschieden, Arbeitsplätze in großem Stil abzubauen. Von den Entlassungen Ende 1998 war auch ich betroffen. Zum damaligen Zeitpunkt habe ich noch darauf vertraut, dass ich eine Anstellung zu ähnlichen Bedingungen finden würde.

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Aber ich wurde eines Besseren belehrt. Wir lebten zwischenzeitlich auf der Alb und ich fand eine auf ein Jahr befristete Anstellung weit hinter Stuttgart. Der Verdienst war um 600 Mark geringer als vorher. Wir haben uns eingeschränkt und so konnten wir die Raten weiterhin bezahlen.

Dann kam aber eins zum anderen: Das Haus entpuppte sich als Fass ohne Boden, und im sehr strengen Winter hatte ich auf eisglatter Straße frühmorgens einen Totalschaden mit dem Auto. Wir haben lange überlegt, aber ich brauchte ein Auto, um zur Arbeit zu kommen, denn an unserem damaligen Wohnort war nicht einmal an eine Arbeit zu denken. Unsere Reserven waren bereits aufgebraucht. So mussten wir das Auto finanzieren und auch für das Haus mussten wir eine Nachfinanzierung aufnehmen. Dann kam nach einigen Monaten auch in diesem Job das Aus. Insgesamt war ich drei Monate arbeitslos.

Ab da wuchs uns die finanzielle Belastung über der Kopf. Die monatlichen Raten konnten wir nicht mehr tragen und kamen in Rückstand. Man sitzt ja nicht herum und wartet. Mein Mann hat Briefe an die Gläubiger geschrieben und um Stundung gebeten oder wenn ein Gläubiger zu sehr drängte, haben wir versucht, einen neuen Kredit aufzunehmen, um einige Zeit Ruhe zu haben. Wir haben in dieser Zeit ein Loch gestopft und das nächste aufgerissen. Immer in der Hoffnung, dass für uns doch noch bessere Zeiten kommen und mein Mann wieder mehr verdienen würde.

Insgesamt ging das zwei Jahre so. Dann, im Januar 2001, wurde unser Haus zwangsversteigert. Wir mussten raus und haben eine neue Wohnung in der Nähe von Kirchheim gefunden.Was mich in dieser Zeit auch sehr belastet hat, war, dass unsere älteste Tochter epileptische Anfälle bekam, die immer stärker wurden. Ich glaube, ich war in dieser Zeit so stark belastet, dass ich den Kopf auch in den Sand gesteckt habe.

Mit dem Umzug wurde nichts besser. Der Druck von den Gläubigern nahm ständig zu. Wir wussten nicht mehr, was wir tun sollten. So haben wir den bezahlt, der am meisten Druck gemacht hat. Wir haben jeden Monat so viel Geld an die Gläubiger bezahlt, dass wir fast nichts mehr zum Leben hatten und die Miete auch nicht mehr zahlen konnten. So kam es zur Zwangsräumung."

Die jüngste Tochter erzählt weiter: "Für uns als Kinder war das eine sehr schwierige Zeit. Wir haben mitbekommen dass etwas nicht stimmt. Klar, wir mussten ja aus unserem Haus raus und am Ende des Monats war oft nichts mehr zum Essen und Trinken da. Unsere Eltern konnten uns auch nichts mehr kaufen. Wir haben sie dann gefragt was los ist und sie haben versucht, es uns zu erklären. Daraufhin haben wir uns eben nichts mehr gewünscht.

Furchtbar war, dass die Vermieterin, die mit im Haus wohnte, sehr häufig zu uns heraufkam und unsere Eltern beschimpfte. Ich hatte richtig Angst vor ihr und habe mich nicht mehr raus getraut, aus Angst, dass sie mich sieht und auch mit mir schimpft. Freundinnen hatten wir keine. Wir haben uns immer nur zu Hause aufgehalten. Jetzt in Kirchheim ist das besser. Manchmal rufen bei uns Gläubiger an, und ich bin am Telefon. Die blicken das aber nicht und sagen mir dann alles. Manchmal werden sie auch laut. Wenn ich dann sage, dass ich meine Mutter hole, sind sie oft noch ärgerlicher und sagen, ich hätte ja gleich meine Mutter holen können. Aber die lassen einen ja nicht zu Wort kommen."

