Lokales

Zeitlos und volkstümlich

Einen märchenhaften Maientag feierten die Owener am gestrigen Dienstag. Märchenhaft, weil die Entscheidung richtig war, trotz bewölkten Himmels am Standort Maienwasen festzuhalten. Märchenhaft darüber hinaus, weil sich die Grundschule für ihre Vorführungen das Thema "Märchen" ausgesucht hatte.

ANDREAS VOLZ

Anzeige

OWEN Der Owener Maientag und das Wetter sind seit jeher eng miteinander verbunden. Dabei muss es aber nicht immer um die kurzfristige Entscheidung gehen, ob der Maienwasen angesichts der Witterung ein geeigneter Festplatz ist oder nicht. Das Klima hatte nämlich im Lauf der Jahrhunderte auch schon längerfristige Auswirkungen auf den höchsten Feiertag der Owener: 1844 war ein schlechtes Jahr für den Wein, der damals noch unter der Teck angebaut wurde. Folglich hatten die Owener Lehrer, denen der örtliche Wein nicht so richtig schmecken wollte, im Jahr 1845 das Glück, auch ohne förmlichen Antrag die sonst übliche Weingabe von der Stadt in bar ausbezahlt zu bekommen.

Bürgermeister Siegfried Roser erwähnte dieses Detail aus der Maientagsgeschichte im Rahmen seiner Ansprache, die er gestern Vormittag traditionell vom Rathausbalkon aus hielt. Per Zeitsprung begab er sich damit bereits in die Epoche des großen dänischen Märchenerzählers Hans Christian Andersen. Dessen 200. Geburtstag war sicher der geeignete Anlass für die Sibylle-von-der-Teck-Schule, sich intensiv mit dem Thema "Märchen" zu befassen.

Märchen erzählen von menschlichen Wünschen und Sehnsüchten, aber auch von Ängsten und Augenblicken der Verzweiflung. "Märchen vermitteln die Botschaft: Das Leben kann gemeistert werden", sagte Schulleiterin Christa Eckel auf dem Maienwasen, um zu erklären, warum die alten, vertrauten Geschichten für Kinder wichtig sind. Weil Märchen außerdem die Fantasie beflügeln, sind sie auch für die gesamte Menschheit von Bedeutung. Das belegte Christa Eckel anhand eines Zitats von Astrid Lindgren: "Wie die Welt von morgen aussieht, hängt von der Einbildungskraft derer ab, die jetzt gerade lesen lernen."

Mit viel Fantasie und Liebe zum Detail waren wieder Kostüme und Requisiten hergestellt worden, sodass niemand im weiten Zuschauerrund auf dem Maienwasen allzu viel Einbildungskraft bemühen musste, um die wild wuchernden Hecken des Dornröschenschlosses zu erkennen oder die "rotglühenden" Schuhe, in denen sich Schneewittchens böse Stiefmutter zu Tode tanzt.

Märchen so alt, so volkstümlich und so zeitlos wie der Owener Maientag. Und wie zum Maientag Bändertanz, Gottesdienst, Stadtkapelle oder auch die Wurstwalze gehören, so gehört zum Märchen ein Brautpaar, das am Ende eine Hochzeit feiert. Das gilt nicht nur für die Sammlung der Gebrüder Grimm, sondern auch für die Märchen aus 1001 Nacht: Ali Baba heiratet die kluge Magd, die zuvor die Räuberbande durch eine Tanzvorstellung abgelenkt hat, sodass Ali aus der Räuberhöhle entkommen konnte.

Gegenseitige Überlistungsversuche, unverhofftes Glück und die wahre Liebe: Das ist der Stoff, aus dem die Märchen sind auch diejenigen, die Hans Christian Andersen erst geschrieben hat, als in Owen schon seit Jahrhunderten der Maientag gefeiert wurde. So konnten selbst elf aufgetürmte Matratzen auf dem Maienwasen die Prinzessin nicht darüber hinwegtäuschen, dass ihr zugemutet wurde, auf einer Erbse zu schlafen. Die Prinzessin erweist sich dadurch als echt, und außerdem hat sich der Prinz auch noch richtig in sie verliebt, wie es sich für die "wunderbare Welt der Märchen" gehört.

Mit einer "wunderbaren" Ankündigung gingen die Märchenvorführungen der Grundschüler auf dem Maienwasen zu Ende: Am heutigen Mittwoch beginnt in Owen die Schule erst um 8.30 Uhr.

Fotos: Jean-Luc Jacques