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„Wir wollen unseren Kindern heile Welt erhalten“

Ursula Reich, Gründerin des „Freien Kindergartens“ Weilheim, über die Zielsetzungen der Einrichtung, die ihren 25. Geburtstag feiert

Der „Freie Kindergarten“ Weilheim feiert in diesen Tagen seinen 25. Geburtstag. Die Gründerin Ursula Reich möchte mit der Institution einen Kontrapunkt zu der heutigen, schnelllebigen Zeit setzen.

5 Jahre Freier Kindergarten – Welche Gedanken verbinden Sie mit dem Jubi­läum?

REICH: Ich empfinde Dankbarkeit vielen Menschen gegenüber, die mitgeholfen haben, den Kindergarten aufzubauen und ihn bis heute erhalten. Stellvertretend für viele nenne ich den Ersten Vorsitzenden des Vereins, Friedrich Haberstroh. Aber auch ohne die Eltern und die Mitarbeiterinnen, meine jetzigen Nachfolgerinnen, wären wir nicht da, wo wir heute stehen.

Mit dem „Freien Kindergarten“ haben Sie Ihren Traumberuf verwirklicht. Wollten Sie schon von Kind an Erzieherin werden?

Ja, diesen Beruf habe ich schon als kleines Mädchen angestrebt. Kinder lagen und liegen mir sehr am Herzen. Allerdings habe ich ein sehr gespaltenes Verhältnis zu dem Begriff „Erzieherin“. Erziehung ist vornehmlich Aufgabe der Eltern! Zum anderen kann kollektive Erziehung auch missbraucht werden. Viel besser gefällt mir der Begriff „Kindergärtnerin“. Wir sollten in unserem Beruf wie ein Gärtner sein, der seine kostbarste Pflanze – was ja unsere Kinder sind – liebevoll hegt und pflegt. Im Kindergartenalter entfalten sich die vielen individuellen Begabungen unserer Kinder. Wir wollen diese Gaben aufmerksam beobachten und fördern.

Frau Reich, was zeichnet Ihrer Ansicht nach den „Freien Kindergarten“ besonders aus?

Zweierlei: Zum einen ist es die Trägerschaft eines unabhängigen Vereins. Die Eltern der uns anvertrauten Kinder helfen in vielfältiger Weise mit. Mitglieder und Freunde unterstützen uns, auch finanziell. Zum anderen sind es unsere Ideale. Wir wollen im Gegensatz zu unserer schnelllebigen, hektischen, reizüberfluteten und vorwegnehmenden Zeit unseren Kindern so viel wie möglich heile Welt erhalten. Das versuchen wir zu erreichen, indem wir aus unserem Kindergarten technische Elemente so weit als möglich fernhalten. Zum Spielen verwenden wir nur Naturmaterialien. Es wird viel vorgelesen, erzählt und miteinander gesprochen. Die musischen Gaben und die kindliche Fantasie wecken und fördern wir mit einem regelmäßigen Angebot wie zum Beispiel unserem Aquarellmalen. Die christlichen Feste sind wesentliche Höhepunkte und führen uns durch das Jahr. Kinder brauchen Regelmäßigkeiten und wiederkehrende Rhythmen. Diese finden wir im Jahreslauf der Natur. Wir gehen deshalb täglich bei Wind und Wetter ins Freie.

In einer krisengeschüttelten Zeit „heile Welt“ zu erhalten, ist ein hoher Anspruch. Wie übertragen Sie diesen auf Familie und Elternhaus?

Natürlich weiß ich, dass finanzieller Zwang viele Eltern zum Doppelverdienen treibt und ich weiß auch, dass in der Familie Arbeitsteilung zwischen Mann und Frau notwendig ist. Trotzdem plädiere ich dafür, dass wir unsere Zeit nicht nur aus unseren „erwachsenen Augen“ sehen. Vorrangig sind die unabdingbare Fürsorge und Liebe, der notwendige Zuspruch und auch die notwendige Zeit für unsere Kinder. Im Normalfall darf ein Kindergarten, ein Kinderhort oder eine Kinderkrippe die Familie nicht ersetzen. Die Öffnungszeiten unseres Kindergartens liegen diesen Überlegungen zugrunde. Wir haben von 7 bis 13 Uhr geöffnet. Am Nachmittag ist die Familie für das Kind verantwortlich.

Stehen die Nachmittagsangebote des „Freien Kindergartens“ nicht im Widerspruch zu dieser Aussage?

Nein. Unser „Nachmittagsprogramm“ richtet sich an fast alle Altersklassen. In unserem vorbereitenden Kindergarten (Vobeki) treffen sich Eltern mit Kindern unter drei Jahren dreimal in der Woche. Die Eltern sind vertraute Bezugspersonen und bleiben in diesen Tagen so lange dabei, bis sich das Kind rundum wohlfühlt und sich individuell von selbst löst. Heike Kazmeier, eine Kindergärtnerin mit staatlicher sowie waldorfpädagogischer Ausbildung, sieht dabei ihre Aufgabe vor allem auch darin, Eltern bei Fragen zu der gesunden kindlichen Entwicklung zu beraten und zu begleiten. Wir bieten einmal in der Woche, nicht nur für unsere Kindergartenkinder, einen Harfenunterricht an. Dieser wird zurzeit von gut einer Handvoll Kindern im Alter zwischen vier und sechs Jahren in Anspruch genommen. Unsere „Montagsmaler“ gehen schon in die Grundschule. Wir malen mit flüssigen Aquarellfarben in Nass-in-Nass-Technik. Die Gruppe wird von mir angeleitet und steht jedem offen. Freitags gibt Renate Hein-Linsenmayer, eine diplomierte Musiklehrerin, Flötenunterricht für Anfänger im Kindergarten. Das sind ebenfalls Kinder im Schulalter.

Frau Reich, Sie haben nun Ihr wohlverdientes Rentenalter erreicht. Wird der „Freie Kindergarten“ auch in Zukunft bestehen?

Die Weiterführung des Kindergartens ist sowohl personell als auch finanziell gesichert. Meine drei langjährigen Mitarbeiterinnen, Ingrid Kieser, Dagmar Bredow-Dannenhauer und Heike Kazmeier tragen unsere Ideale weiter. Friedrich Haberstroh führt den Verein als Vorstandsvorsitzender. Ich selbst bringe mich gerne noch weiterhin in den Kindergarten ein und begleite ihn. Vor allem ist und bleibt das „Miteinander-Verantwortung-tragen“ das entscheidende Element unseres „Freien Kindergartens“.

Wie sieht das Jubiläumsprogramm aus?

Es gab einen Tag der offenen Tür. Am heutigen Samstag laden wir alle Mitglieder unseres Vereins, die Eltern unserer Kinder, und besondere Freunde zu einem „festlichen Abend“ ein. Dieser Abend soll ein Geschenk sein. Ein Dank für all die Hilfe und das Vertrauen, das unserer Einrichtung 25 Jahre entgegengebracht wurde.

pm

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