Herr T. sagt: "Ich bin sehr froh über meinen Chef. Mittlerweile sind, obwohl ich nicht pfändbar bin, einige Pfändungen bei ihm eingegangen. Trotzdem kündigt er mich nicht und geht sehr kulant damit um. Er bot mir sogar seine Hilfe und seinen Rat an. Für mich ist es sehr wichtig, arbeiten zu gehen, so bin ich nicht immer am Grübeln."

Frau T. berichtet: "Für mich ist das schwieriger, da ich bei den Kindern bin. Gläubiger rufen an, fast täglich sind Briefe von ihnen in der Post und wenn die Kinder mit Freundinnen etwas unternehmen möchten, besprechen sie mit mir, ob wir uns das leisten können oder nicht. Für mich ist es nicht einfach, ihnen die wenigen Wünsche die sie haben, oft abschlagen zu müssen."

Die älteste Tochter erzählt: "Ich würde am Wochenende gerne mal mit meiner Familie ins Schwimmbad gehen. Aber da überlege ich mir was wir davon alles zum Essen kaufen können und dann frage ich auch nicht weiter. Wir brauchen das Geld für Lebensmittel. Wenn Freundinnen aus der Schule fragen, ob ich da oder da mit hingehe, dann lasse ich mir spontan eine Ausrede einfallen. Ich will ja nicht jedem auf die Nasen binden, dass wir Schulden haben."

Frau T. spricht weiter: "Als Paar gehen wir nie fort. Wohin denn auch? Wenn wir weggehen, sollen auch unsere Kinder dabei sein. So haben wir unserer Tochter zum Geburtstag einen Kinobesuch mit der ganzen Familie geschenkt. Für mich ist wichtig, dass wir einen sehr engen Kontakt zu meinen Eltern und Geschwistern haben. Wir unterstützen uns gegenseitig. Aber einen Bekanntenkreis haben wir nicht. In meiner Familie wissen alle, dass wir Schulden haben. Hier müssen wir uns nicht verstecken. Der Familie meines Mannes haben wir es auch gesagt, aber das war das erste Mal, dass ich dachte, es wäre besser gewesen, wir hätten den Mund gehalten. Sie reagierten alle komisch. Meine Schwiegermutter kommt nicht mehr. Ich komme mir vor, als ob wir abgeschoben wären."

Die älteste Tochter ergänzt: "Auch wir Kinder haben das mitbekommen und gehen nicht mehr hin. Sie haben immer so komisch gefragt und so Bemerkungen gemacht."

Frau T: "Mich belastet das alles sehr. Oft kann ich nicht schlafen und bin am Grübeln. Tagsüber bin ich immer unruhig. Ich weiß ja nicht, was jetzt wieder kommt. Wenn ich zurückblicke, hätten wir wahrscheinlich früher sagen müssen, dass nichts mehr geht. Aber wir haben ja immer noch Hoffnung gehabt, dass alles wieder so wird wie früher und wir das Haus halten können. Aber das war reine Spekulation. Da die Banken den neuen Krediten immer zugestimmt haben, dachten wir, dass wir alles richtig machen.

Seit wir beider Schuldnerberatung sind, geht es für uns langsam aufwärts. Da mein Mann nur wenig mehr als Sozialhilfe verdient, haben wir besprochen, dass wir momentan keine Raten mehr begleichen. Es stimmt auch, das Geld, das wir haben, brauchen wir um jeden Monat zu überleben. Wir hoffen, dass wir eine Regulierung hinbekommen. Ich würde mir nichts mehr wünschen, als mit meiner Familie in Ruhe und Frieden zu leben und meinen Töchter auch mal kleine Wünsche erfüllen zu können."

sb