Lokales

Ziel: Auf erstem Arbeitsmarkt Schritt fassen

Der Begriff "Ein-Euro-Job" sorgt in der Diskussion immer wieder für Verwirrung und Kritik. In einem Interview erläutert die Leiterin der Kirchheimer Arbeitsagentur, Irene Krissler, das "Unwort" und den Sinn der Maßnahme. Sie geht aber auch auf die Kritik ein, Ein-Euro-Jobs würden reguläre Arbeitsplätze verdrängen.

RICHARD UMSTADT

KIRCHHEIM Teckbote: Was ist unter dem Begriff "Ein-Euro-Job" zu verstehen?Krissler: Der Begriff "Ein-Euro-Job" wurde von Wirtschaftsminister Wolfgang Clement geprägt. Der Fachausdruck aus dem Sozialrecht heißt "Beschäftigung im Rahmen des Mehraufwandes". Dabei handelt es sich um eine Beschäftigung in einem Sozialrechtsverhältnis. Arbeitslosengeld-II-Bezieher sind ganz normal sozialversichert. Sie gehen zu einem Träger, der gemeinnützige Arbeit anbietet und erhalten dort pro Arbeitsstunde 1,50 Euro zusätzlich zum Arbeitslosengeld II. Diese Arbeit, die in diesem Jahr noch freiwillig angenommen werden kann, ist auf 100 Stunden im Monat begrenzt und wird für sechs Monate gewährt. Sie ist im Einzelfall auf zwölf Monate verlängerbar.Teckbote: Wieviel Euro hat zum Beispiel ein allein Stehender pro Monat in der Tasche?Krissler: Nehmen wir einmal an, er erhält 345 Euro Arbeitslosengeld II im Monat plus 300 Euro für die Unterkunft und arbeitet jetzt 100 Stunden um 1,50 Euro, so sind dies zusammen 795 Euro oder auf den Stundenlohn umgerechnet 7,95 Euro. Hinzu kommen bei Bedarf Fahrtkosten und Kleidung, beides trägt der Arbeitgeber. Teckbote: Was ist das Ziel dieser Maßnahme?Krissler: Ziel einer "Beschäftigung im Rahmen des Mehraufwandes" ist es, dass der Arbeitslose wieder auf dem ersten Arbeitsmarkt Schritt fassen kann. Deshalb werden unter anderem laut Sozialgesetzbuch Arbeitsgelegenheiten gefördert, wenn es sich dabei um zusätzliche, gemeinnützige Täigkeiten handelt und diese arbeitsmarktpolitisch zweckmäßig sind und sich dazu eignen, die Beschäftigungsfähigkeit des Bewerbers zu erhalten und die Hinführung zum Arbeitsmarkt zu unterstützen.Teckbote: Wer legt dies fest?Krissler: Der Personenkreis der Arbeitslosen, die für einen Ein-Euro-Job in Frage kommen, wird von der Vermittlungsfachkraft festgelegt. Die Arbeitslosen sollen entsprechend der Tätigkeit, die sie einmal ausübten, oder den Fähigkeiten, die sie mitbringen, eingesetzt werden. Dies wird im Gespräch mit den Betroffenen erörtert.Teckbote: Besteht die Gefahr, dass Ein-Euro-Jobs reguläre Arbeitsplätze verdrängen, wie es zum Beispiel vom Handwerk befürchtet wird?Krissler: "Beschäftigungen im Rahmen des Mehraufwandes werden laut Sozialgesetzbuch unter anderem nur dann gefördert, wenn keine bestehenden Arbeitsplätze dadurch ersetzt oder gefährdet werden und keine Wettbewerbsverzerrungen durch die Arbeitsgelegenheiten eintreten. Es wird Aufgabe der Arbeitsgemeinschaft sein, zu prüfen, handelt es sich dabei um eine zusätzliche Arbeit oder eine Pflichtaufgabe. Das ist nicht immer einfach, denn die Grenzen sind fließend und schwarze Schafe gibt es immer wieder. Teckbote: Was ist unter einer zusätzlichen Arbeit zu verstehen?Krissler: Zum Beispiel mit alten Menschen aus einem Altersheim spazierengehen, oder für alte Menschen einkaufen gehen, oder in einer Kommune für den Bauhof Grünflächen säubern. Viele der zusätzlichen Arbeiten sind vormals von Zivildienstleistenden verrichtet worden. Da sie jetzt ausfallen, können die Zusatzarbeiten im Rahmen des Mehraufwandes abgedeckt werden. Teckbote: Sind Ein-Euro-Jobs in der Lage, Langzeitarbeitslose zum ersten Arbeitsmarkt hinzuführen?Krissler: Langzeitarbeitslose müssen durch eine Beschäftigung im Rahmen des Mehraufwandes wieder zu einem strukturierten Tagesablauf hingeführt werden. Sie sollten den Eindruck gewinnen: Ich bin wieder was wert. Deshalb ist auch eine Betreuung durch den Arbeitgeber der gemeinnützigen Tätigkeit notwendig. Dafür erhält der Träger so genannte Regiekosten in unterschiedlicher Höhe, je nach Betreuung und Qualifizierung, die er bietet. Zum anderen besteht für den Arbeitslosen die Chance, sich umzuorientieren und in der neuen Tätigkeit eine Alternative zu seiner bisherigen Beschäftigung zu sehen.Teckbote: Wieviele Ein-Euro-Jobs gibt es im Landkreis Esslingen?Krissler: Im Landkreis Esslingen werden im Moment über 250 Beschäftigungsmöglichkeiten angeboten. Rund 170 davon sind bereits besetzt. Im kommenden Jahr gehen wir von insgesamt 400 bis 500 Arbeitsplätzen im Rahmen des Mehraufwandes aus.Teckbote: Und wieviele Arbeitslose kommen dafür in Frage?Krissler: Das ist im Moment schwierig zu sagen. Eine genaue Zahl können wir erst nennen, wenn wir die Kunden kennen und entsprechend ihres Bewerberprofils Wege zur Integration in die Arbeit für sie gefunden haben. Ein Weg davon kann der über die Beschäftigung im Rahmen des Mehraufwandes sein.Teckbote: In welchen Bereichen werden die Zusatzjobs angeboten?Krissler: Das sind diakonische und caritative Einrichtungen wie Möbelläden und Carisatt-Läden, Freizeithelfer in sozialpädagogischen Einrichtungen wie dem Christlichen Jugenddorf CJD, auch Vereine kommen dafür in Frage, zum Beispiel mit Landschaftspflege, der Behindertenbereich mit Kinderfahrdiensten, Hausmeister und Hauswirtschafte-rinnen in Pflegeheimen, Einkaufsservice für kranke und alte Menschen, Kleinmontage in gemeinnützigen Einrichtungen wie der Esslinger Beschäftigungs-Initiative EBI oder bei ArBeg in Wernau, Internetcafes im Erwerbslosenbereich, kommunale Bauhöfe, Büchereien und Archiven, aber auch Tierheime. Dann gibt es noch zusätzliche Betreuungsangebote in Kindergärten und Schulen sowie die Pflege von Spielplätzen.

Anzeige