Lokales

Wirtschaftliche und ethische Krise

Wie lassen sich wirtschaftlicher Wettbewerb und ethische Werte miteinander vereinbaren? Mit dieser Frage setzten sich im Autohaus Russ Günter Baumann, Präsident der Industrie- und Handelskammer Region Stuttgart und geschäftsführender Gesellschafter der Unternehmensgruppe Eberspächer in Esslingen, und Prälat Martin Klumpp auseinander.

KATHARINA FAMILIA-ALMONTE

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NÜRTINGEN "Christliche Ethik in unternehmerischer Verantwortung - ihre Bedeutung in einer sich verändernden Welt." Das war der Titel des Vortragsabends, zu dem die IHK und die Vereinigung Wirtschaftsgilde in das Nürtinger Autohaus eingeladen hatten. Fast zweihundert Menschen waren gekommen. Eberhard Russ, Seniorgesellschafter der Unternehmensgruppe des Autohauses Russ, stellte in seiner Begrüßungsrede die Fragen in den Raum: "Warum ist der Dialog zwischen Kirche und Wirtschaft so wenig ausgeprägt? Hat die christliche Ethik überhaupt noch Bestand?"

Günter Baumann erklärte, eine Entwicklung der Gesellschaft festgestellt zu haben, die sich zunehmend sozialistisch und weniger christlich gestalte. Gerade Menschen in Führungspositionen sei in dieser Veränderung keine leichte Aufgabe gestellt: Unternehmern wird immer häufiger unchristliches Verhalten vorgeworfen; Verlagerung von Arbeitsplätzen ins Ausland, Lohndrückerei, Ausnützung der Schwachen.

Ein Problem sieht Baumann in den Arbeitskostenunterschieden im Vergleich mit osteuropäischen oder asiatischen Ländern. Man müsse sich daran gewöhnen, dass viele Massengüter nicht mehr in Deutschland produziert werden könnten, weil die Arbeitskosten zu hoch seien.

Es sei vielmehr notwendig, in Forschung und Entwicklung auf einen Vorsprung bedacht zu sein. "Das neue Schlagwort heißt: ,Engineered in Germany' anstelle von ,Made in Germany'." Mit den sozialen Leistungen, Bildungswesen- und Wirtschaftsstrukturen, die man hier habe, bleibe die Chance auf hochwertige Produktionen in Deutschland sicher weiter bestehen. Auf jeden Fall müssten die Arbeitskosten in Deutschland gesenkt werden. Nur mehr Güter in der Stunde herzustellen oder die Kosten für die Lohnstunde geringer zu halten, könne Arbeitsplätze in der Produktion erhalten.

"Wir müssen akzeptieren, dass Menschen in den neuen Marktländern ihre Güter in eigenen Fabriken produzieren wollen. Es liegt in unserem Interesse, diese Fabriken in den neuen Märkten zu errichten. Mit steigendem Wohltstand könnten diese Menschen dann deutsche Produkte kaufen: "So funktioniert Marktwirtschaft." Die Globalisierung sei für die deutsche Wirtschaft doch eigentlich eine große Chance.

Als kritischen Punkt betrachtet Baumann das Wohlstandsniveau: "Ich empfinde es als unchristlich, unser heutiges hohes Wohlstandsniveau zu erwarten, aber nur 35 Stunden in der Woche zu arbeiten, sechs Wochen Urlaub zu machen und möglichst auf dem Platz zu sitzen und zu warten, bis jemand einen passenden Arbeits- oder Ausbildungsplatz anbietet." Die Maßstäbe in dieser Spaßgesellschaft seien kräftig verrutscht. In der Globalisierung, die Verzicht bedeute, hätten Arbeitnehmer und -geber aber auch die einmalige Chance, armen Menschen in Entwicklungsländern zu bescheidenem Wohlstand zu verhelfen.

Martin Klumpp gab an diesem Abend das zweite Impulsreferat. Der Prälat der Evangelischen Landeskirche legte seinen Schwerpunkt auf die ethischen Werte. Seine These lautete: "Hinter unserer wirtschaftlichen Krise wird eine viel tiefere, religiöse, kulturelle, soziale und vielleicht auch ethische Krise sichtbar." Faktoren sind für ihn die Globalisierung, die Wiedervereinigung Deutschlands wie die Öffnung nach Osteuropa, die demografische Entwicklung und die Explosion der Sozialausgaben. "Zur Lösung der Krise müssen wir uns auf christliche Werte und auf ihre hilfreiche Bedeutung in Wirtschaft und Kultur besinnen. Wir teilen mit den Menschen in den neuen Bundesländern Arbeit, Altersvorsorge und soziale Absicherung", so Martin Klumpp zur Arbeitsplatzverlagerung. "Als Christen finden wir das gut. Trotzdem gilt, wer Ressourcen teilt, muss hergeben von dem, was er hat."

"Der Verlust von christlichem Glauben und Werten und die Zurückdrängung des Religiösen aus dem öffentlichen Leben ist für die Entwicklung unsere Gesellschaft und Wirtschaft möglicherweise gefährlich." Martin Klumpp zählte Begriffe auf, die hilfreich sein könnten, wie Nächstenliebe, Individualität, Gemeinsinn, Wissen um Schwachheit, öffentliche und soziale Verantwortung. Die Einstellung der Bevölkerung sollte sich verändern: "Wir finden neue Formen von weltweiter Gerechtigkeit, Weltwirtschaft und Konsensbildung nur, wenn wir den Mut haben, uns die Welt anders vorzustellen, als sie jetzt ist." Man brauche mehr Vertrauen, denn Krise bedeute nie nur Abbruch, sondern immer auch Verwandlung und Neuanfang.

In der anschließenden Diskussion, moderiert von Professor Eberhard Weinbrenner, wurde ersichtlich, wie schwierig das Thema und wie vielfältig die Auseinandersetzung damit sein kann. Beide Referenten vertieften ihre Standpunkte.