Lokales

Zeichen der Hoffnung nach der Flutkatastrophe

Zeichen der Hoffnung zu setzen ist derzeit die wichtigste Aufgabe an der Küste von Südostindien. Alle Not kann nicht gelindert werden, aber immer wieder einzelnen Menschen eine neue Lebensperspektive zu ermöglichen, ist das Gebot der Stunde. Eine Delegation des Dettinger Kirchengemeinderats hat vor Ort erfahren, wie die notwendige Hilfe nach der Flutkatastrophe geschieht.

EKKEHARD GRAF

Anzeige

DETTINGEN Die schon lange geplante Begegnungsreise bei der indischen Partnerkirche Anfang Januar hatte durch die Auswirkungen des Tsunami eine neue Dimension erhalten. Wie geplant fand der Besuch etlicher Kinderheime im Bundesstaat Andhra Pradesh statt, wie auch die Teilnahme an der großen Mitarbeiterkonferenz der indischen Kirche United Christian Intereor Ministries (UCIM). Sechs Dettinger Kirchengemeinderatsmitglieder waren zum Teil mit Ehepartnern unter der Leitung ihres Pfarrers Dr. Heiko Krimmer und Pfarrer Ekkehard Graf aus Owen für 14 Tage auf dem asiatischen Subkontinent.

Zum überschattenden Thema wurden aber vor allem die Auswirkungen der Flutkatastrophe. Besuche in Fischerdörfern an der Südostküste Indiens zeigten, wie heftig auch hier die Wellen gewütet, viele Hütten weggespült sowie die meisten Fischerboote zerstört hatten. Erfreulich war aber auch zu sehen, wie schnell und gut die indischen Christen vor Ort reagiert haben. Bereits am Tag der Flut kamen die ersten Lastwagen mit Hilfsmitteln von der kleinen indischen Kirche bei den betroffenen Menschen an. Inzwischen konnten 10 000 Soforthilfe-Pakete an die Familien ausgegeben werden. Gefüllt mit Reis, Daal-Linsen, Kochöl, Lampen und Kleidung, halfen sie in den ersten Wochen vielen Menschen, die alles verloren haben.

Noch immer fahren täglich zwei Tankwagen mit gutem Trinkwasser in die Dörfer, deren Brunnen durch die Flutwelle versalzen sind. Und über hundert Kinder erhalten täglich drei Mahlzeiten. Auf diese Weise kann die äußere Not gelindert wer-den, weil die Fischerfamilien mit ihren Booten auch ihre einzige Einkommensmöglichkeit verloren haben. Diese erste Stufe der Hilfe wird wohl noch bis Ende des Monats nötig sein.

Weit schwerer wiegt aber die innere Not. Viele der Fischer sind nicht mehr vom Meer zurückgekehrt. Die Mitglieder des Dettinger Kirchengemeinderats hatten die traurige Aufgabe, den frisch verwitweten Frauen einen weißen Sari, das traditionelle Witwengewand, zu überreichen. Pfarrer Krimmer versuchte Trost zu spenden mit der Botschaft vom liebenden Gott, der Anteil nimmt und auch in dunklen Tälern niemanden alleine lässt. Er konnte anknüpfen an die tätige Nächstenliebe, die die indischen Christen vom ersten Tag der Katastrophe an leisten.

Obwohl die Christen in Indien nur drei Prozent der Bevölkerung ausmachen, sind sie derzeit die aktivsten Helfer im Nordwesten des Bundesstaates Andhra Pradesh. Die überwältigende Anteilnahme aus Deutschland stellte über das Missionswerk "Kinderheime Nethanja Narsapur Christliche Mission Indien" viele Spenden und Opfer zur Verfügung. So konnte die Dettinger Kirchengemeinde sofort vier neue Fischerboote samt Netzen finanzieren, wovon eines von der Pfadfindergruppe gespendet wurde. Auch hier ist es nach Auskunft des Bischofs K. R. Singh von der UCIM-Kirche nicht möglich, allen Fischern ihre Schäden zu ersetzen. Aber bei den besonders bedürftigen Familien wird zeichenhaft geholfen, unabhängig von ihrer Glaubensrichtung. Diese zweite Stufe der Hilfe wird noch einige Monate die indischen Mitarbeiter vor Ort beschäftigen, um Fischerfamilien wieder zu eigenen Booten und Hütten zu verhelfen.

Auf einer dritten, längerfristigen Stufe der Hilfe geht es um die Existenzsicherung der Frauen, die ihre Männer verloren haben, weil sie nach indischer Tradition nicht mehr heiraten dürfen und unversorgt am Rande der Gesellschaft leben müssten. Um den Witwen eine Einkommensmöglichkeit zu verschaffen, bekamen zwölf von ihnen eine Nähmaschine im Namen der Teck-Gemeinde. Weitere Möglichkeiten, den durch die Flutkatastrophe verwitweten Frauen zum eigenen Unterhalt zu verhelfen, sind eine Grundausstattung für einen mobilen Verkaufsstand, die Einrichtung einer von einer Witwe verwalteten Telefonzelle, kleine Handmühlen, um für andere gegen Lohn zu mahlen, oder gar eine Berufsausbildung für noch junge Witwen. Hierfür sollen ebenfalls Mittel verwendet werden, die von den deutschen Freunden zur Verfügung gestellt wurden und noch werden.

Weil einige hundert Kinder im Bereich der UCIM-Kirche durch die Katastrophe zu Waisen oder Halbwaisen geworden sind, wird auch die Kinderheim-Arbeit ausgeweitet. Ein neues Modell wird zusätzlich erprobt: Kinderlose junge Witwen übernehmen die Verantwortung für Waisenkinder und erhalten hierfür die Unterstützung von der Kirche. Bischof Singh verspricht sich davon neuen Lebensmut für die Witwen, weil sie eine sinnvolle Aufgabe erhalten, und Zukunftsperspektive für die Kinder, weil sie in einem überschaubaren Familienverbund aufwachsen können. Bei einem sich abzeichnendem Erfolg könnte dieses Modell ausgeweitet werden, da es noch viele unversorgte Kinder und Witwen gibt.

Für die Dettinger Kirchenvertreter gab es jedoch auch viel Erfreuliches zu erleben. So ist der fröhlich praktizierte Glaube der kleinen christlichen Minderheit in Indien eine Anregung, sich als Christen in Deutschland, einem Land großen Wohlstands und völliger Religionsfreiheit, zu hinterfragen. Daraus könnten sich auch neue Impulse für hiesige Kirchengemeinden ergeben, die dann vom Austausch mit den Christen in Asien in neuer Weise profitieren. So ist der Kontakt zu den Christen in Indien keine einseitige Angelegenheit im Geldgeben, sondern eine wirkliche Partnerschaft.