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"Wir werden das Feld nicht kampflos verlassen"

Vor sieben Jahren hat Matthias Bayha seinen landwirtschaftlichen Betrieb von Bernhausen nach Scharnhausen umgesiedelt. Sollte die Nordvariante des geplanten Flughafenausbaus Realität werden, müsste sein Hagenbrunnenhof dem Bau einer zweiten Piste weichen. Das gleiche Schicksal droht Bayhas Nachbar Manfred Briem. Der Bauernverband will sich mit aller Macht gegen die existenzvernichtenden Pläne des Flughafens stemmen.

HARALD FLÖSSER

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OSTFILDERN "Viele landwirtschaftliche Betriebe auf den Fildern würden große Teile ihrer landwirtschaftlichen Produktionsflächen verlieren", sagte Siegfried Nägele, der Vorsitzende des Kreisbauernverbandes Esslingen, gestern bei einem Pressegespräch im gefährdeten Hagenbrunnenhof 1. Man vernichte damit nicht nur bäuerliche Existenzen, sondern zerstöre auch beste Ackerböden.

Die Expansionspläne des Flughafens stellen nach den Worten Nägeles eine Bedrohung für den Lebens- und Erholungsraum von 200 000 Menschen auf den Fildern dar. Der Kreisbauernchef erinnerte an die Zusage des früheren Ministerpräsidenten Erwin Teufel, dass es nach dem Bau der Landesmesse kein weiteres Großprojekt auf den Fildern geben werde. "Hier geht es um Verlässlichkeit", sagte Nägele. Im Vertrauen auf diese Zusage hätten viele Kollegen hohe Summen in ihre Höfe investiert.

Matthias Bayha ist einer von ihnen. Im Jahr 2000 verlegte der heute 40-Jährige seinen Hof von Bernhausen in die Gemarkung Scharnhausen. Nach der Verlängerung der Startbahn seien die für ihn verfügbaren Flächen im Westen zu knapp geworden, deswegen habe er sich entschlossen, seinen Betrieb weiter Richtung Osten zu verlagern. Mehr als eine Million Euro hatte der sechsfache Familienvater damals investiert, "weil wir davon ausgegangen sind, dass wir dauerhaft hier bleiben können". Erst vor drei Jahren baute er sich zusammen mit seiner Frau Regina ein neues Wohnhaus. Bayhas produzieren auf einer Fläche von 50 Hektar hauptsächlich Gemüse. Dabei handelt es sich vorwiegend um gepachtetes Land. Abnehmer sind der Großmarkt, Großhändler und bundesweit tätige Lebensmittelketten.

"Die Landwirtschaft ist kein Bereich, der sich dem Fortschritt widersetzt", betonte Kreisbauernchef Nägele. Doch sei auf den Fildern kein Platz mehr für ein solches Mammutprojekt. Im Gutachten gehe fast unter, dass sich mit dem heutigen Ausbaustatus die Kapazität von 10 auf 14 Millionen Fluggäste pro Jahr steigern ließe. Die Politik sei gefordert, intelligentere Lösungen für die wachsende Mobilität der Menschen zu finden, gerade vor dem Hintergrund der aktuellen Klimadebatte. Arbeitsplätze ließen sich auch auf andere Weise schaffen.

"Wir brauchen die Böden als unsere Existenzgrundlage", erklärte Ernst Schuhmacher, Obmann des Bauernverbandes in Bernhausen. Er sei enttäuscht darüber, "dass politische Versprechen nichts mehr gelten". Scharfe Kritik übte Schuhmacher an der Landtags-CDU, deren Bestreben es ist, vor einer Entscheidung über den Flughafenausbau erst ein zweites Gutachten einzuholen. Wer solche Pläne auf den Fildern umsetzen wolle, habe "keine Moral und keinen Anstand", schimpfte Schuhmacher. Dass es dann zur Wohnbebauung noch viel weniger Pufferzonen geben werde, ist für ihn Perversion pur. Deshalb seine Ansage an die Flughafenchefs und die Politik: "Wir werden das Feld nicht kampflos verlassen."

Man zerschlage mit dem Flughafenausbau gesunde bäuerliche Strukturen, kritisierte der Plieninger Ortsobmann Helmut Gehrung. Überall werde beklagt, dass kein Geld in den öffentlichen Kassen sei. "Hier spielt es keine Rolle", sagte er im Blick auf das errechnete Investitionsvolumen von über 600 Millionen Euro. "Der Verkehr bricht auf den Fildern heute schon zusammen", meinte Michael Zimmermann, der zusammen mit Nägele an der Spitze des Esslinger Kreisbauernverbandes steht. Billigflieger könnten auch von anderen Flughäfen im Land starten.

Dass auch die Kommunen mit immer neuen Wohn- und Gewerbeflächen Mitschuld tragen am intensiven Flächenverbrauch ist nach Meinung von Siegfried Nägele nicht zu bestreiten. Doch sei das kein Grund zum Neid auf die Landwirte. Denn sie hätten nur rund ein Fünftel der Flächen in ihrem Eigentum. Daher sei ihr Profit bei Grundstücksverkäufen relativ gering.