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Wirkt Hartz IV auch auf den Spargelfeldern?

Mit dem Frühjahr beginnt nicht nur die Saison für Freiluftsportler, Motorrad- und Cabriofahrer, sondern auch für befristete Arbeitsverhältnisse in der Landwirtschaft sowie im Hotel- und Gaststättengewerbe. Erstmals können hierfür in diesem Jahr ALG II-Empfänger eingesetzt werden. Im Kreis Esslingen reagieren die Vertreter der Arbeitsagenturen aber eher zurückhaltend auf diese Möglichkeit.

ANDREAS VOLZ

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KREIS ESSLINGEN Ein Menü mit Spargelcremesuppe, Spargel als Hauptspeise und Erdbeeren zum Nachtisch, dazu ein Glas Wein oder ein kühles Bier und das alles an einem sommerlich warmen Frühlingstag auf der Gartenterrasse einer Gastwirtschaft. Das mutet geradezu paradiesisch an, auch wenn es für Empfänger von Arbeitslosengeld II auf Dauer kaum zu bezahlen sein dürfte. Und doch soll all das seit Inkrafttreten der Hartz IV-Bestimmungen durch den verstärkten Einsatz heimischer "Ein-Euro-Jobber" finanziert werden. "Traditionelle" Saisonarbeiter wie Erntehelfer aus Polen könnten da nach den Vorstellungen mancher Politiker ziemlich auf der Strecke bleiben.

Die Realität sieht freilich anders aus. Zumindest im Landkreis Esslingen dürfte sich an der Herkunft der Saisonarbeitskräfte im ersten Hartz IV-Jahr kaum etwas ändern gegenüber den Vorjahren. "Das Thema ist in aller Munde", sagt Armin Rieger, der Teamleiter des Job-Centers in der Nürtinger Agentur für Arbeit. "Auch bei uns gibt es dazu Überlegungen, und wir werden versuchen, Erntehelfer aus dem ALG II-Bereich einzusetzen." Allerdings gelte es dabei, ein gesundes Mittelmaß zu wahren. Wenn es überhaupt Hartz IV-Erntehelfer gebe, dann nur in Absprache mit der Landwirtschaft.

"Wir können nicht einfach jemanden, der ein Leben lang im Büro gearbeitet hat, plötzlich für zwölf Stunden am Tag aufeinen Acker stellen." Armin Rieger ist sich auch der Tatsache bewusst, dass die Arbeitgeber lieber auf bewährte Kräfte setzen. Die Landwirtschaft habe große Probleme mit Personal, das kaum Erfahrung, nicht unbedingt die richtigen körperlichen Voraussetzungen und möglicherweise auch nur geringe Motivation mitbringt: "Wir können dann zwar mit Sanktionen drohen, aber damit helfen wir der Landwirtschaft nicht."

Der Teamleiter des Nürtinger Job-Centers rechnet folglich nicht damit, dass sehr viele ALG II-Empfänger auf den Spargel- oder Erdbeerfeldern in seinem Zuständigkeitsbereich zum Einsatz kommen. Stattdessen werden es überwiegend wieder "die bisherigen Arbeiter aus dem Osten" sein. Diesen wird dann bescheinigt, dass für ihre Tätigkeit keine Arbeitskräfte zur Verfügung standen, die ih-ren Wohnsitz in Deutschland haben. Einige Genehmigungsverfahren für "klassische" Erntehelfer aus dem Ausland seien schon gelaufen, berichtet Armin Rieger, und durch Hartz IV habe sich an diesen Verfahren auch nichts Grundlegendes geändert.

Auch in Kirchheim ergeben sich keine Veränderungen für landwirtschaftliche Saisonarbeiter, allerdings aus einem anderen Grund: "Bei uns war das nie ein Thema", stellt Geschäftsstellenleiterin Irene Krissler fest und fügt erklärend hinzu: "Hier gibt es nichts zu ernten." In Baden-Württemberg setze die Landwirtschaft hauptsächlich am Bodensee und in der Rheinebene Erntehelfer ein, im Kreis Esslingen komme außer Nürtingen nur noch Leinfelden-Echterdingen in Betracht.

Sowohl für Nürtingen als auch für Leinfelden-Echterdingen ist von Seiten der Arbeitsverwaltung Anette Farrenkopf als Leiterin der Esslinger Arge zuständig, wenn es um die Vermittlung von ALG II-Empfängern als Saisonarbeiter geht. "Wir wollen natürlich die Gelegenheit wahrnehmen, Plätze in der Landwirtschaft oder im Hotel- und Gaststättengewerbe zu finden. Deshalb werden wir in den nächsten Tagen auch mit den Arbeitgebern in Verbindung treten", sagt sie und übt sich dann gleichfalls in Zurückhaltung: "Wir machen das nicht im großen Stil oder mit viel Tamtam." Es sei schon viel erreicht, wenn man in Einzelfällen geeignete Leute gut platzieren könne.

Bei Saisonarbeitskräften in der Landwirtschaft handle es sich ja nicht nur um Spargelstecher. Auf den Fildern gebe es beispielsweise auch Bedarf bei der Gemüseverarbeitung. "Wir wollen einen Bewerberpool aufbauen", schildert Anette Farrenkopf die weitere Vorgehensweise. Es gehe darum, dass die Arbeitskräfte zu ihren Aufgaben passen müssen, auch was ihre gesundheitliche Konstitution betrifft. Anette Farrenkopf weiß um die Schwierigkeiten: "Ich kenne auch das Problem der Landwirte. Die wollen gerne ihre Polen haben." Insofern greift sie schon sehr hoch, wenn sie spekuliert, dass mancherorts vielleicht drei von 15 bisherigen Erntehelfern aus dem Osten durch hiesige Hartz IV-Kräfte ersetzt werden könnten.

Archiv-Fotos:

Jean-Luc Jacques