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"Wir sollten jedes Ritual ernst nehmen und achten"

Wenn in der Welt von heute immer mehr Menschen Mut zur Spiritualität fassen, dann liegt das ganz wesentlich an diesem Gast im Haus der Familie, an Pater Anselm Grün. Er beleuchtete in der Johanneskirche das Thema Rituale.

NÜRTINGEN Fesselnd vermittelte Anselm Grün die guten Impulse, die in Ritualen verborgen seien. Sigmund Freud habe in Zwangsritualen Versuche gesehen, Ängste in der Seele zu bannen. Aber auch positive Chancen wurzelten in solchen immer wiederkehrenden Handlungen. Deren Botschaft: "Ich lebe selber, anstatt gelebt zu werden."

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Anhand der Geschichte von Jakob und der Himmelsleiter näherte Anselm Grün sein Publikum an Rituale an. Sie seien immer etwas Handfestes, öffneten den Himmel, vermittelten Gewissheit, dass das eigene Leben gelinge, sie schüfen einen heiligen Ort und eine heilige Zeit, die der Welt entzogen sind und über die die Welt keine Macht hat, ließen einen in Kontakt mit dem Heilen in mir selbst kommen, sie seien ein Erinnerungszeichen, dass Gott die eigentliche Wirklichkeit ist, die in mein Leben hineinreicht, sie ließen einen die zärtliche Liebe Gottes spüren, wenn man behutsam mit diesen Regeln und Gebärden umgehe und sie schüfen schließlich Heimat. Und zwar nicht im Sinne von "Nostalgie", sondern von "Heim" und "Geheimnis". Man spüre, dass etwas in einem wohne, was größer sei als man selbst und die Welt: "Nur da, wo das Geheimnis wohnt, kann ich wirklich daheim sein."

Der Pater riet dazu, Rituale als Dank und Bitte um Gottes Segen in den Alltag hineinzunehmen. "Keine Zeit" zu haben, sei da keine Ausrede: "Dann sollte ich das, was ich ohnehin tun muss, ganz bewusst tun." Beispiele: Sich ganz bewusst waschen, um den inneren und äußeren Dreck wegzuwischen. Oder das Frühstück nicht in Hetze hinunterzuschlingen, sondern regelrecht zu zelebrieren.

Ganz wichtig seien auch "Schlussrituale nach der Arbeit": "Wir müssen die Tür der Arbeit schließen, bevor wir die Tür des Zuhauses aufmachen. Das gibt uns die Befähigung, ganz im Augenblick zu sein." Wer die Türe der Arbeit nie schließe, der stehe immer im Durchzug: Und es tut der Seele nicht gut, zugleich überall und nirgends zu sein. Depressionen seien nicht zuletzt ein Hilfeschrei der Seele gegen diese ständige Mobilität. Wenn man versuche, den Ärger nicht abzuschließen, sondern durch Essen, Trinken und Fernsehen wegzustecken, dann hole er einen mit Sicherheit im Traum wieder ein. Daher sei es wichtig, Abstand zu gewinnen, Gott den Tag zu übergeben, offen für die Engel, die Traumboten seien, zu werden und sich in Gottes Hände fallen zu lassen.

Auch ein engagiertes Plädoyer für die Sonntagsruhe integrierte Anselm Grün in diesen Vortrag: "Das Sonntagsritual tut auch der Seele gut. Die Gesellschaft braucht etwas, das sich der irdischen Macht entzieht. Sonst wird sie totalitär. Sonst bestimmt die Wirtschaft alles auch den Sonntag." Der Seelsorger wollte Mut machen, Hemmschwellen zu überwinden, verhehlte aber auch nicht, dass man Rituale nicht erzwingen kann sie können nicht heilen, was kaputt ist in einer Familie.

Und manchmal gebe es auch Schwierigkeiten wegen Ritualen in der Familie. So rebellierten Kinder oft gegen das Tischgebet. Diesen Problemen könne man dadurch begegnen, dass man jedes Familienmitglied abwechselnd diese Zeit gestalten lasse. Wenn jemand eine halbe Minute nur schweigen möchte, dann solle man auch das akzeptieren: "Wir sollten jedes Ritual ernst nehmen und achten."

Ganz wichtig erachtete es Grün, die christlichen Feste wieder in die Familien hineinzutragen. So könne man zum Beispiel den Advent dazu nutzen, darüber zu sprechen, warum dieses Fest so wichtig ist. Rituale müssten aber auch immer wieder neu gedeutet werden: "Sonst verkommen sie zu purem Schmuck." So wie der Adventskranz, dessen Kerzen oft nur noch gedankenlos angezündet würden, der aber doch ein wundervolles Sinnbild dafür sei, dass Leben gelinge, Zerbrochenes wieder geheilt und das Dasein wieder rund werde.

Die Beichte, deren Rigorosität vor 50 Jahren viele erschreckt und verschreckt hätte, könne auch im engen Umfeld Segen entfalten, dabei helfen, Altes loszulassen und Neues zu beginnen, einander deutlich zu machen, wofür man um Entschuldigung bitte. Es könne sehr hilfreich sein, Verletzungen in Symbole umzusetzen und zu begraben, um sich auch selbst zu zeigen: "Das hat mir sehr weh getan, aber ich lasse es begraben sein." Ein Ritual ersetze nicht das Anschauen des eigenen Lebens oder das therapeutische Gespräch, aber es könne durchaus ein Schlussstrich sein.

So warb der Pater nicht zuletzt auch um Wahrheit und Wahrhaftigkeit am Krankenbett: Sonst kann der Sterbenskranke nicht Abschied nehmen. Zur Krankensalbung und zum Handauflegen durch die Angehörigen machte Grün dabei ebenso Mut wie zum Segnen der Familie und Freunde und zum Danken für das Gute, das einem während des Lebens widerfahren sei.

Wichtig sei bei alledem aber auch, den Alltag mit Ritualen nicht zu überfrachten. Sie bräuchten das Spielerische, die Freiheit, das richtige Maß. Ein guter Weg sei, sich zu fragen "Was stimmt für mich und wo werde ich lebendig?" Rituale bräuchten Kontinuität und Veränderung, benötigten viel Sensibilität: "Man darf die Leute weder beeinflussen noch überfordern."

jg