Lokales

"Wo bleibt die Gleichbehandlung der Gemeinden?"

Im Notzinger Ratsrund herrschte Einigkeit: Völliges Unverständnis kennzeichnete die Diskussion um die Nachmeldevorschläge der Vogelschutzgebiete. Werden die am grünen Tisch gezogenen Grenzen in die Tat umgesetzt, ist eine Entwicklung der Bodenbachgemeinde nicht mehr möglich.

IRIS HÄFNER

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NOTZINGEN "Da muss jemand am Schreibtisch gesessen sein und willkürlich mit einem roten Stift irgendwelche Grenzen gezogen haben. Notzingen ist komplett betroffen, wobei die angrenzende Gemeinde im Norden völlig außen vor ist. Wir lernen also: Die Vögel machen an der Markungsgrenze einen Looping und fliegen wieder zu uns zurück", versuchte Bürgermeister Flogaus das Thema von der humorvollen Seite zu sehen. Die Sache dagegen ist jedoch bierernst. Würde der Nachmeldevorschlag für die Vogelschutzgebiete 2005 in die Tat umgesetzt werden, gibt es in Zukunft nicht ein einziges Neubaugebiet mehr in Notzingen, weder Brühl IV noch die geplante Kleintierzuchtanlage bei der Kläranlage oder ein Wohngebiet. "Der Plan ist alarmierend. Die gesamte Markung ausgenommen der bebaute Bereich wird Vogelschutzgebiet. Das wird größte Hemmnisse mit sich bringen", so der Schultes weiter. Ungläubiges Kopfschütteln und Murren begleiteten diese Äußerungen. "Am Sportplatz gibt es auch keine Vögel, dieser Bereich ist ausgespart", so der ironische Kommentar von Jochen Flogaus. Da die Anlage malerisch eingebettet zwischen Streuobstwiesen und Wald liegt, kamen immer mehr Zweifel an der Kompetenz der Planer und damit der Glaubwürdigkeit des gesamten Projekts auf. Nicht zuletzt auch deshalb, weil die von Naturschützern ungeliebten und als "ausgeräumte Ackerflächen" bezeichneten Flächen ausnahmslos auf Notzinger Markung mit aufgenommen wurden. Dagegen ist der wenig besiedelte Schurwald komplett ausgespart.

"Wo können wir in Zukunft noch Ausgleichsmaßnahmen verwirklichen, wenn jeder Zentimeter unserer Markung schon Vogelschutzgebiet ist", gab Jochen Flogaus zu bedenken. Da die Streuobstwiesen durch das Landschaftsschutzgebiet sowieso schon gesichert sind, ergibt für ihn diese neue Richtlinie keinen Sinn. Die Beschwichtigung des Regierungspräsidiums, dass es Ausnahmeregelungen gäbe, nimmt er aus Erfahrung nicht für bare Münze. "Einst hieß es, die Grünzüge sind kein Hemmnis für Planungen, es gibt Ausnahmegenehmigungen. Tatsache aber ist, dass es in Notzingen zu keiner kam oder aber mit horrenden Fordungen verbunden war, was Ausgleichsmaßnahmen anbelangt die Botschaft hör' ich wohl, allein mir fehlt der Glaube", zitierte der Schultes Goethe, der sich auf keine mündlichen Versprechungen vorgesetzter Behörden mehr einlassen will.

Nicht nur seiner Ansicht nach sind die Grenzen willkürlich gezogen. Das gesamte Albvorland ist vom EU-Vogelschutzgebiet betroffen, weshalb Landrat Heinz Eininger seinen Göppinger Kollegen sowie alle Bürgermeister der betroffenen Gemeinden zu einer Verbandsversammlung Ende November eingeladen hat, um eine Schadensbegrenzung erreichen zu können. "Das Landratsamt steht auf unserer Seite", freut sich Jochen Flogaus.

Der Schultes sieht die Gemeinde in ihrer Entscheidungsfreiheit komplett beraubt. "FFH-Gebiet, Landschaftsschutzgebiet, Wasserschutzgebiet, bei Neckar-Fils sind wir auch mit drin wo sind wir langsam. Man muss sich fragen, ob das alles noch normal ist", so der Bürgermeister. Ihn erzürnt, dass zahlreiche Gemeinden komplett "zugepflastert" sind , andere dagegen völlig unbehelligt blieben. "Es wird aber sehr schwierig werden, wenn sich die Kommunen gegen EU-Recht durchsetzen wollen", zeigt er sich pessimistisch, Positives erreichen zu können. Seiner Ansicht nach lässt sich das Problem jedoch einfach lösen. "Wenn wir die Landschaftsschutzgebiete zusammenzählen, haben wir die Prozentzahl, die von der EU gefordert wird", ist er überzeugt.

Ihn ärgert aber vor allem, dass sich das bisherige Engagement Notzingens für den Naturschutz nun negativ auswirkt. Auf Kosten der Gemeinde wurden 250 Nistkästen angebracht sowie rund 25 Steinkauzröhren. "Wir haben uns die Vögel selbst herangezüchtet und müssen nun mit den Auswirkugen leben", erläutert der Schultes.

Eduard Bosch ist hin- und hergerissen. "Die Sache mit den Steinkäuzen war von Erfolg gekrönt. Auf meinem Grundstück wurde auch eine Röhre angebracht und in einem Jahr sind fünf Jungtiere geschlüpft. Das war ein Novum im ganzen Kreis", freute er sich über den Bruterfolg. Die völlige Einschränkung der Bodenbachgemeinde stößt dagegen auf kein Verständnis bei ihm.

"Wo bleibt da die Gleichbehandlung der Gemeinden? Sie ist nicht mehr gegeben. Die Albvorlandgemeinden müssen für alle bluten. Das ist ein Unding, was da abläuft", ist Herbert Hiller empört, der sich zudem fragt, ob die Vögel auf dem Schurwald nicht schützenswert sind. Auch Helga Merz ist der Unterschied zwischen Hochdorf und Notzingen in Sachen Vogelschutz nicht klar.

"Je mehr wir für die Natur tun, desto mehr werden wir dafür bestraft. Offensichtlich haben wir viel zu viel Streuobstwiesen und schneiden uns damit ins eigene Fleisch", erklärte Günter Barz. Seine Schlussfolgerung, die jedem Naturschützer zu Denken geben muss: "Hätten wir nur ausgeräumte Ackerflächen, würden wir in Ruhe gelassen."