Lokales

"Wir sind bereit und warten auf die Gäste"

Die Resonanz übertraf alle Erwartungen, die Speisepläne stehen, die Helfer sind bereit. Und die Vorfreude steigt. Am Sonntag, 17. Februar, öffnet erstmals die Nürtinger Vesperkirche ihre Pforten. Zwei Wochen lang soll es im Martin-Luther-Hof eine Tischgemeinschaft mit den verschiedensten Menschen geben.

JÜRGEN GERRMANN

Anzeige

NÜRTINGEN "Über 100 Ehrenamtliche haben sich gemeldet, auch Kuchenbäcker haben wir genügend. Jeder, der mitmacht, bringt einen mit", freut sich Eberhard Haußmann vom Kreisdiakonieverband, der die Vesperkirche koordiniert. Und er staunt ebenso wie der Nürtinger Dekan über die breite, spontane Hilfsbereitschaft, mit der diese Aktion von vornherein gesegnet war: "Überraschend viele junge Menschen haben sich gemeldet", strahlt Michael Waldmann. Und anders als in manch andere kirchliche Aktivitäten bringen sich hier auch Männer in nicht nur marginaler Zahl ein. Zudem engagieren sich erstaunlich viele, die nicht zu dem Kreis zählen, den man immer sieht, wenn die Kirche was macht.

Zu guter Letzt: Nicht nur Nürtinger machen sich diesen Protest "gegen den Skandal der Armut" wie Michael Waldmann erklärte zu eigen. Auch Menschen aus Oberboihingen, Frickenhausen, Aich, Grötzingen und anderen Umlandgemeinden setzen sich im Luther-Hof ein.

"Gemeinsam an einem Tisch": Dafür hat sich zum Beispiel auch eine ganze Klasse der Nürtinger Theodor-Eisenlohr-Schule begeistert. Gemeinsam mit ihrem Lehrer Helmut Arnold machen die jungen Leute mit. Auch für sie dürfte es eine tolle Erfahrung sein, zu spüren, dass sie wichtig sind und gebraucht werden.

500 Gutscheine sind bereits gedruckt, die der Sozialdienst der Stadt, die Arge, der Tagestreff, die Diakonie oder andere Einrichtungen an Menschen, die es sich sonst nicht leisten können, zum Essen zu gehen, und Scheu haben, ein solches Angebot anzunehmen, verteilen können.

Der breite Zuspruch und die damit verbundene Vorfreude wiegt derweil das nervöse Magengrimmen mehr als auf, das weder Eberhard Haußmann noch Michael Waldmann verhehlen wollen. Schließlich geht man ja ein finanzielles Risiko ein. "Wir wissen nicht, wie viele Leute kommen und mussten trotzdem logistische Vorbereitungen treffen", erläutert der Dekan. "Gerade deswegen sind wir ,Licht der Hoffnung' ja so dankbar."

Von 100 Essensgästen am Anfang und 250 am Ende ("Wenn's gut läuft") träumen die beiden. Und auch von einer lebendigen Mischung: nicht nur "halbe-halbe" (zwischen Bedürftigen und denen, die finanziell nicht auf dieses Angebot angewiesen sind), sondern "noch viel, viel bunter" hätte es der Dekan gern. Das Motto "Gemeinsam an einem Tisch" soll nicht nur über der Türe stehen, sondern gelebt werden: "Die Vesperkirche hat mit Armut zu tun. Sicher. Das ist so. Aber eben nicht nur. Wir wollen der Aufteilung und Zersplitterung der Gesellschaft mit einem niederschwelligen Angebot entgegenwirken."

Echtes Miteinander soll spürbar werden, das weit mehr ist als das bloße Nebeneinander der verschiedensten Ghettos: dem der Armen, der Alten, der Jungen, der Businessleute, der Arbeitslosen. Und da kann dann einer, der zu den Verlierern dieser Gesellschaft zählt, einem sogenannten "Normalbürger" einfach mal so von Mensch zu Mensch erzählen, wie schnell man auf der Straße landen kann: "Die Vesperkirche soll auch ein Ort sein, Not wahrzunehmen, die wir so gar nicht kennen. Und dies auch öffentlich zu machen", steckt Michael Waldmann ein weiteres Ziel ab. Irgendwie spürt man, dass er es kaum erwarten kann, bis es endlich losgeht: "Wir sind gut vorbereitet. Jetzt warten wir auf die Gäste. Und ich hoffe, dass es uns gelingt, in der Vesperkirche eine Atmosphäre der Würde und Achtung zu schaffen", sagte er.