Lokales

Witzige „Weltpremiere“

Melanie Fritz präsentierte ihren dialektal eingefärbten Debütroman „Weltmeister im Handtuchwerfen“

Wendlingen. Mit Applaus wurde am Freitagabend bei der eindrucksvollen Premiere in der Buchhandlung im Wendlinger Langhaus zurecht nicht gespart. Er galt dabei nicht nur einer begabten vielversprechenden jungen Autorin, die sich immerhin

WOLF-DIETER TRUPPAT

15 Jahre auf diesen Auftritt vorbereitet hat. Dankbar verneigte sich das Publikum auch bei dem Verlegerpaar, das den Mut hatte, sich in diesem sehr speziellen Fall nicht nur von unternehmerischen Überlegungen, sondern vor allem von Emotionen leiten zu lassen.

Schon im zarten Alter von 13 Jahren begann Melanie Fritz, erste Geschichten zu schreiben, für die sie unter anderem auch mit „ihrer ­Omma“ eine dankbare Zuhörerin fand. Dann wurde sie aber immer weiter von ihrer Fantasie fortgetragen und schrieb über die Jahre ein halbes Dutzend seitenstarker Romane, in denen sie ihre Ideen auslebte, sich schriftstellerisch austobte und allmählich die Disziplin, Reife und kritische Selbsteinschätzung gewann, die für einen erfolgreichen Sprung in die Schlangengrube der Schriftstellerei wohl unabdingbare Überlebenshilfe sind.

Ihr jetzt vorliegender erster ernsthafter – und dabei vollkommen unseriöser – Debütroman landete beim Tübinger Silberburgverlag und sorgte dort für Furore – und für heftiges Nachdenken. Die Geschäftsführer Christel Werner und Titus Häussermann hatten sofort das Potenzial entdeckt, das in der jungen Kulturwissenschaftlerin steckt, die ihr Studium durch viele interessante Auslandspraktika sinnvoll ergänzt und an der University of Glamorgan in Wales mit den Studienschwerpunkten Media und Englisch vervollständigt hatte. Nach einer telefonischen Voranfrage hatte Melanie Fritz dann die ersten 25 Seiten ihres „Erstlings“ zu dem in Tübingen angesiedelten und dem Land, seinen Leuten und deren Leidenschaften verpflichteten Verlag geschickt und dem Verlegerpaar damit großes Lesevergnügen, aber auch gewisses Kopfzerbrechen bereitet.

In Wales hatte Melanie Fritz eine neue und aus ihrer Sicht ganz besondere Romanform entdeckt und war sofort fasziniert von Büchern, die zwar in walisischer Mundart verfasst worden sind, aber sehr unkonventionell mit modernen Inhalten aus der Jugendszene experimentieren. Von der grandiosen Idee, traditionelle Mundart mit tagesaktuellem Jugend-slang zu vermischen, war Melanie Fritz so begeistert, dass sie sich daran machte, ihren ersten „richtigen Roman“ auf dieser Idee basierend umzusetzen. Ganz klar war für sie, dass ihr Buch in der Region spielen muss und dass ihre Alltags-Helden nicht druckreif, politisch korrekt und schon gar nicht in einem gestelzten unnatürlichen Hochdeutsch reden.

Sie wollte zeigen, dass Schwäbisch keineswegs behäbig und betulich, plump oder gar peinlich sein muss, sondern ungemein frisch und frech daherkommen kann – vor allem dann, wenn der Identifikation schaffende und für Nähe sorgende Dialekt mit seiner oft auf wenige Worte reduzierten Intensität überzeugend mit dem eher oberflächlichen und unverbindlichen Jargon der Jugendszene vermischt wird. Herausgekommen ist dabei ein – wie der Buchdeckel warnt – „urkomischer, drastischer Großstadtroman – mit wenig Sex, reichlich Alkohol und breitem Schwäbisch“.

Dass letztlich „Emotionen entscheidend waren“, räumte Verleger Titus Häussermann in seiner einleitenden Laudatio durchaus ein – und auch, dass „das kräftige Schwäbisch der Dialoge“ der Lesefreundlichkeit wegen noch „etwas abgemildert“ wurde. Zugleich attestierte er der Autorin, dass ihre Vorlage sehr gut war und nur wenig lektoriert werden musste. „Se kann‘s halt“, lautete sein an dialektalem Understatement kaum zu übertreffendes euphorisches Lob.

Im Mittelpunkt des Romans „Weltmeister im Handtuchwerfen“ stehen mit Jakob und Otto zwei Chaoten, die schon viel begonnen und schnell wieder verworfen hatten und deren Leben sich nach den ominösen Geschehnissen einer wilden Partynacht maßgeblich verändert hatte. „Ihr Kumpel Hansi ist tot, ihr Freund Moritz sitzt unter Mordverdacht in Untersuchungshaft und sie selbst haben mal wieder einen Filmriss“, wird ihre Situation auf dem Buchrücken knapp aber zutreffend umrissen. Wie Verleger Häussermann augenzwinkernd bestätigte, war das Langhaus in Wendlingen am Freitagabend tatsächlich „der erste und einzige Ort auf der ganzen Welt“, an dem dieses Buch bereits gehandelt wurde, das als Wegbereiter eines völlig neuen Genres vielleicht tatsächlich das Zeug haben könnte, zum Kultbuch zu werden. Atemberaubende Auflagenzahlen können dagegen nicht unbedingt erwartet werden, da Melanie Fritz durch ihre klare Beschränkung auf das schwäbische Idiom ihrer selbstironischen Schätzung nach schon einmal „rund 75 Millionen Leser“ ausgeschlossen hatte.

Genitive, das wurde sehr schnell erkennbar, sind in dem 240 Seiten starken Taschenbuch extrem selten zu orten. Neben den mundartlichen Dialogen hat Melanie C. Fritz auch in den erzählerischen Passagen eine sehr

Das Buch liest sich wie eine kurzweilig erzählte Geschichte

stark an gesprochene Sprache angelehnte Form des Schreibens entwickelt. Das Buch liest sich daher wie eine kurzweilig erzählte Geschichte mit dazwischengeschobenen Originaltönen voller Witz und sprachlicher Nähe, die jungen und junggebliebenen Lesern, die sich darauf einlassen wollen, viel Vergnügen bereiten und schlimmstenfalls für schlaflose Lektürenächte sorgen können.

Werden all die in den jungen und frechen Großstadtroman mit schillerndem Lokalkolorit gesetzten Erwartungen eingelöst, steht einer Fortsetzung nichts im Weg. Melanie Fritz ist gerade dabei, das Manuskript eines möglichen Nachfolgers zu überarbeiten. Viel Zeit wird sie jetzt freilich erst einmal auf Lesungen verbringen. Dass sie es gut und unverkrampft versteht, Appetit auf ihr Buch zu machen, hat sie schon bewiesen. Nicht zu übersehen war dabei zugleich, dass sie ihr Publikum nicht nur gut unterhält, sondern offensichtlich auch selbst viel Spaß hat an dem, was sie eigentlich einmal nur für ihr eigenes Vergnügen geschrieben hat.

Melanie C. Fritz: Weltmeister im Handtuchwerfen. Roman. 240 Seiten, kartoniert, ISBN 978-3-87407-879-5. Erschienen im Silberburg-Verlag Tübingen und Lahr/Schwarzwald.

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