Lokales

„Wir sind alle viel offener geworden“

Zehn Achtklässler der Dettinger Teckschule lernten bei einem halbjährigen Projekt, was soziale Verantwortung bedeutet

„Soziale Verantwortung lernen“: Darum ging es bei einem Projekt der evangelischen Kirchengemeinde und der Teckschule Dettingen. Zehn Hauptschüler haben sich dabei in den vergangenen Monaten besser kennengelernt und Freundschaften geschlossen.

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heike allmendinger

Dettingen. Eine bunte Zeichnung zeigt einen Hof, auf dem sich zahlreiche Hühner tummeln. Manche von ihnen haben sich in einer Pyramide aufeinander gesetzt, andere wiederum stehen alleine am Rand und beobachten die Szenerie.

Dieses Bild werden die acht Mädchen und zwei Jungs der Dettinger Teckschule wohl nie vergessen. Denn im Rahmen des Projekts „Soziale Verantwortung lernen“, das die evangelische Kirchengemeinde und die Teckschule in Dettingen ins Leben gerufen hatten, sollten sie bestimmen, welches Huhn sie im wahren Leben darstellen. „Wir sollten sagen, ob wir Einzelgänger oder eher Gruppenmenschen sind. Dabei hat man sich und die anderen besser kennengelernt“, erzählt die 14-jährige Nadia, die – wie alle weiteren Teilnehmer des Projektes – die achte Klasse der Teckschule besucht.

„Es war schon sehr emotional, manche Schüler waren sogar den Tränen nahe“, räumt Jugendreferent Markus Eichler ein, der die Idee dazu hatte, das Projekt mit den Hauptschülern zu starten. „Aber sie haben sich voreinander geöffnet.“ Und dabei seien Dinge ans Tageslicht gekommen, die den Jugendlichen zuvor gar nicht bewusst waren. So habe sich zum Beispiel so mancher Schüler „außen“ gefühlt, obwohl ihn die anderen in der Gruppe gesehen hätten. Außerdem sei es für die jungen Leute teilweise schwierig gewesen, sich selbst einzuschätzen. Auch Nadia konnte sich nicht entscheiden, welches Huhn sie auswählen soll: „Ich bin oft in der Gruppe, weil ich Fußball spiele. Aber ich bin auch gern mal allein.“

„Unter Kindern und Jugendlichen gibt es häufig eine Hackordnung nach dem Motto ,Du gehörst dazu und du nicht‘“, weiß Markus Eichler. Oft seien Zickenkrieg unter Mädchen und Mobbing angesagt, fügt der Jugendreferent der evangelischen Kirchengemeinde Dettingen hinzu. Deshalb entschloss er sich im Jahr 2009 dazu, das Projekt, auf das er über das Evangelische Jugendwerk Baden-Württemberg und das Kultusministerium aufmerksam wurde, der Gesamtlehrerkonferenz der Teckschule vorzustellen. Auch beim Elternabend der Klasse acht präsentierte er seine Idee, für die er schließlich grünes Licht bekam.

Der Schwerpunkt des Projektes, das im Rahmen des Dettinger Kinder- und Jugendhilfeplans umgesetzt wurde und das sich über ein halbes Jahr erstreckte, lag auf dem Thema Integration. Alle zwei Wochen trafen sich die Jugendlichen dienstagnachmittags mit Markus Eichler sowie Katrin Engel, Marin Braun und Christoph Kuhn, die ehrenamtlich bei der Kirchengemeinde tätig sind. Nach einem gemeinsamen Essen lernten sich die Jugendlichen bei unterschiedlichen Aktionen – wie der Hühnerhof-Zeichnung – besser kennen, erkannten dabei ihre eigene Rolle und die der anderen, sie erfuhren, welche Regeln es innerhalb einer Gruppe gibt und wie man miteinander umgeht und kommuniziert.

Zum Abschluss nahmen die Jugendlichen an einem Workshop teil, in dem ihnen zwei Sprayer aus Kirchheim und Holzmaden die Kunst des Graffitisprühens beibrachten. Und natürlich durften die Mädels und Jungs dann auch selbst Hand anlegen: Sie verzierten die Wände der Fußgängerunterführung bei der Teckschule mit bunten Graffitis. „Jeder wählte sein eigenes Motiv aus“, erzählt Markus Eichler. So sprühte Michelle neben einer grün leuchtenden Palme in großen Lettern das Wort „Smile“ auf die Wand, Kathrin suchte sich den Begriff „Peace“ aus, und Robin entschloss sich für die Buchstaben „SFD“ – schließlich spielt der 14-Jährige Fußball bei den Sportfreunden Dettingen.

„Die Zeit war sehr schön. Wir haben viel geschafft“, schwärmt Janina, die in ihr Graffiti den Satz „Yes, we can“ eingebaut hat. Nebenan ist der Spruch „Alle für einen, und einer für alle“ zu lesen. „Das war unser Motto. Valentin hat es vorgeschlagen“, sagt Markus Eichler. So habe jeder seine Begabung eingebracht, oft hätten sich die Jugendlichen gegenseitig geholfen. „Die Schüler trauten sich etwas zu. Das hat auch ihr Selbstbewusstsein gestärkt.“ Darüber hinaus würden nicht nur die jungen Leute selbst von ihren Graffitis profitieren – „auch die Bevölkerung hat etwas davon“, betont Markus Eichler.

Mit von der Partie waren Janina, Jessica, Kathrin, Louisa, Michelle, Nadia, Robin, Sarah, Tina und Valentin. „Am Anfang waren es 18 Schüler. Leider sind während des Projekts acht Jugendliche ausgestiegen. Das hat mich ein bisschen enttäuscht“, sagt Markus Eichler, der dennoch ein sehr positives Fazit zieht. Deshalb ist das Projekt, das vom Kultusministerium, der Kirchengemeinde, der Kommune und der Teckschule finanziert wird, auch im nächsten Jahr geplant – dann voraussichtlich mit den neuen Achtklässlern. „Mein Wunsch ist aber auch, an der jetzigen Gruppe dranzubleiben und weiter mit den Schülern zu arbeiten“, unterstreicht Markus Eichler. Auch die jungen Leute selbst, die für ihre Projektteilnahme ein Zertifikat vom Kultusministerium erhalten, hätten sich schon nach einer Fortsetzung erkundigt.

Denn durch die Aktion seien alle „offener geworden“, findet Jessica. „Wir haben jetzt eine bessere Klassengemeinschaft.“ Das bestätigt Janina: „Außerdem habe ich nun viel mehr Freundinnen als vorher.“