Lokales

Wochenmärkte als letzte gentechnikfreie Oasen?

Wissen wir eigentlich, was wir täglich essen? Klar, steht doch alles auf der Verpackung. Und der Staat wird schon aufpassen, dass wir nichts Ungesundes auf den Teller bekommen. Winfried Kretschmann ist sich da nicht so sicher: Gemeinsam mit dem Kreisverband von Bündnis 90/Die Grünen startete der Grünen-Fraktionsvorsitzende im Landtag und Nürtinger Abgeordnete deshalb eine Kampagne, die über das Thema Genmanipulation von Lebensmitteln aufklärt

RALPH GRAVENSTEIN

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NÜRTINGEN Auf dem Tisch unter dem Partei-Sonnenschirm beim Nürtinger Wochenmarkt liegen Produkte wie sie jeder kennt: Schokoladentafeln bekannter Hersteller sind ebenso vertreten wie Produkte eines regionalen Wurstherstellers, Milchtüten und Joghurts von bundesweit werbenden Molkereien und vieles mehr ganz normale Produkte aus dem Supermarkt, die so gut wie jeder täglich verzehrt. "Raten Sie mal, was hiervon garantiert ohne genmanipulierte Hilfsmittel hergestellt worden ist", fordert Falko Theiß, Kreisvorstand von Bündnis 90/Die Grünen die Passanten auf. Die nehmen die Herausforderung gerne an und tippen weitaus öfter daneben, als ihnen selbst angenehm wäre.

Gerade Großkonzerne, die sich in ihrer Werbung traditionell, naturverbunden und qualitätsbewusst geben, weigern sich häufig, auf den Einsatz von genmanipulierten Futtermitteln zu verzichten. Milch oder Fleisch die von Kühen stammen, welche mit entsprechendem Gen-Futter ernährt worden sind, müssen deshalb nicht gesundheitsschädlich sein. "Wirklich wissen tut das aber keiner", so Winfried Kretschmann. Denn über die Wechselwirkungen von neuen Genen mit natürlich zusammengesetztem Erbgut wisse kaum jemand etwas. Gemeinsam mit dem Esslinger Kreisverband der Partei will Kretschmann deshalb Verbraucher darüber aufklären, wie ihr tägliches Essen eigentlich oft entsteht.

Das große Problem sei, dass es keine Kennzeichnungspflicht für Waren gebe, die mit Hilfe von Genmanipulation hergestellt worden sind. Somit habe der Verbraucher kaum eine Möglichkeit, sich für oder gegen den Kauf solcher Produkte zu entscheiden.

Ob viele Konsumenten daher bewusst auf dem Wochenmarkt einkaufen, wo sie im direkten Kontakt mit den Gemüsebauern der Region etwas über die Produktionsweise der angebotenen Lebensmittel erfahren, das will Kretschmann nun selbst überprüfen. Zielstrebig steuert er den Stand des Reichenbacher Biobauern Rupert Schickinger an, der seit gut zwölf Jahren seine Produkte auf dem Nürtinger Wochenmarkt feilbietet. Das Geschäft scheint zu brummen, viele Kunden kaufen hier ein. "Wir haben eigentlich kaum Nachfragen, inwieweit unsere Produkte mit dem Thema Genmanipulation zu tun haben", so Schickinger im Gespräch mit Kretschmann: "Bei uns als Biobetrieb erwarten die Kunden das wohl von vorneherein. Das kann aber auch daran liegen, dass der Gemüseanbau von dem Problem noch nicht so drastisch betroffen ist wie der Getreidesektor. Da ist die Entwicklung dramatisch."

Dramatisch, damit meint Schickinger die Tatsache, dass es für konventionell arbeitende Landwirte fast schon unmöglich wird, ohne die Saat-Produkte der internationalen Großkonzerne auszukommen und die drängen die Politik zusehends dazu, genmanipulierte Sorten zuzulassen. "Das Problem betrifft aber alle Bauern, auch die Landwirte, die auf konventionelle Sorten setzen oder Bioanbau betreiben", sagt Schickinger und ergänzt: "Schon wenn mit ein und demselben Mähdrescher erst ein Gen-Maisfeld und dann ein biologisch bewirtschaftetes abgeerntet wird, ist eine gewisse Vermischung unvermeidlich." Bereits bei der Blüte der Pflanzen unterscheidet eine Biene nicht zwischen Gen-Getreide und normalem. Die fliegt einfach vom einen Feld zum nächsten. Die Auskreuzung von Gen-Sorten in andere Kulturen ist damit unausweichlich.

Harsche KritikEntsprechend harsch kritisiert Kretschmann denn auch die Versuchsfelder, welche von der Nürtinger Fachhochschule auf dem Hofgut Tachenhausen bei Oberboihingen betrieben werden, denn direkt daneben arbeitet ein Biobauer. Eine Garantie, dass einmal freigesetzte genmanipulierte Pflanzen Bio-Kulturen nicht beeinflussen, gebe es nicht, so Kretschmann. Solche Kritik perle indes an den Wissenschaftlern ab: "Die berufen sich auf die im Grundgesetz verbriefte Freiheit der Forschung", so Kretschmann.

Auf diese Position ziehe sich nach Worten des Grünen-Landtagsfraktionschefs auch die Landesregierung zurück, die in Sachen Gen-Forschung eine zwiespältige Haltung vertrete: Einerseits sieht man die beste Chance für die regionale Landwirtschaft im europäischen Wettbewerb darin, dass Baden-Württemberg der Feinkostladen Europas wird, andererseits lässt man solche Projekte zu, obwohl man zugibt, dass Landwirtschaft mit Gen-Produkten in unserem Bundesland keinen Sinn macht.

Hermann Clauß, Gemüsebauer aus Esslingen und bereits seit 35 Jahren Marktbeschicker in Nürtingen, kennt die Debatte zwar, sieht aber seine Produkte noch nicht im Kreis der betroffenen Waren: "Ich finde Aufklärung gerade auf dem Wochenmarkt gut und wichtig wir setzen bewusst auf eigenen Anbau und traditionelle Saaten. Damit können wir zumindest relativ sicher sein, dass wir keine genmanipulierten Produkte verkaufen." Freilich sei er sich darüber im Klaren, dass auf lange Sicht Vorsicht geboten sei auch beim Gemüseanbau riechen Saatgutkonzerne und Agrarchemiefabrikanten ein gutes Geschäft mit pestizid-resistenten Sorten. Eine Kennzeichnungspflicht, so Kretschmann, werde von der Agrarindustrie-Lobby in Brüssel verhindert, die geschickt bei der Vorbereitung von Gesetzen und Richtlinien interveniere. Zumindest ein kleiner Fortschritt sei der Europa-Ausschuss, der seit der vergangenen Landtagswahl im Stuttgarter Parlament für sachkundigere Auseinandersetzung mit der Brüsseler Politik und gewisse Einflussmöglichkeiten sorge.