Lokales

Wo "Gretchen" und des Poeten Briefe an der Wand hängen

BISSINGEN Das blaue Band weht immer noch übers Land. Doch der Trommelwirbel zum 200. Geburtstag des schwäbischen Dichterpfarrers Eduard Mörike ist verhallt, der Pulverdampf der Salutschüsse

Anzeige

RICHARD UMSTADT

verraucht. Jetzt, an den langen Abenden, können Mörikefreunde nach den offiziellen Empfängen, Lesungen, Ausstellungen und Konzerten zur geselligen Gemütlichkeit übergehen und bei einem Viertele Württemberger den Maler Nolten diskutieren

oder über die Beziehung des jungen Dichters zu seiner Verlobten Luise Rau spekulieren.

Wo? Nun, nicht weit weg von Mörikes ehemaliger Wohnung in Ochsenwang, sozusagen um die Ecke, steht an der Hüle die "Krone". Kronenwirt Wilfried Rettenmaier wollte eigentlich schon zu Beginn des Jubiläumsjahres sein Mörikestüble den Gästen übergeben. Doch familiäre Trauerfälle machten dem zunächst einen Strich durch die Rechnung.

Nun ist das Stüble fertig, die Tische sind fein eingedeckt und an den Wänden hängen zwischen den stilechten Fachwerkbalken Zeichnungen des Dichters, Bilder von Luise Rau, Briefe, eine Wegskizze von Nürtingen nach Ludwigsburg, von Mörike illustrierte Haushaltsrechnungen, ein Stich des Heimensteins und viele andere "Spuren" des Poeten. Rund 70 Exponate zieren die Rauputz-Gefache.

Wilfried Rettenmaier wälzte Alt-Ausgaben und Neuerscheinungen und verfolgte des Dichters Lebenslauf und Lebenswerk. Gemeinsam mit seinem Sohn Marc, der in des Vaters Fußstapfen als Koch trat, legte der Kronenwirt selbst Hand an und teilte durch das Fachwerk den großen Raum des Restaurants vom kleineren Mörike-Stüble ab.

Doch es dürfte noch einen wesentlich authentischeren Bezug geben. Bekanntlich versah der schwäbische Dichter von Januar 1832 bis Oktober 1833 als Pfarrverweser das Vikariat in Ochsenwang. Deshalb ist davon auszugehen, dass er das Gebäude kannte, aus dem 1905 die "Krone" hervorging. 1846 standen nämlich auf dem Grundstück des jetzigen Hotels zwei zusammengebaute Anwesen, die von den Familien Klett und Gienger bewohnt worden waren. Durch Vererbung ging das Gebäude an die Familie Fischer über. Eine Tochter dieser Familie heiratete einen Gutenberger namens Ehni. Der wiederum richtete ums Jahr 1870 eine Trinkstube ein und betrieb in der Küche eine Schnapsbrennerei. Schon damals soll es, wenn Schäfer, Bauern und Viehhändler in der Trinkstube diskutierten, hoch hergegangen sein. Im Volksmund hieß es einfach: "Mir ganget zom Küfer", denn Christian Ehni, der Vater von Wilfried Rettenmaiers Großmutter Magdalene Renz, zimmerte Fässer und Bottiche.

Freilich war Eduard Mörike zu diesem Zeitpunkt längst anerkannt in seiner Kunst und besaß die Ehrendoktorwürde der Universität Tübingen. Im November 1851 heiratete er Margarethe von Speeth, im April 1855 wurde Tochter Fanny geboren, im Januar 1857 Tochter Marie. Die Mörikes lebten damals in Stuttgart. 1870 allerdings, zur Zeit von Christian Ehnis Trinkstube in Ochsenwang, weilte der rastlose Dichter gar nicht so weit weg von dem Albdörflein, denn die Familie war in jenem Jahr nach Nürtingen umgezogen. Es ist aber eher unwahrscheinlich, dass der ehemalige Pfarrverweser als 66-Jähriger den Ort seiner "Vikariatsknechtschaft" in dieser Zeit besuchte.

Heutzutage lohnt eine Fahrt hoch auf die Schwäbische Alb nach Ochsenwang und einen Gang durchs "Pfarrhaus". Zumal, wenn um die Ecke im "Mörikestüble" der Trollinger und das dampfende "Mörikepfännle" auf den Gast warten.