Lokales

Wolfgang Sedlmeier wechselt nach Paris

Nürtingens katholischer Seelsorger Wolfgang Sedlmeier wird neuer Pfarrer der Katholischen Kirche deutscher Sprache in Paris: An Mariä Himmelfahrt (15. August) sagt er Sankt Johannes Adieu.

JÜRGEN GERRMANN

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NÜRTINGEN "Sinnig, sinnig", könnten die einen sagen. "Ausgerechnet", könnten die anderen murren. Denn ganz gleich, ob er und andere dies nun wollen oder nicht: Angesichts dieser Nachricht schießt es einem quasi unweigerlich durch den Kopf "Oh Maria!" Denn just im Zusammenhang mit dieser Ausstellung hatte es in der Johannesgemeinde ganz erhebliche Turbulenzen gegeben und sich Sedlmeier einem wahren Trommelfeuer von Attacken ausgesetzt gesehen. Nun könnte man mutmaßen, er sei darunter zerbrochen und trete die Flucht an. Freilich nicht mehr, wenn man die Zeitabläufe kennt.

Die Geschichte, die jetzt in einem Abschied mit einer Träne im Knopfloch endet, begann im März 2004: Der damalige Nürtinger Vikar Hans-Georg Unckell machte mit seinem Seminar eine Abschlussfahrt nach Paris und besuchte auch die deutsche Gemeinde dort. Dort erfuhr er, dass in absehbarer Zeit die Pfarrstelle an der Seine neu besetzt werden würde: "Das wär doch was für Dich", sagte er zu seinem Chef, als er wieder am Neckar war. Nicht ohne Grund. "1980/81 hab ich für ein Jahr in Paris studiert und nur zwei Straßen von der Albertus-Magnus-Kapelle, in die ich jetzt berufen wurde, entfernt gewohnt", blickt Sedlmeier auf seine Jugend zurück und schmunzelt: "Damals hab ich immer einen großen Bogen herumgemacht, weil ich nicht mit Deutschen zusammen sein wollte, und ich bin lieber in die französische Messe gegangen." Bald muss er sich um eine höchst bunte Gemeinde kümmern. Rund 60 000 Deutsche leben im Großraum Paris, ein Drittel davon sind Katholiken, 2500 Namen stehen in der Pfarrkartei viele daraus aus Wirtschaft und diplomatischem Corps, aber auch Studenten oder Au-pair-Mädchen. Nicht zuletzt aber auch Menschen, die in Paris und Umgebung unter die Räder gekommen sind, im Gefängnis oder auf der Straße leben müssen.

Dass Sedlmeier Hals über Kopf Unckells Tipp gefolgt wäre, kann man ebenfalls nicht sagen: "Ich bin lange damit umgegangen, hab mit der Kirchengemeinderatsleitung, meiner Mutter und mit Freunden gesprochen und lange überlegt." Im November 2004 bewarb er sich dann, und da die Pfarrstelle an Albertus Magnus in Paris durchaus als hochkarätig gelten darf, blieb er auch nicht der einzige Bewerber: "Im Oktober 2005 habe ich es dann gewusst, dass es klappt."

An der Seine tritt Sedlmeier übrigens in große Fußstapfen: Einer seiner Vorgänger war Abbé Franz Stock. Er stand den Menschen während des Zweiten Weltkrieges in den Gefängnissen von Paris und der Hinrichtungsstätte auf dem Mont Valerien bei, die Franzosen sprachen (und sprechen) von ihm als "L'Aumonier de l'enfer" (Der Seelsorger der Hölle) oder "L'archange en enfer" (Der Erzengel in der Hölle). Nach Kriegsende ging er ins Kriegsgefangenenseminar von Chartres, um sich auch dort an die Seite der Gefangenen zu stellen. Der Pfarrer von Sankt Johannes ist keiner, der davonläuft, wenn's brenzlig wird. Nein, er macht sich nicht aus dem Staub, weil ihm der Wirbel um Oh Maria und die vorhergehende Altar-Verhüllung zur Fastenzeit zum Hals heraus hängt. Eher war's anders rum: "Ich dachte mir wohl: ,Das muss jetzt noch sein. Ich wollte schon noch das artikulieren, was mir wichtig ist, bevor ich gehe." Teile der Gemeinde hätten sich durch derlei Sachen indes überfordert gefühlt: "Ich verstehe auch den Ärger. Trotzdem glaube ich, dass wir als Kirche den gesellschaftlichen Wandel nicht nur wahrnehmen, sondern uns auch in Beziehung dazu setzen müssen und auch das Gute, das uns die Moderne an Freiheit und Individualismus geschenkt hat, wertschätzen." Er halte es da mit dem Apostel Paulus: "Prüft alles und behaltet das Gute."

Was freut ihn denn ganz besonders, wenn er an die neun Jahre in Nürtingen zurückdenkt? Leute, die mit großem persönlichem Engagement sagen, "Glaube und Kirche sind mir wichtig und ich bin auch bereit, mich einzusetzen, ohne zu gucken, was an persönlicher Anerkennung für mich herausspringt", fallen ihm da als Erstes ein: "Vor denen hab ich ganz großen Respekt."

In den letzten Jahren sei es auch gelungen, den Einsatz für soziale Projekte, der in der evangelischen Gemeinde ja eine so große Tradition habe, auch in Sankt Johannes zu etablieren: "Es gab immer Leute, die sich da ehrenamtlich eingesetzt haben. Es war nie schwierig, Leute zu finden, die sagen ,Ja, da mach ich mit!'"

Allen Widerständen und Widerworten zum Trotz sei es auch gelungen, sich als Gemeinde auf den Weg zu machen, auf die Suche zu begeben und in eine Entwicklung hineinzugehen, in der man einander in Offenheit zuhöre und Position beziehe: "Was hier in Nürtingen möglich war, wäre sicher nicht überall möglich gewesen."