Lokales

Zeichen für Geschichtsbewusstsein

Der Kirchheimer Gemeinderat hat sich ausführlich mit der Ehrenbürgerwürde befasst, die ein Vorgängergremium vor 74 Jahren an zwei württembergische NS-Politiker verliehen hatte. Am Mittwoch haben die Ratsmitglieder nun einstimmig beschlossen, bei künftigen Nennungen offiziell zu erklären, dass die beiden Nationalsozialisten "aus heutiger Sicht" nicht mehr Ehrenbürger werden könnten.

ANDREAS VOLZKIRCHHEIM Wie es 1933 in vielen Städten und Gemeinden üblich war, hat auch die Stadt Kirchheim damals die Ehrenbürgerwürde an zwei regional bedeutende Politiker der NSDAP verliehen: an "Reichsstatthalter" Wilhelm Murr sowie an den Ministerpräsidenten und "Kultminister" Christian Mergenthaler. Beide waren fest in der nationalsozialistischen Ideologie verwurzelt und trugen in Ausübung ihrer Funktionen wesentlich dazu bei, dass diese Ideologie zwischen 1933 und 1945 auch in Württemberg zur einzigen politischen Leitlinie werden konnte.

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Keiner von beiden hat sich je spezielle Verdienste um die Stadt Kirchheim erworben. So steht es in einem gemeinsamen Antrag der Grünen- und der SPD-Gemeinderatsfraktion sowie der Frauenliste vom 7. November 2007. Ziel dieses Antrags war, dass der Gemeinderat beschließen möge, "dass es aus demokratischer Sicht völlig unwürdig ist, die Herren Murr und Mergenthaler als (ehemalige) Ehrenbürger zu führen."

Diesen Beschluss hat der Gemeinderat nun gefasst, nach eingehender Vorberatung des Finanz- und Verwaltungsausschusses in nicht-öffentlicher Sitzung. Außerdem war vereinbart worden, den damaligen NS-Politikern in der aktuellen Gemeinderatssitzung möglichst wenig Raum zu geben. Folglich gab es zu diesem Punkt keine Redebeiträge der Ratsmitglieder. Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker trug lediglich die Beschlussempfehlung des Ausschusses vor.

Demzufolge soll es kein förmliches Aberkennen und kein nachträgliches Streichen der Ehrenbürgerwürde geben. Die Stadt Kirchheim distanziert sich allerdings von diesen beiden "Ehrenbürgern" durch folgenden Zusatz bei offiziellen Nennungen: "Die Ehrenbürgerwürde wurde während der Zeit des Nationalsozialismus verliehen und würde aus heutiger Sicht nicht mehr erfolgen. Beschluss des Gemeinderates vom 12. 12. 2007". Eine Auflistung der Kirchheimer Ehrenbürger gibt es nur im Internet oder in heimatgeschichtlichen Veröffentlichungen. Dort soll künftig jeweils der genannte Hinweis mit aufgeführt werden.

Durch diesen Beschluss will der Kirchheimer Gemeinderat "ein Zeichen für Geschichtsbewusstsein setzen", wie die Oberbürgermeisterin ausführte. Die Verleihung der beiden Ehrenbürgerwürden im Jahr 1933 sei eben beispielhaft gewesen dafür, "wie damals verfahren wurde". Der Zusatz bei künftigen Nennungen sei ein eindeutiges Zeichen der Distanz.