Lokales

„Wir müssten bei null anfangen“

Angelika Matt-Heidecker erteilt dem Aufbau eigener Stadtwerke eine Absage

In zwei Jahren laufen in vielen Kommunen rund um die Teck die Konzessionsverträge für die Stromnetze aus. Auch Kirchheim muss sich entscheiden, ob die EnBW für weitere 20 Jahre das Leitungsrecht bekommt oder ob die Stadt selbst Netzbetreiberin wird. Den Aufbau eigener Stadtwerke schließt die Oberbürgermeisterin aus.

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Antje Dörr

Kirchheim. Die Frage, wie es mit den Stromnetzen weitergehen soll, erhitzt in Kirchheim schon heute die Gemüter. Bei einer Podiumsdiskussion in der Stadtbücherei wurden kürzlich die Alternativen vorgestellt, zwischen denen die Kommunen in den nächsten beiden Jahren wählen müssen: beim großen Energieversorger EnBW bleiben, mit dem Neckar-Elektrizitäts-Verband (NEV) eine Netzgesellschaft gründen oder eigene Stadtwerke aufbauen. In einer von Geschäftsinteressen und Ideologie bestimmten Debatte rangen die Diskussionsteilnehmer um die Deutungshoheit. Kirchheims Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker hat die Veranstaltung bewusst nicht besucht. Sie plädiert für Sachlichkeit. „Wir müssen schauen, was machbar ist, anstatt uns in Tagträumen zu verlieren“, so das Stadtoberhaupt.

Die Stromleitungen, durch die Energie in Kirchheims Haushalte fließt, gehören aktuell der EnBW. Die Stadt Kirchheim gewährt dem Unternehmen das Leitungsrecht und erhält im Gegenzug die sogenannte Konzessionsabgabe. Das sind pro Jahr 1,4 Millionen Euro. Diese Regelung gilt seit 1992. Damals schloss der kommunale Zweckverband NEV, in dem sich aktuell 167 Städte und Gemeinden zusammengeschlossen haben, den Konzessionsvertrag mit den Neckarwerken, heute EnBW, ab. 18 Jahre später steht nun die Neuausschreibung an. Verwaltung und Gemeinderat müssen also entscheiden, ob sie das Leitungsrecht weiterhin an die EnBW abtreten oder selbst Netzbetreiber werden.

„Mir geht es um eine machbare Lösung, bei der wir am Gewinn beteiligt werden und mit der wir erneuerbare Energien fördern“, beschreibt Angelika Matt-Heidecker die Interessen der Stadt. Die glaubt sie mit dem Modell des NEV am besten umgesetzt. Es sieht vor, dass der Verband und die Kommunen eine eigene Netzgesellschaft gründen. Daran wären Städte und Gemeinden mit 35,9 Prozent und der NEV mit 15,1 Prozent beteiligt. Die Kommunen hätten damit insgesamt 51 Prozent. Der Einstieg in diese Netzgesellschaft würde Kirchheim 1,9 Millionen Euro kosten. Im Gegenzug erhielte die Stadt eine zugesicherte Rendite in Höhe von neun Prozent – bei höherem Risiko auch mehr. Zudem könnte Kirchheim über den Zweckverband an erneuerbaren Energieversorgungsprojekten teilhaben. Im Herbst wird das Modell im Kirchheimer Gemeinderat vorgestellt.

Aktuell wird außerdem geprüft, inwiefern es sich für Kirchheim lohnen würde, bei anderen Stadtwerken einzusteigen. Der Aufbau eines eigenen Betriebs kommt für die Oberbürgermeisterin hingegen nicht infrage. Auch gemeinsame Stadtwerke mit den Kommunen rund um die Teck, wie von dem grünen Kommunalpolitiker Andreas Schwarz gefordert, hält sie für unrealistisch. „Wir müssten bei null anfangen“, erklärt Angelika Matt-Heidecker. Allein die Übernahme des Netzes würde die Stadt circa 5,5 Millionen Euro kosten. Hinzu kämen die Kosten für den Aufbau eigener Stadtwerke. Außerdem müsste die gesamte Straßenbeleuchtung mit übernommen werden, die bisher auch in Händen der EnBW ist. Das Fazit der Oberbürgermeisterin lautet deshalb: „Es kann nur ein Beteiligungsmodell sein.“