Lokales

"Zaubereien" und sprachakrobatische Wortspiele

KIRCHHEIM Vera Badt ist eine faszinierende Frau, die mit allen Registern der künstlerischen Ausdruckskraft spielen kann. Unter Beweis stellte sie ihr Können am Freitagabend im Rahmen des Sommerprogramms der Kirchheimer Stadtbücherei. Sie spielte unter dem Titel



Anzeige



RENATE SCHATTEL

"Liebesschwüre und zärtliche Boshaftigkeiten" auf dem Akkordeon virtuose und leidenschaftliche Tangos, sie rezitierte Gedichte, dass dem Publikum der Atem stockte und sie sang Chansons, dass den Zuhörern die Gänsehaut aufstand. Die Meisterin der Kleinkunst zog das in Scharen herbeigeströmte Publikum mit ihren Zaubereien und sprachakrobatischen Wortspielen in ihren Bann und schuf eine Atmosphäre zwischen Heiterkeit und Melancholie.



"Jean, du bist kein Engel, aber ich kann doch nicht anders, als dich zu lieben", sang Vera Badt mit zärtlicher Stimme, die leider für das große Publikum zu wenig tragend war und in den hinteren Reihen teilweise nur mit Mühe verstanden werden konnte. Technik allerdings hätte den differenzierten Stimmungen, die die Künstlerin mit Stimme, Mimik und Akkordeon entstehen ließ, auch nicht gut getan. "Alles im Leben ist von Eros durchzogen, von den geheimnisvollen Kräften der Liebe aber was ist, wenn diese fehlen?", fragte sich Vera Badt und erzählte von einem Abend zu zweit in trauter Lethargie vor dem Fernseher. Sie sang von dem Kerl auf dem Feuerstuhl, gefährlich und beeindruckend anzusehen. Auf seinem Bizeps eintätowiert stand allerdings: Mama, ich liebe dich! Das Gedicht "Die Launen der Verliebten" von Heinrich Heine stand als nächstes auf dem Programm. Darin werben ein Käfer und eine Fliege umeinander und, wie könnte es bei Heine anders sein, sie kriegen sich nicht. Das Freudenmädchen an der Ecke der Straße suchte das Glück und fand Melancholie. "Echte Liebesgeschichten sind alle ein bisschen tragisch", meinte die Künstlerin und gab den Tipp, bei Libidoproblemen und Potenzstörungen die Zitronenkartoffel auszuprobieren. Mit behänder Geschwindigkeit zauberte Vera Badt dieselbe von einer Hand in die andere. Was wäre, wenn jeder Wunsch erfüllt würde, fragte sie mit Eugen Roth und besang dann die Gedankenspielereien von Georg Kreisler: "Wenn die Mädchen nackt sind".



Mit "Was man alles sagen könnte, wenn man alles sagen könnte, was man sagen könnte" rezitierte sie ein eigenes Gedicht fast als Rap und philosophierte dann über ihre spezielle Liebe zu ihrem Computer. Ist der Computer nun männlich oder weiblich? Frauen jedenfalls behaupten, er sei männlich, denn schon der kleinste Virus haut ihn um. Männer wissen, er ist weiblich, denn "so bald man einen hat, geht fast das ganze Geld an Zubehör drauf"! Und immer wieder spielte Vera Badt mit dem Akkordeon stimmungsvolle Tangos. "Als dann die Lust kam, war ich nicht bereit, sie kam ungelegen. Erst als sie wegblieb, da hatte ich plötzlich Zeit", plauderte sie melancholisch. Und noch makabrer fuhr sie fort: "Manchmal weiß man nicht so genau, ob man noch lebt, oder schon tot ist". Sie rät in solchen Situationen, immer auf der Suche zu sein, auch nach sich selbst. Sie habe erst kürzlich den Mann in sich entdeckt Egon, von Beruf Referent, von Beruf Privatier. Sie hätte ihren inneren Mann auch Georg nennen können, Georg Kreisler.



Wieder zur Frau mutiert rezitierte Vera Badt im Hohen Lied der Liebe die Salome. Nicht ganz die Originalfassung aus der Bibel, denn ihre Salome hat Haare auf den Zähnen: "Ich bin keine Lilie unter den Dornen, ich bin die Distel pur".



Als Moritatensängerin träumte sie den Tod ihrer Lieben, der dann auch prompt eintrat, als Mannweib in einer Frauenbrigade machte sie die Männer an, wie es sonst nur dieselben mit Frauen tun, und als echte Dame gab sie ein Tigerfest zu Hause in ihrem Garten, bei dem kein Gast das Haus lebend verließ. Kleptomanie ist ihre heimliche Krankheit, ihr gefallen die Sachen von anderen so gut, zum Beispiel Schmuck oder Ehemänner.



Mit einem Lichterzaubertanz und zwei Zugaben verabschiedete sich die außergewöhnliche Künstlerin von ihrem Publikum.



Gut, dass die Kirchheimer Stadtbücherei unter der Federführung von Ingrid Gaus solche Kleinkunstveranstaltungen pflegt.

Vera Badt sang Chansons, dass den Zuhörern die Gänsehaut aufstand.