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„Wir müssen dieses Potenzial nutzen“

Der demografische Wandel zwingt die Unternehmen zum Handeln: Die Volksbank Kirchheim-Nürtingen reagiert auf den zunehmenden Fachkräftemangel mit einem Ausbildungsprogramm für Wiedereinsteiger.

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Frank Hoffmann

Kirchheim. Laut einer Prognose des Statistischen Bundesamts wird die Einwohnerzahl Deutschlands von derzeit 82 Millionen auf 77 Millionen im Jahr 2030 sinken. Qualifizierte Nachwuchskräfte werden damit auf dem Arbeitsmarkt zur Mangelware. „Bereits heute tun wir uns schwer, Arbeitsplätze im Bereich der Kundenberatung zu besetzen“, schildert Ulrich Weiß, Vorstandsvorsitzender der Volksbank Kirchheim-Nürtingen, seine Erfahrungen und appelliert deshalb an alle Firmen, sich rechtzeitig mit dieser Problematik zu beschäftigen.

Der Großteil der deutschen Unternehmen hat die mit dem demografischen Wandel verbundenen Folgen auf dem Arbeitsmarkt zwar erkannt, ist aber unzureichend auf das Problem vorbereitet. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Studie der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft Pricewaterhouse-Coopers. Gerade mal 34 Prozent der befragten Betriebe fühlt sich gut oder sehr gut gerüstet und hat langfristige Strategien entwickelt, um dem Arbeitskräftemangel zu begegnen. Auch die Förderung älterer Arbeitnehmer liegt nach Ansicht der Experten im Argen: Nur 23 Prozent der Firmen bieten Qualifizierungs- und Weiterbildungsmaßnahmen für Mitarbeiter über 50 an.

In der Führungsetage der Volksbank Kirchheim-Nürtingen macht man sich schon seit Längerem Gedanken, wie die drohende Lücke geschlossen werden kann, „zumal sich in den kommenden Jahren etliche Mitarbeiter in den Ruhestand verabschieden“, erläutert der Vorstandsvorsitzende. So wurde die Idee, ein Qualifizierungsprogramm für Wiedereinsteiger anzubieten, geboren. „Damit wollen wir auch allen, die nach einer längeren beruflichen Pause wieder einsteigen wollen, eine Chance geben“, sagt Weiß. Immer wieder höre er, dass Menschen mittleren Alters trotz sehr guter Ausbildung große Probleme haben, nach einer Auszeit wieder eine geeignete Tätigkeit zu finden. „In aller Regel sind das sehr qualifizierte Leute, und dieses Potenzial müssen wir nutzen.“

In Betracht kommt das neue Angebot der Volksbank für alle Jobsuchenden mit einer Berufsausbildung oder Studium. Bankspezifische Kenntnisse sind nicht notwendig, das erforderliche Fachwissen wird in den Qualifizierungskursen vermittelt. Je nach Vorkenntnissen läuft diese Ausbildung über sechs bis zwölf Monate. Da es sich um Arbeitsplätze im Bereich der Kundenberatung handelt, sucht die Bank vor allem Leute, die gut mit Menschen umgehen können. „Gerade im Beratungssektor brauchen wir auch die mittleren Jahrgänge“, sagt Ulrich Weiß, „manchen älteren Kunden fällt es schwer, sich nur von sehr jungen Angestellten beraten zu lassen.“

Am Ende der verkürzten Lehre steht eine Abschlussprüfung, die darüber entscheidet, ob die Teilnehmer in ein Dauerarbeitsverhältnis übernommen werden. Während der Qualifizierung werden die Absolventen wie Auszubildende bezahlt. Eine Teilzeitbeschäftigung ist nicht möglich.

Holm Weber ist der erste, der das neue Ausbildungsangebot der genossenschaftlichen Bank nutzt. Der 46-Jährige kommt ursprünglich aus dem Bankgewerbe, hat dann aber viele Jahre in der Industrie gearbeitet, bis sein Arbeitgeber Arbeitsplätze ins Ausland verlagerte, und er mit 45 vor der schwierigen Aufgabe stand, einen neuen Job suchen zu müssen. Inzwischen hat Holm Weber die verschiedenen Abteilungen der Volksbank kennengelernt, hausinterne Seminare und Kurse der Bankakademie in Hohenheim besucht und arbeitet jetzt im mobilen Vertrieb der Bank.

Im Moment bietet nur die Volksbank die verkürzte Lehre für Wiedereinsteiger an, doch Ulrich Weiß würde sich freuen, wenn andere Unternehmen dem Beispiel folgen. Falls weitere Banken die Idee aufgreifen, so Weiß, wäre es auch denkbar, in Hohenheim eine eigene Klasse einzurichten.