Lokales

"Wir würden jederzeit wieder Stammzellen spenden"

Am Schicksal der kleinen Isabell aus Wendlingen haben viele Anteil genommen. Das Mädchen war an Leukämie erkrankt und brauchte dringend eine Knochenmarkspende. Daraufhin startete die Freiwillige Feuerwehr Wendlingen eine der größten Spendenaktion in der Geschichte der Deutschen Knochenmarkspenderdatei (DKMS).

GABY KIEDAISCH

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WENDLINGEN Über 5800 Menschen aus Wendlingen und Umgebung folgten damals dem Aufruf der Feuerwehr und ließen sich typisieren. Überwältigend war auch das Spendenaufkommen: 670 000 Mark kamen für die notwendigen Typisierungskosten zusammen. Das alles ist inzwischen sieben Jahre her. Doch der Erfolg der damaligen Aktion ist bis heute nachhaltig: Bisher konnten 50 Spender mit übereinstimmenden Gewebemerkmalen Stammzellen für 50 Patienten ermittelt werden.

Noch heute schwärmt Adelheid Heilemann von der von der Wendlinger Feuerwehr ins Leben gerufenen Spendenaktion im Jahr 1997. "Das war eine vorbildliche Aktion, auf die wir noch heute gerne verweisen, obwohl inzwischen weitere zahllose Spendenaktionen in ganz Deutschland stattgefunden haben", sagt die Wendlingerin, die bei der Deutschen Knochenmarkspenderdatei mit Sitz in Tübingen tätig ist. "Ohne die besondere Unterstützung und Organisation durch die Feuerwehr hätten wir niemals so viele Spendenwillige für Isabell in der Datei aufnehmen können."

Überwältigend war denn auch das Echo in der Bevölkerung. Jeder wollte helfen: Zahlreiche Benefizveranstaltungen, Basare, Konzerte und Börsen standen unter dem gleichen Spendenmotto "Hilfe für Isabell". Firmen, Vereine, Kindergärten, Schulen, Feuerwehren schlossen sich der Spendenaktion an. "Es hat keinen Verein gegeben, der nicht mitgemacht hätte", freut sich Christian Frasch, Kommandant der Feuerwehr, noch heute über die große Resonanz.

Die gleichen Stammzellen bei einem anderen Menschen zu finden, gleicht der berühmten Suche nach der Stecknadel im Heuhaufen: 30 000:1. Das zeigt, dass eine Datenbank wie die Spenderdatei der DKMS eigentlich nie zu groß sein kann, auch wenn sie mit 1,187 Millionen registrierten Stammzellenspendern weltweit die größte Einzeldatei ist. Das macht auch die große Zahl von Neuerkrankungen deutlich: Allein in Deutschland erkranken jedes Jahr 11 000 Menschen neu an Leukämie.

Durch die finanzielle Unterstützung aus der Wendlinger Aktion konnte die Spenderdatei weiter unterteilt werden, so dass der Zugriff auf einen passenden Spender noch schneller geht. Und noch etwas konnte durch die Aktion angeschoben werden: Es stehen mittlerweile wesentlich mehr Betten für Leukämiepatienten in Krankenhäusern zur Verfügung. "Das Geld ist nie in der Verwaltung verschwunden, sondern ist für die Erweiterung der Datei verwendet worden", macht Adelheid Heilemann deutlich.

Genau sieben Jahre nach der Spendenaktion in Wendlingen konnte der 50. Spender im Oktober ermittelt werden. Davon konnten allein aus Wendlingen fünf Spender einem Leukämiepatienten helfen. Martin Pfeiffer ist einer davon. Der Feuerwehrmann von der Wendlinger Wehr hatte sich 1997 bei der Aktion "Hilfe für Isabell" registrieren lassen. Vor drei Jahren erhielt er dann die Nachricht, dass er im engeren Kreis von Stammzellen-Spendern für einen Patienten ist. Weitere Tests bestätigten, dass er genau der richtige war. In einer Dresdner Klinik, wo die DKMS ein Labor unterhält, wurden ihm dann die Stammzellen direkt aus dem fließenden Blut entnommen, was man als periphere Blutstammzellentnahme bezeichnet. Der Vorteil bei dieser Methode ist, dass der Spender sofort nach der Entnahme die Klinik wieder verlassen kann. Auch bei Markus Kremmin wurde diese Methode angewandt. Dem Polizisten von der Wasserschutzpolizei in Stuttgart wurden vor zwei Jahren gesunde Stammzellen entnommen.

Anders bei der zweiten Methode, bei der dem Spender unter Vollnarkose Knochenmark aus dem Beckenkamm entnommen wird. Doch selbst das hat Stefan Grupp nicht abgeschreckt. Der Elektrotechnikstudent aus Wendlingen würde es sofort wieder machen, das steht für ihn fest. Die Verantwortung, dass nur er einem kranken Menschen mit seiner Spende helfen kann, wiegt für ihn stärker als eine kleine Operation. "Was ist ein dreitägiger Krankenhausaufenthalt und später einige Fäden ziehen gegen das, was der Kranke durchmacht?", sagt er. Denn bevor ein Leukämiepatient transplantiert wird, hat er meist schon eine lange Behandlungszeit mit Chemotherapie hinter sich. Erst wenn die nicht greift, wird transplantiert.

Was das bedeutet, hat Stefan Grupp später bei einigen Gesprächen mit "seinem" Patienten erfahren. Durch seine Hilfe konnte der Mann aus Frankfurt wieder gesund werden. Bei einer Transplantation haben Kinder und Jugendliche inzwischen eine Überlebenschance von 70 bis 80 Prozent. Wenn Patient und Spender einverstanden sind, dann kann wie bei Stefan Grupp der Kontakt zwischen beiden hergestellt werden. Frühestens jedoch zwei Jahre nach einer erfolgreichen Transplantation.

INFOWer sich als Knochenmarkspender registrieren lassen möchte Spender werden bis 55 Jahre aufgenommen kann dies bei Aktionen wie "Hilfe für Isabell" tun, er kann sich die Unterlagen aber auch nach Hause schicken lassen. Die Adresse lautet: Deutsche Knochenmarkspenderdatei (DKMS), Kressbach 1, 72072 Tübingen. Weitere Infos zur Spende gibt's im Internet unter www.dkms.de. Geldspenden (zum Beispiel für Laborkosten pro Typisierung 50 Euro) sind immer wichtig: Spendenkonto 255 556, Kreissparkasse Tübingen, BLZ 641 500 20.