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Wo die Bachforelle ungehindert wandern kann

Bis die strengen EU-Vorgaben zur Qualität der Gewässer flächendeckend eingehalten werden, ist es auch in Baden-Württemberg noch ein weiter Weg. Aber zumindest den Fließgewässern im Wald kann schon heute ein "guter ökologischer Zustand" attestiert werden. Darauf machte Landwirtschaftsminister Peter Hauk bei einer Exkursion am Tiefenbach bei Nürtingen aufmerksam.

HARALD FLÖßER

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NÜRTINGEN Minister Hauk und führende Vertreter der Landesforstverwaltung hatten sich einen Vorzeigewald ausgesucht, um zu demonstrieren, dass der heimische Wald seine Aufgaben als "natürliches Wasserwerk" gut erfüllt trotz aller negativer Umwelteinflüsse wie dem massiven Säureeintrag durch die Luft. Mit einem Laubwaldanteil von 80 Prozent hauptsächlich Buche und Eiche ist die Mischwaldquote im Nürtinger Stadtwald sogar übererfüllt. Künftig will man den Nadelholzanteil wieder etwas erhöhen.

Auf der aktuellen Karte für die biologische Güte der Fließgewässer in Baden-Württemberg ist der Tiefenbach hellblau eingezeichnet. Das bedeutet Güteklasse 1 bis 2. Sichtbar wird dies an der Vielzahl von Lebewesen, die sich im Tiefenbach tummeln. "Wir haben hier einen sehr guten Fischbestand", berichtete Karl Wurm, der dem Gewässer im Auftrag der Forstverwaltung als Fischereisachverständiger im wahrsten Sinne auf den Grund ging.

Zum Beweis dafür zeigte er neben Bachforellen einige Kleinfische, Groppen genannt, die sich im Bach offenbar recht wohl fühlen. Diese besonders geschützte Fischart sei ein wichtiger Indikator für eine gute Wasserqualität, erklärte Wurm. Noch seltener sind die vom Aussterben bedrohten Steinkrebse zu finden. Aber auch davon fischte der Biologe aus nur 30 Metern Bachlauf zehn Exemplare aus dem Wasser. Wurms Urteil: "ein toller Bestand." Zumal, wenn man bedenke, dass sich die Krebspest, eine aus Nordamerika eingeschleppte Pilzkrankheit, immer weiter ausbreite.

Das Netz der Fließgewässer in den Wäldern des Landes erstreckt sich laut Minister Hauk auf über 15 000 Kilometer. Aber längst nicht überall sind die Bedingungen für Fische und Kleinlebewesen so ideal wie im Tiefenbach. Das verhindern unter anderem Barrieren im Bachlauf, die die lebensnotwendigen Wanderbewegungen der Tiere massiv stören. Dazu gehören Dolen, die im Zuge des Waldwegebaus entstanden sind. Wie sehr solche Hindernisse das Leben der Fische und Kleintiere in Bächen behindern, zeigt die Tatsache, dass Forellen bei ihren Wanderungen bachaufwärts bis zu 100 Kilometer zurücklegen. Auch die kleinen Groppen haben einen Aktionsradius von einem Kilometer. Um deren Lebensgrundlagen zu verbessern, werden Barrieren abgebaut und unter anderem durch Raue Rampen, Schüttsteinrampen, oder Umgehungsbäche ersetzt. Das Thema ist so wichtig, dass die Forstliche Versuchs- und Forschungsanstalt in Freiburg (FVA) mit finanzieller Unterstützung der Deutschen Bundesstiftung Umwelt im Nürtinger Stadtwald ein eigenes Forschungsprojekt gestartet hat. Auch die Stadt Nürtingen leistet dazu einen Beitrag von 10 000 Euro, wie OB Otmar Heirich berichtete. Die Verdolung des Tiefenbachs im Nürtinger Stadtbereich bleibt von der Maßnahme unangetastet. Nach Meinung der Experten auch aus gutem Grund. Dadurch schütze man die Steinkrebse im Tiefenbach, erklärte Gerhard Schaber-Schoor von der FVA. Ansonsten gelangten sehr schnell andere Krebse in den Bach, die die tödliche Pilzerkrankung verbreiteten.

Dass die Waldböden eine zentrale Bedeutung für die Regulation des Wasserkreislaufes haben, wird nach Ansicht von Fachleuten viel zu wenig berücksichtigt. "Das muss viel mehr als Wert vermittelt werden", sagte Klaus von Wilpert, Bodenkundler der FVA. Waldböden dienten als gigantisches Rückhaltebecken. 30 Prozent des Jahresniederschlags werden hier zwischengespeichert, was letztlich auch einen effektiven Schutz vor Hochwasser bedeutet. Vor allem mit Blick auf die jüngsten Hochwasser-Katastrophen in Bayern und der Schweiz müsse man den Weg der naturnahen Waldbewirtschaftung fortsetzen, meinte Minister Hauk.

Mindestens genauso wichtig ist der Waldboden als Filter für den Schadstoffeintrag aus der Luft. Die Säurebelastung sei in den vergangenen Jahren zwar deutlich zurückgegangen, sagte von Wilpert. Aber nach wie vor müssten große Anstrengungen unternommen werden, um vor allem den nach wie vor massiven Stickstoff-Eintrag zu neutralisieren. Weil die Böden das an vielen Stellen aus eigener Kraft nicht schaffen, hilft die Forstwirtschaft mit dem Einsatz von Kalk nach. Die Filterleistung kann aber auch durch entsprechende Bewirtschaftung gezielt verbessert werden. Das fängt mit der Wahl der Baumart an. So haben Buchen die Fähigkeit, insbesondere Nitrat fast vollständig aus dem Sickerwasser zu entfernen.