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"Wirtschaft gut beraten, Hauptschüler nicht außen vor zu ...

Die Schullandschaft ist in Bewegung. Dies wurde bei der gestrigen Pressekonferenz im Schulamt Nürtingen deutlich. So stehen nicht nur Schulträger vor der Entscheidung, Schulen schließen oder zusammenlegen zu müssen. Auch die pädagogischen Konzepte haben sich geändert.

RICHARD UMSTADT

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NÜRTINGEN Die schulpolitischen Reformen fügen sich immer deutlicher zu einem Gesamtkonzept von der Grundschule bis zum Gymnasium zusammen, konstatierte Schulamtsleiter Dr. Günter Klein. Dabei werden individuelle Förderung ("keiner soll zurückbleiben"), projektorientierter Unterricht und eine neue Form der Leistungsbeurteilung groß geschrieben. "Die Kernkompetenzen rücken ins Blickfeld, die Vorbereitung auf den Beruf erhält zentralen Stellenwert". In diesem Zusammenhang öffnet sich die Schule ihrem Umfeld und arbeitet mit Kooperationspartnern zusammen.

Als ein Markenzeichen des baden-württembergischen Bildungssystems bezeichnete Dr. Günter Klein das Motto "Kein Abschluss ohne Anschluss". Demnach gehen wenige der Realschüler im Landkreis auf allgemeinbildende Gymnasien, ein Viertel von ihnen auf berufliche Gymnasien, die Hälfte besucht berufliche Kollegs und die Zahl der Realschüler, die eine berufliche Ausbildung ergreifen, nimmt ab, trug Schulrat Siegfried Röder die Statistik vor.

Ein anderes Bild zeichnete der Schulleiter der Realschule Reichenbach, Alois Hafner. Für ihn ist die Realschule im Ballungsgebiet Mittlerer Neckar "der klassische Zulieferer des Mittelstandes". Er belegte dies anhand von Zahlen aus den Realschulen in Wernau, Wendlingen und Reichenbach. Dort beginnen nach der mittleren Reife die Hälfte beziehungsweise über die Hälfte der Abgänger eine Ausbildung. Insgesamt sah Hafner die Realschule "ganz gut aufgestellt".

Während die Schülerzahlen in den Grund- und Hauptschulen zurückgehen, blieb die Zahl der Realschüler stabil. Einen Anstieg notierten die Pädagogen trotz sinkender Schülerzahlen im Bereich der Gymnasien, wie Siegfried Röder bemerkte. Dagegen sank die Übertrittsquote in den 49 Hauptschulen des Landkreises deutlich. Dies wird in Zukunft nicht ohne Folgen bleiben. Die Gemeinden als Schulträger werden sich überlegen müssen, ob sie Hauptschulen zusammenlegen wollen oder eine zweizügige in eine einzügige Hauptschule umwandeln. "Wir stehen den Schulträgern dabei beratend zur Seite", sagte Dr. Klein.

Im Zusammenhang mit der Diskussion um die Hauptschule und deren Akzeptanzprobleme in der Öffentlichkeit meinte der Schulamtsleiter, er sei sich nicht sicher, ob die Wirtschaft gut beraten sei, die Hauptschüler mit Abschluss außen vor zu lassen. Auch appellierte er an die Eltern, gut zu überlegen, ob es für ihr Kind nach der vierten Klasse Grundschule denn wirklich das Gymnasium sein müsse. Als verlässlichen Orientierungspunkt legte er den Eltern dabei die Empfehlung der Grundschullehrer ans Herz.

Auch die für die Gymnasien zuständige Vertreterin des Regierungspräsidiums Stuttgart, Renate Löffler, meinte, das Gymnasium sei nicht für jedes Kind die passende Schulart. Ein fröhliches Kind sei im Blick auf seine Entwicklung der Gesamtpersönlichkeit besser dran, als ein Kind, das immer unter Druck stehe und an der Versagensgrenze operiere.

Bildungspolitisches Ziel ist es, in Baden-Württemberg 40 Prozent aller allgemeinbildenden Schulen in Ganztagesschulen zu verwandeln. Im Landkreis Esslingen gibt es bereits 13 Brennpunktschulen im Grund- und Hauptschulbereich, und acht der 17 Gymnasien im Kreis können ein Ganztagesangebot machen, zwei gymnasiale Ganztagesschulen kommen im Schuljahr 2007/2008 hinzu.

Der Schulleiter des Kirchheimer Ludwig-Uhland-Gymnasiums, Dr. Andreas Jetter, beschrieb die offene Ganztagesform mit wöchentlich mindestens drei warmen Mahlzeiten in der LUG-Mensa und den freiwilligen Angeboten am Nachmittag im musischen Bereich, im Sport, in den Mathematik-Werkstätten oder der Sprachwerkstatt. Eine Aufsicht betreut die Schüler in den Computerräumen, in den Bibliotheken und bei den Hausaufgaben.

Schulamtsleiter Dr. Günter Klein sah die Angebote der Ganztagesschule unter dem Blickwinkel der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. In den Brennpunktschulen bestehe die Chance für Kinder, Defizite, auch im sozialen Bereich, aufzuholen. Für die Jugendbegleiter aus Verbänden, Vereinen und Musikschulen eröffne sich in den Ganztagesschulen die Möglichkeit, ihre Angebote in den Bildungseinrichtungen vorzustellen und die Jungen und Mädchen dafür zu begeistern.

Wie Silvia Schmidt-Steinhöfel, Schulleiterin der Grund- und Hauptschule Großbettlingen, betonte, spielt der erzieherische Aspekt in der Hauptschule eine große Rolle. "Wir arbeiten praktischer, das Kognitive ist nicht das Vorrangige". Ihr geht es darum, soziale Kompetenz und Werteerziehung zu stärken.