Lokales

Zahlreiche Schwaben folgten dem Ruf der Zarin und wanderten aus

Zum Neujahrsempfang konnte Werner Schäfer aus Bempflingen, Bundesgeschäftsführer des Bessarabiendeutschen Vereins, kürzlich 800 Gäste in der Nürtinger Stadthalle begrüßen.

NÜRTINGEN Eingeladen waren die ehemaligen Bessarabiendeutschen aus den Kreisen Esslingen, Reutlingen und den angrenzenden Landkreisen. Das große Interesse brachte es mit sich, dass die Stadthalle fast aus den Nähten platzte. Die Veranstaltung fand im großen Saal statt und wurde auf eine Leinwand in den Panoramasaal übertragen.

Anzeige

Werner Schäfer brachte seine Freude zum Ausdruck, dass ein so großes Interesse an der Geschichte der Vorfahren, die vor fast 200 Jahren hauptsächlich aus Württemberg nach Südrussland ausgewandert sind, besteht. Außer denen, die noch vor 1940 in Bessarabien geboren wurden, hatten auch viele jüngere Leute den Weg nach Nürtingen gefunden.

Der Neujahrsempfang beim Bessarabiendeutschen Verein stellt keines der traditionellen Treffen von Heimatvertriebenen dar, sondern ist dazu gedacht, sich über die geschichtlichen Fakten zu informieren und Kenntnis über das Leben der Vorfahren zu erhalten.

Der Bundesvorsitzende des Bessarabiendeutschen Vereins Ingo Rüdiger Isert ging auf die Entwicklung des Vereins ein, der in 2006 aus den drei Vorgängervereinen, der Landsmannschaft der Bessarabiendeutschen, dem Hilfskomitee der evangelisch-lutherischen Kirche in Hannover und dem Verein Heimatmuseum in Stuttgart entstanden ist. Er konnte über das erste halbe Jahr seit dem Zusammengehen eine positive Bilanz ziehen und hofft, dass das Zusammenwachsen im Interesse der ehemaligen Deutschen aus Bessarabien und ihrer Nachfahren weiter so reibungslos vor sich gehen kann.

Isert ging auch auf die jüngsten Veränderungen in der Europäischen Union ein und wies darauf hin, dass jetzt seit Jahresbeginn 2007 die Grenzen der EU bis nach Bessarabien gehen. Denn der Fluss Pruth, der die Grenze zwischen Rumänien und Moldawien bildet, war bis nach dem Ersten Weltkrieg die Westgrenze zwischen Rumänien und Bessarabien. Nach 1918 gehörte Bessarabien bis 1940 zu Rumänien, erst dann kam es, als die Deutschen umgesiedelt waren, wieder zu Russland.

Landrat Heinz Eininger berichtete in seinem Grußwort über seine Reise nach Bessarabien. Von dort stammen seine Vorfahren mütterlicherseits. Der Bundesehrenvorsitzende Dr. Edwin Kelm aus Möglingen sprach von den Leistungen der Bessarabienhilfe, mit deren Hilfe es gelungen sei, in Sarata den Dom in der Steppe wieder aufzubauen, die Kirche in Albota zu bauen und finanzielle Hilfe zu geben, dass es wieder über 20 Bethäuser in Bessarabien gibt. Außerdem wurden große Hilfsmaßnahmen in Krankenhäusern und Sozialstationen durchgeführt. Bei den Reisen, die jedes Jahr mehrmals stattfinden, besuchen viele Bessarabier und deren Kinder und Enkel die ehemaligen Heimatorte und machen sich ein Bild über die Länder Moldawien und Ukraine, zu denen heute Bessarabien gehört.

Dr. Susanne Dieterich aus Ludwigsburg, die Autorin des Buches "Württemberg und Russland", hielt das Hauptreferat mit dem Thema "Das Haus Württemberg zur Zeit der Auswanderungen nach Russland". Die Zuhörer erfuhren viel über die Lebensumstände zu Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts. In diesen Zeiten sind die meisten Auswanderungen nach Russland erfolgt, zunächst nach dem Aufruf von Katharina der Großen ab 1763 und dann wieder nach dem Aufruf von Zar Alexander I. im Jahr 1813. Die Lebensumstände in diesen Zeiten waren sehr schwer und viele folgten den Aufrufen mit der Hoffnung auf ein besseres Leben, als in den Notjahren 1812 bis 1816 eine große Hungersnot in Württemberg herrschte. Weitere Gründe waren auch die Folgen der napoleonischen Kriege, bei denen viele Männer aus Württemberg ums Leben kamen.

Die Referentin ging auch auf die religiösen Gründe ein, die manche bewogen, das Land zu verlassen. So spielten hier die Veränderungen in der Kirche, neue Liturgien, neue Gesangbücher und auch die Suche nach Beweisen im Glauben eine große Rolle. Mit all diesen Veränderungen kamen vor allem die pietistischen Württemberger oft nicht zurecht und sammelten sich in Harmonien und wanderten aus.

Ein Teil des Vortrags war den Verbindungen zwischen dem Haus Württemberg und dem Zarenhof gewidmet, denn die württembergische Königin Katharina, Ehefrau von König Wilhelm, die auf dem Rotenberg beerdigt ist, war die Schwester des Zaren Alexander I. Diese verwandtschaftlichen Beziehungen waren der Grund, dass das württembergische Volk die Notjahre nur überleben konnte, weil von Russland Getreide als Nahrungsmittel und Saatgut geliefert wurde. So kam es auch, dass der Auswanderaufruf speziell an die Württemberger gerichtet war, nach Südrussland auszuwandern, auch wenn König Wilhelm I. Bedenken hatte, dass die Tüchtigsten und die Stärksten sein Land verlassen.

Am Nachmittag zeigte Werner Schäfer eine Bildschirmschau über die Auswanderungen nach Bessarabien und die Situationen, die die Kolonisten dort angetroffen haben. Darin wurde deutlich, dass zunächst Schwaben und Norddeutsche nach Bessarabien kamen, die bereits um 1780/1790 nach Preußisch-Polen ausgewandert waren und dort nach den Teilungen von Polen gesiedelt haben. Erst später kamen dann die Auswanderer, die neben wirtschaftlichen Gründen auch religiöse Gründe zur Auswanderung hatten, diese sind teilweise auf den Ulmer Schachteln über die Donau oder auf dem Landweg nach Bessarabien gekommen.pm