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Wunsch: "Mehr Neugier und Leidenschaft für das Experiment"

21 Objekte im Landkreis Esslingen von insgesamt 95 eingereichten Arbeiten sind im Wettbewerb "Beispielhaftes Bauen" bei der Preisverleihung im Foyer des Landratsamtes Esslingen ausgezeichnet worden. Darunter befinden sich auch die neue Lindorfer Dorfmitte sowie das evangelische Gemeindehaus in Notzingen.

RICHARD UMSTADT

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ESSLINGEN "Erst bauen Menschen Häuser, dann bauen Häuser Menschen". Dieses Zitat Albert Schweitzers wählte die Architektenkammer Baden-Württemberg zum Motto des Auszeichnungsverfahrens "Beispielhaftes Bauen" in den Jahren 2001 bis 2006 im Landkreis Esslingen.

Der Schirmherr des Wettbewerbs, Landrat Heinz Eininger, wies auf die interessante Wechselbeziehung zwischen guter Architektur und Menschen hin. Er musste nicht weit gehen, um diese Wechselwirkung beobachten zu können.

Die neue Ortsmitte in Lindorf mit dem Amselbrunnen und der auffallend langen Bank zieht vor allem im Sommer Menschen jeder Altersgruppe an und lädt zum Verweilen ein. Die skulptural wirkende Lichtsäule ist insbesondere bei Dunkelheit Wegweiser und Anziehungspunkt zugleich. Das Objekt Amselbrunnenplatz, dessen Bauherr die Stadt Kirchheim ist und das von Landschaftsarchitekt Jochen Koeber 2003 geplant wurde, wurde ebenso für "Beispielhaftes Bauen" ausgezeichnet wie das neue evangelische Gemeindehaus in Notzingen. Gelobt wurde bei der Preisverleihung dessen unaufdringlich zeitgemäß gestalteter Baukörper, dessen Nutzräume sich großzügig zum angrenzenden Landschaftsraum öffnen. Der Köngener Architekt Jürgen Herrmann habe es in hervorragender Weise geschafft, Neues und Herkömmliches selbstverständlich und harmonisch zu verbinden.

Landrat Eininger warf einen Blick auf Deutschlands größte Baustelle, die Landesmesse Filder. Im Gegensatz zu dem "mit Superlativen gespickten" Projekt, das sich ebenfalls im Landkreis Esslingen befinde, gehe es in dem Auszeichnungsverfahren um den Breiten- nicht um den Spitzensport. Ziel des Wettbewerbs sei es, das Bewusstsein für Baukultur im Alltag zu fördern. Gute Architektur sei ein Stück Lebensqualität, so Eininger. Insgesamt wurden 95 Arbeiten beim Landkreis und der Architektenkammer eingereicht. Davon entsprach eine nicht den Teilnahmebedingungen, so dass letztlich 94 Bewerbungen in die Wertung kamen: 31 Wohnbauten, 19 öffentliche Gebäude, 25 Sanierungen und Umbauten, vier Garten- und Landschaftsanlagen, sechs städtebauliche und stadtgestalterische Objekte sowie zwei Innenraumgestaltungen.

Die siebenköpfige Jury nahm nach mehreren Auswahlrunden 35 Arbeiten in die engere Wahl für eine Ortsbesichtigung. Nach der Rundfahrt durch den ganzen Landkreis vergab das Gremium 21 Auszeichnungen für beispielhafte Bauten. Der Landrat bedauerte, dass sich der Landkreis als Bauherr nicht unter den Ausgezeichneten befinde. "Dies hat unseren Ehrgeiz geweckt", sagte er und hoffte, dass das in den nächsten Jahren entstehende Verwaltungsgebäude in der kommenden Auszeichnungsrunde mit von der Partie sein werde.

"Die Jury war beeindruckt vom hohen Niveau der Bauwerke", lobte der Heilbronner Architekt Karl Adolf Herzog, der die Arbeit des Schiedsrichtergremiums kurz Revue passieren ließ. "Durch die Symbiose von Bauherrn und Architekt konnte ein architektonisch befriedigendes Werk entstehen", wies das Jurymitglied auf die Bedeutung des konstruktiven Zusammenspiels zwischen Bauherr und Planer hin. Oder wie es der Vorsitzende der Kammergruppe Esslingen II, der Kirchheimer Architekt Karl-Albrecht Einselen, ausdrückte: "Gute Architektur braucht ambitionierte Bauherren". Sein Wunsch: Mehr Neugier und mehr Leidenschaft bei den Auftraggebern für das Experiment.

Der Ausstellung "Beispielhaftes Bauen", die bis zum 8. Dezember im Foyer des Esslinger Landratsamtes zu sehen ist, wünschte Einselen, dass sie künftige Bauvorhaben positiv beeinflussen möge. Die Ausstellung wird 2007 auch in Nürtingen und Kirchheim zu sehen sein.