Lokales

Zeit für Pfälzer Maronen und Afrikas Wasser

Nürtingen. An der Wand hängt noch das grüne Wahlkampfplakat aus dem Jahr 2002 mit ihrer Devise „Für Ökologie und Menschenrechte“ und einer lächelnden Uschi Eid. Doch die Papierkörbe in Dr. Eids Wahlkreisbüro in der Nürtinger Plochinger Straße sind voll, die Ordner-

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richard umstadt

und Bücherregale leer und die Archivmaterialien ihrer 20-jährigen Abgeordnetenzeit im deutschen Bundestag verteilt. Davon gehen vier Meter Ordner ans grüne Gedächtnis der Heinrich-Böll-Stiftung. Gestern schraubte Uschi Eid ihr Namensschild von der Tür des Wahlkampfbüros. Damit verlässt nicht nur die vor der Wahl dienstälteste Grüne im Bundestag die Parlamentsbühne. Die ausgewiesene Afrika-Expertin gilt auch als eine der erfahrensten Politikerinnen in der Ökopartei, und das kommt nicht von ungefähr. Die gebürtige Südpfälzerin, die noch „einige Tage vor der Geburt des Grundgesetzes“ das Licht der Welt erblickte, gehörte sieben Jahre lang als Staatssekretärin im Entwicklungshilfeministerium der rot-grünen Regierung an und saß insgesamt 20 Jahre im Bundestag. Selbst in der Opposition erwarb sich die Realpolitikerin den Respekt der Kolleginnen und Kollegen anderer Parteien. „Ich habe mich immer darum bemüht, Anträge interfraktionell einzubringen.“ Und darin war sie erfolgreich, denn Uschi Eid ist bekannt für ihre Sacharbeit und ihre Zuverlässigkeit.

Besonders freute sie sich, als Bundeskanzler Gerhard Schröder sie zu seiner persönlichen Afrika-Beauftragten ernannte. „Damals gelang uns ein neues Konzept der Kooperation mit Afrika, das Konzept der Reformpartnerschaft nach dem Motto ‚fordern und fördern‘.“ Ein weiteres persönliches Highlight Uschi Eids war 2004 die Berufung ins UNSGAB-Beratergremium zu Wasser- und Abwasserfragen unter UN-Generalsekretär Kofi Annan. Den Vorsitz hatte damals der japanische Ministerpräsident Ryutaro Hashimoto inne, seine Stellvertreterin war die Nürtinger Grüne. Sie konnte sowohl UNSGAB als auch die UN-Vollversammlung von der Wichtigkeit frischen und sauberen Wassers für die Ernährung und Gesundheit vor allem der Kinder und Frauen in Dritte-Welt- und Schwellenländern überzeugen. 2006 beschloss die UNO-Generalversammlung auf ihr Wirken hin, das Jahr 2008 zum „Jahr der sanitären Grundversorgung“ auszurufen.

Dankbar äußerte sich die grüne Vollblutpolitikerin gestern gegenüber ihrem Esslinger Kreisverband, der ihre Kapriolen mitgetragen habe. Wobei Vorstandsmitglied Matthias Weigert damit nie Probleme hatte, wie er sagte. „Wir sind immer hinter dir gestanden.“ Auch als es um ihre umstrittene Position während des Balkankrieges ging und es Ausschlussanträge hagelte. Doch die Realo-Grüne bliebt ihrer Position treu: „Es muss eine humanitär begründete Militärintervention geben.“

In ihrem Wahlkreis Nürtingen stritt sie vor allem fürs Ehrenamt. Sei es der Verkaufsdienst in den Weltläden, der Lenninger Schlössles-Verein, die Anglerjugend oder die Nachbarschaftshilfe, Uschi Eid anerkannte den Einsatz der Bürger als wichtigen Bestandteil der Demokratie und machte ihn sichtbar. Mit dem Nürtinger Grünen-Forum brachte sie internationale Politik und Kommunalpolitik zusammen und namhafte Politiker an den Neckar.

Einige Schwierigkeiten sieht Eid trotz des „wunderbaren Erfolgs“ von 10,7 Prozent bei der Bundestagswahl auf die Grünen zukommen und rät ihnen dringend, eine Strategiedebatte zu führen. „Es muss glasklar darüber diskutiert werden, ob wir eine dritte linke Partei oder eine eigenständige ökologische Kraft der Mitte sind, die auch offen für die CDU und FDP ist.“ Dass sie dabei gerne bereit ist, sich in diese Diskussion einzubringen, glaubt ihr aufs Wort, wer sie kennt. Überhaupt ist für „die Ursel“ klar, in Zukunft nicht nur Maronenrezepte in ihrem südpfälzischen Heimatort Zeiskam auszuprobieren. Bereits am Montag gibt sie an ihrem Hauptwohnsitz Berlin in der Uni ein Proseminar zu Afrikas Reformpolitik, leitet als Vize weiter das UNSGAB-Beratergremium und reist deshalb im November nach Südafrika; außerdem will sie sich als stellvertretende Vorsitzende der deutschen Afrikastiftung stärker einbringen. Dennoch wird die weltläufige Pfälzerin ihre Schwaben und damit ihre politische Heimat nicht ganz vergessen. Die Mitgliedsbeiträge will Uschi Eid weiterhin an den Esslinger Kreisverband abführen.