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 Wo sie hinkommt, war noch keiner

Taufe und symbolische Inbetriebnahme der Tunnelbohrmaschine am Boßlertunnel

Die Deutsche Bahn hatte am Samstag zum Tag der offenen Baustelle eingeladen – und die interessierten Besucher strömten zum Portal des Boßlertunnels. 8 806 Meter lang wird der Tunnel werden. Nur zwei Minuten und sieben Sekunden kostet es den ICE künftig, um durchzufahren. Die Tunnelbohrmaschine braucht etwas länger.

Der Andrang war enorm: Tausende Menschen wollten dabei zusehen, wie sich das Schneidrad der Tunnelbohrmaschine am Portal Aichelb
Der Andrang war enorm: Tausende Menschen wollten dabei zusehen, wie sich das Schneidrad der Tunnelbohrmaschine am Portal Aichelberg des Boßlertunnels zum ersten Mal dreht. Fotos: Peter Dietrich

Peter Dietrich

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Aichelberg. Die ersten Gleise liegen schon, doch sie sind für den Bauzug. Er wird die vor Ort produzierten Tunnelbauteile über die Brücke über die Landstraße hinweg in den Tunnel bringen. Dort steht die riesige, von der Firma Herrenknecht gebaute Tunnelbohrmaschine bereit. Beim Tag der offenen Baustelle bekam sie den lieblichen Namen Käthchen, die Taufe übernahm Tunnelpatin Gabriele Breidenstein. Dann begann sich das Schneidrad von Käthchen nach dem gemeinsamen Druck auf den großen roten Knopf erstmals beeindruckend zu drehen.

„Das größte Bahnprojekt in Europa bekommt zunehmend ein Gesicht“, sagte der sichtlich erfreute Projektsprecher Wolfgang Dietrich. Seit der ersten Idee für Stuttgart 21 und die Neubaustrecke nach Ulm Anfang der 1980er-Jahre seien 34 Jahre vergangen. „Wenn wir es schaffen, 2021 in Betrieb zu gehen, kann das Projekt auf eine 41-jährige Geschichte zurückblicken.“ Lange hätten die Ingenieure mit angezogener Handbremse arbeiten müssen, hätten erst nach dem Aufsichtsratsbeschluss der DB vom März 2013 richtig losgelegt. „Was seither erreicht wurde, ist beachtlich. Die Neugier auf das was kommt, nimmt von Tag zu Tag zu.“

Dietrich ging auf die unterschiedlichen Vorgehensweisen beim Bau ein: Am Boßlertunnel sei die Produktion der Tübbinge nur 500 Meter weit weg. Die Tübbinge für den Fildertunnel würden dagegen aus dem 240 Kilometer entfernten Neumarkt in der Oberpfalz hertransportiert. Sie werden in Altbach vom Zug auf Lkw verladen, nötig sind 50 000 Lkw-Fahrten. Er sei zum letzten Mal in dieser Funktion im Einsatz, sagte der scheidende Projektsprecher. Er appellierte, das Bahnprojekt als Gemeinschaftsprojekt aller Partner zu verstehen. „Es ist kein Projekt der Deutschen Bahn.“

Die Neubaustrecke nach Ulm sei Teil eines transeuropäischen Korridors, sagte Manfred Leger, Vorsitzender der Geschäftsführung der DB Projekt Stuttgart-Ulm GmbH. Die Fahrzeit von Stuttgart nach Ulm halbiere sich fast auf eine halbe Stunde. Die Hälfte der 60 Kilometer zwischen Wendlingen und Ulm lägen im Tunnel, der ICE fahre mit Tempo 250. Die Region profitiere während der Bauphase durch Zulieferungen durch Handwerker genauso wie durch Zimmervermietungen. Die Kosten für den Boßlertunnel und den folgenden Steinbühltunnel lägen bei 635 Millionen Euro. Für den Boßlertunnel gibt es einen Zwischenangriff bei Gruibingen, dort wird bereits kräftig gearbeitet.

Käthchen wird sich voraussichtlich ab Januar rund 20 Meter pro Tag in den Berg fressen, rund um die Uhr ohne Pause. „Da, wo du dich hinbewegst, war noch keiner“, sagte Leger zur Tunnelbohrmaschine, die 2 500 Tonnen schwer und 110 Meter lang ist. Das Schneidrad hat einen Durchmesser von 11,39 Meter. Die elektrisch betriebene Maschine befördert zugleich den Aushub nach hinten und die Tübbinge nach vorne.

Für die ausführenden Firmen sprach Alfred Sebl-Litzlbauer, Vorstandsvorsitzender der Porr AG. Er hoffe auf ein Projekt, „auf das am Ende alle stolz sein werden“. Die erfahrene Mannschaft habe „ein Maximum an Maßnahmen ergriffen, um Lärm und Staub auf ein Minimum zu reduzieren“. Trotz der Sicherheitsmaßnahmen sei die Arbeit unter Tage mit Gefahren verbunden.

Martin Eisele, Bürgermeister von Aichelberg, sprach von einem „Jahrhundertereignis für seine Gemeinde“. So manche Rentner, die laufend den Beobachtungsposten besuchten, hätten sich zu Tunnelbohrmaschinenexperten entwickelt. In zwei Punkten, lobte Eisele, seien die Planer der Gemeinde entgegengekommen. Zum einen kreuze kein Baustellenverkehr per Ampel die L 1214 nach Weilheim, stattdessen sei vorab die Brücke gebaut worden. Außerdem gebe es nördlich der Autobahn keine Baustelleneinrichtungen. Nur ein großer Wunsch sei nicht erfüllt worden, sagte er mit einem Augenzwinkern: ein ICE-Halt für Aichelberg.

Diakon Peter Maile, Betriebsseelsorger für Stuttgart 21, übernahm die Segnung der Heiligen Barbara, die anschließend ihren Platz ein einem Schrein am Tunneleingang fand. Das Weihwasser, Maile sprach von „Bio-Energy“, hatte Maile in einer kleinen Ampulle mitgebracht. Außer dem Segen, sagte er, brauche es auch den Teamgeist aller Beteiligten und gegenseitige Achtsamkeit. „Ich ziehe meinen Helm vor euch Mineuren.“

Begleitet vom Musikverein Stadtkapelle Laichingen wurde gemeinsam das Steigerlied gesungen: „Glückauf, Glückauf!“

Danach war der Zugang zum Schneidrad frei, der Andrang groß. Nach Angaben der Bahn nutzten rund 8 000 Interessierte die Gelegenheit, sich vor Ort ein Bild zu machen. Im 15-Minuten-Takt brachten die bestens organisierten Pendelbusse die Besucher zurück in die umliegenden Gemeinden und zur S-Bahn.

Der Andrang war enorm: Tausende Menschen wollten dabei zusehen, wie sich das Schneidrad der Tunnelbohrmaschine am Portal Aichelb
Der Andrang war enorm: Tausende Menschen wollten dabei zusehen, wie sich das Schneidrad der Tunnelbohrmaschine am Portal Aichelberg des Boßlertunnels zum ersten Mal dreht. Fotos: Peter Dietrich
Der Andrang war enorm: Tausende Menschen wollten dabei zusehen, wie sich das Schneidrad der Tunnelbohrmaschine am Portal Aichelb
Der Andrang war enorm: Tausende Menschen wollten dabei zusehen, wie sich das Schneidrad der Tunnelbohrmaschine am Portal Aichelberg des Boßlertunnels zum ersten Mal dreht. Fotos: Peter Dietrich