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"Zeitungsleser sind intelligent oder werden es nach und nach"

KIRCHHEIM Zwar richtete Festredner Peter Brand, Geschäftsführer des Instituts zur Objektivierung von Lern- und Prüfungsverfahren (IZOP) aus Aachen den Blick schwerpunktmäßig in die Zukunft, doch hatte

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IRENE STRIFLER

auch das obligatorische Wühlen im Archiv Interessantes zutage gebracht: Im Jahr 1861 lautete der Titel des Teckboten "Amts- , Intelligenz- und Unterhaltungsblatt", aber zehn Jahre später war der Unterhaltungsaspekt weggefallen, der Teckbote firmierte als "Amts- und Intelligenzblatt". Dass jedoch gerade heute der Unterhaltung große Bedeutung für den Erfolg einer Zeitung beizumessen ist, steht für den Fachmann außer Zweifel. Sein Institut ist seit 30 Jahren "zeitungslesefördernd" tätig und versucht, Tageszeitungen im Lehrplan von Schulen fest zu verankern.

Im Jahr 2001 bekam die Idee politischen Rückenwind: Die PISA-Studie schreckte Pädagogen und Eltern bundesweit auf. "Sprachfähigkeit und Lesen bleiben die wesentlichen Fähigkeiten für alle Bildungsgänge und für die Beteiligung an der Wissensgesellschaft", zitierte Brand einen Leitartikel, der seinerzeit in der F.A.Z. erschienen war. "Mangelnde Lesekompetenz wird unweigerlich dazu führen, dass auch die Möglichkeiten und Grenzen der Naturwissenschaft gedanklich nicht erfasst werden."

Das Entsetzen war bekanntlich groß und mündete mancherorts in regelrechten Aktionismus. Über viele der Aktionen, die nach dem PISA-Schock ins Leben gerufen wurden, kann Brand allerdings nur den Kopf schütteln. Da startete beispielsweise der Börsenverein des deutschen Buchhandels in Nordrheinwestfalen eine Initiative zum Lesen, die nur auf einem Buch mit Fotos basierte. In einem Sonderheft der "Zeitschrift für den Deutschunterricht" erschöpft sich das Thema Zeitung in der Abbildung eines Papierfliegers aus Zeitungspapier.

Als "Ergebnis" der Lesefördermaßnahmen der jüngsten Vergangenheit präsentierte Brand verschiedene Textbeiträge von Drittklässlern, die durchweg nur so vor Fehlern strotzten. "Da haben sie Angst, dass unsere Gesellschaft verblödet", meinte der Fachmann verzweifelt. Für ihn liegt die Lösung allerdings erfreulich nahe: Lokalzeitungen bieten täglich genug Stoff, auch Kinder in den Bann zu ziehen. Große Erfolge habe bereits das Projekt "Zeitung in der Grundschule" gezeigt, an dem sich auch der Teckbote seit dem Jahr 2006 beteiligt.

Einer, der das Interesse des Lesenachwuchses im vergangenen Jahr stark auf sich zog, war Problembär Bruno. "Berichte über Tiere interessieren Kinder sehr stark", fasste Brand zusammen. Aber auch Sportreportagen, Nachrichten über Verkehrsunfälle und über die Heimatgemeinde sowie spannende Fotos regen den Forscher- und Entdeckergeist an. Beispielhaft blätterte der Redner sogleich in der Teckboten-Ausgabe vom Samstag und wurde nahezu auf jeder Seite mit Themenvorschlägen fündig, die die junge Leserschaft begeistern könnten, vom Sturm Kyrill über einen Bericht aus der Wilhelma bis zur Darstellung der Teckboten-Titelseiten im Wandel der Jahrhunderte.

Die Zeitung müsse nach einer ersten Heranführung in der Grundschule Bestandteil der gesamten Schullandschaft werden. Schulbücher würden nach jedem Jahrgang angelegt, die Inhalte vergessen. Die Zeitung jedoch führe über die Schule hinaus und bewege Kinder und Jugendliche zum lebenslangen Lernen. "Zeitungsleser sind intelligent beziehungsweise werden es nach und nach", betonte Brand.

Um begabten Kindern aus benachteiligten Schichten den Zugang zur Zeitung zu schaffen, regte er "Intelligenzpatenschaften" an, die den Zeitungsbezug ermöglichen sollen. Dadurch flössen Zeitungsinhalte geradezu zwangsweise in die Unterhaltungen und in den Unterricht ein. Dass bei aller Förderung der jugendlichen Intelligenz die Unterhaltung nicht zu kurz kommen darf, versteht sich von selbst.