Lokales

"Wohnen in Wahlverwandtschaften"

Gegenseitige Hilfe, Kontakt zu anderen, Spaß bei gemeinsamen Aktivitäten - für Stichworte dieser Art steht das Projekt WOKI, Wohnen in Kirchheim, unter dem Dach des Bürgerbüros. Hier finden sich engagierte Menschen zusammen, die auf der Suche nach neuen Wohnformen in generationsübergreifendem Miteinander sind.

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IRENE STRIFLER

KIRCHHEIM "Wir machen uns auf den Weg", erzählt Hannelore Kurz, Initiatorin des Projekts, voll Tatendrang und Zuversicht. Gemeinsam mit einigen Mitstreitern ist die 64-Jährige auf der Suche nach Menschen, die den Gedanken mittragen, Leben wieder in die Städt hineinzutragen und dort sozusagen ein großes gemeinsames Nest zu bauen. Über neue Wohnformen in verschiedenen Lebensphasen, speziell im Alter, denkt die ehemalige Altenpflegerin seit vielen Jahren nach. Bereits im Jahr 1990 hat sie sich mit einer Gruppe aktiver Menschen unter der Ägide der Altenhilfefachberaterin des Kreises, Inge Hafner, mit der Thematik befasst und ist seither am Ball geblieben. Der Kontakt zu der Gruppe besteht noch immer. Zwischenzeitlich hat sich Hannelore Kurz, die Neuem gegenüber stets aufgeschlossen ist, auch mal ein paar Jahre lang in Mallorca, in Santa Ponca, umgeschaut. Bekanntlich reizt es viele Senioren, im sonnigen Süden ihren Lebensabend zu verbringen. Keine schlechte Variante, meinte Hannelore Kurz, doch für die Großmutter von elf Enkeln ist klar: "Meine Wurzeln sind in Deutschland." Speziell in Kirchheim erkannte sie geeigneten Boden, ein Wohnprojekt zu initiieren. Vorbilder gibt es bundesweit bereits einige, vor allem in Großstädten und Universitätsstädten. Ein Beispiel ist das "Haus Wabe" im Stuttgarter Burgholzhof. Seit Herbst 2001 wohnen in diesem neugebauten Haus mehrere Generationen unter einem Dach. Die Bewohner lernten sich bereits während des Planungsprozesses Sie haben eigene Wohnungen, es gibt jedoch Gemeinschaftsräume und gemeinsame Veranstaltungen, um den Kontakt zu erleichtern. "Kirchheim ist familär, aber doch sehr aufgeschlossen", erklärt Hannelore Kurz, weshalb ein ähnliches Projekt in der Teckstadt auf fruchtbaren Boden fallen dürfte.

Diese Aufgeschlossenheit spiegelt sich auch ganz entscheidend in der Arbeit des Bürgerbüros, bei dem Hannelore Kurz mit ihren Ideen offene Türen einrannte. "Wir haben über 40 Projekte laufen und freuen uns über neue Impulse", erzählt Marlies Hinderer, Erste Vorsitzende des Vereins "Engagierte Bürger Bürgerbüro". Allen Projekten gemein ist der Kontakt zum Mitbürger, das Miteinander. Dieser Gedanke spiegelt sich in der "Sammeltasse", dem offenen Begegnungstreff im Bürgerbüro, ebenso wie in den Unternehmungen der Wander- oder Radler-Gruppen, dem mobilen Bücherdienst und allen anderen mit großem Engagement betriebenen Aktivitäten. Der Nachbarschaftsgedanke spielt bei allenInitiativen des Bürgerbüros eine entscheidende Rolle, ist aber in der Idee des WOKIs ganz besonders ausgeprägt. Kein Wunder also, dass das im Aufbau begriffene Vorhaben für den Ehrenamtspreis der Stiftung Kreissparkasse und des Teckboten vorgeschlagen und von der Jury für die Runde der ersten zehn ausgewählt wurde.

Noch ist das Wohnprojekt Zukunftsmusik, doch die Töne werden bereits immer präziser. "Wir treffen uns an jedem ersten Mittwoch im Monat um 19 Uhr im Bürgerbüro", berichtet Hannelore Kurz vom kleinen Grüppchen engagierter Mitstreiter, das durchaus noch auf Wachstum aus ist. Die Besichtigung anderer Projekte hat klargemacht, dass die Personenzahl nicht von vornherein begrenzt werden muss. "Es sollten mindestens eine Handvoll Leute sein, aber es könnten auch 30 sein", überlegt Hannelore Kurz. Viel wichtiger ist, dass die Chemie stimmt. "Es muss eine Gruppe sein, die miteinander kann", bringt es Marlies Hinderer auf den Punkt. Schließlich geht jeder, der sein Leben umkrempelt und dort einzieht, auch ein gewisses Risiko ein mit allen Chancen, die so ein Neuanfang birgt. Das Gespenst der Einsamkeit dürfte für manche ältere Menschen an Schrecken verlieren, wenn sie sich auf solch eine Gemeinschaft verlassen können. Doch auch jüngere Paare oder vielleicht Alleinerziehende mit Betreuungsbedarf könnten sich im gemeinsamen Miteinander, das durchaus von Verbindlichkeit und Verlässlichkeit geprägt sein soll, wohl fühlen.

Die beispielhaften Wohnformen in Deutschland sind von unterschiedlichen Rechtsformen gekennzeichnet, wie Hannelore Kurz als langjähriges Mitglied im bundesweiten Forum für neue Wohnformen längst weiß. Mancherorts haben sich vergleichbare Wohngemeinschaften in städtischen Gebäuden etabliert, andernorts wurde wunschgemäß mit eigenem Kapital gebaut, wieder andere bauen auf Stiftungen auf. "Wir sind da für alles offen", sagt Hannelore Kurz. Sie hofft, bis in spätestens fünf Jahren ihren Traum vom "Wohnen in Wahlverwandtschaften" in Kirchheim realisieren zu können. Mitstreiter, Mutmacher, Financiers und andere Interessenten nimmt sie mit offenen Armen auf.

INFOWer Näheres über das WOKI wissen möchte, kann sich beim Kirchheimer Bürgerbüro informieren unter der Telefonnummer 0 70 21/4 77 46 oder aber ganz einfach beim nächsten Treffen am Mittwoch, 7. September, um 19 Uhr selbst dort vorbeischauen.